Home
http://www.faz.net/-gx3-73aed
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stoffwechselerkrankung Den Urin versüßen und Diabetes mildern

 ·  Für eine neue Strategie gegen die Zuckerkrankheit stand ein seltener Gendefekt Pate. Substanzen, die diesen Gendefekt beim Typ-2-Diabetiker imitieren, sind schon in der klinischen Erprobung.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (9)
© dapd Vergrößern Versüßt man den Urin, bessert sich der Diabetes. Willkommener Nebeneffekt ist der Gewichtsverlust.

Diabetes mellitus heißt wörtlich übersetzt „honigsüßer Durchfluss“ und hat sich als Begriff für eine Stoffwechselstörung eingebürgert, die eigentlich durch überhöhten Blutzucker gekennzeichnet ist. Das geht auf zwei Beobachtungen zurück, an denen man ursprünglich die Diagnose festmachte: Die erste betrifft die übermäßige Urinausscheidung, die schon in der Antike auf einem ägyptischen Papyrus im Jahr 1550 vor Christus beschrieben wurde, und für die im ersten Jahrhundert nach Christus der griechische Arzt Aretaios den Ausdruck Diabetes einführte. Die zweite reicht ins 17. Jahrhundert zurück, als das Probieren des Urins dem Diagnoserepertoire der Ärzte hinzugefügt wurde. Der englische Arzt Thomas Willis benannte als Kennzeichen des Diabetes den honigsüßen Uringeschmack.

Die neuesten Medikamente, die derzeit in den Pipelines verschiedener Pharmaunternehmen warten, machen die Zuckerkrankheit wieder zu dem, was sie einmal war: zum honigsüßen Durchfluss. Gleich mehrere Kandidaten wurden bereits in klinischen Studien getestet und könnten das Repertoire der Diabetestherapie künftig erweitern.

Was paradox anmutet, erweist sich bei näherer Betrachtung als ausgesprochen eleganter Forschungsansatz, den Ele Ferrannini und Anna Solini von der Universitätsklinik in Pisa in einer Arbeit für „Nature Reviews in Endocrinology“ näher beleuchten (Bd. 8, S. 495). SGLT-2-Inhibitoren heißen die Substanzen, die den Urin des Diabetikers süß werden lassen. Sie wirken als Hemmstoffe des Natrium-Glukose-Kotransporters-2.

Das Prinzip dahinter nutzt die Tatsache, dass wir eigentlich eine erhebliche Menge unseres Blutzuckers über den Urin verlieren würden, wenn die Niere ihn nicht wieder zurückholen könnte. Der Primärharn, der bei der Filterung des Blutes zunächst entsteht, wird in den Nieren noch einmal durch ein System biologisch aktiver Leitungen geschleust, die wichtige Substanzen wieder zurückgewinnen. So retten die beiden Nieren für den Körper täglich etwa 150 bis 180 Gramm Glukose, maximal würden sie es schaffen, 300 Gramm zurückzuhalten. Doch je mehr Zucker im Blut kursiert, desto schwerer tut sich die Niere, den gesamten Zucker wieder zurückzugewinnen.

Zu viel Glukose im Blut

Infolgedessen ist bei einer Konzentration von etwa 180 Milligramm Glukose je Deziliter Blut ihre Kapazität erschöpft, und das ist der Grund, warum der Urin des Zuckerkranken süß wird - der Patient hat so viel Glukose im Blut, dass die Niere überfordert ist.

Beim Typ-1-Diabetes, der lange für die einzige Form der Zuckerkrankheit gehalten wurde, versagt die Insulinproduktion; die Glukose wird nicht mehr in die Organe aufgenommen, sondern häuft sich im Blut an. Diese Patienten benötigen Insulin, um ihre Zellen überhaupt wieder mit dem Nährstoff Glukose versorgen zu können. Inzwischen machen jedoch die Typ-2-Diabetiker mehr als neunzig Prozent der Zuckerkranken aus. Sie verfügen noch über Insulin, ihre Organe werden auch noch ausreichend mit Zucker versorgt, allerdings sind sie damit überfordert, den überhöhten Blutzucker gänzlich zu verbrauchen - nicht zuletzt angesichts der häufig überkalorischen und kohlenhydratreichen Ernährung.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
  Weitersagen Kommentieren (22) Merken Drucken
Weitere Empfehlungen
Kehrseite des Wohlstandbooms Jeder dritte Diabetiker ist Chinese

Nirgendwo nehmen Zivilisationskrankheiten so rapide zu wie in der Volkrepublik. Die Aktienmärkte fürchten etwas anderes: Dass China zum kranken Mann der Weltwirtschaft wird. Mehr

15.04.2014, 06:26 Uhr | Wirtschaft
E-Shishas bei Jugendlichen in Mode Bedenklicher Dampf auf dem Pausenhof

E-Shishas sind so etwas wie Wasserpfeifen für die Hosentasche. Ärzte warnen vor Gefahren, besonders für Jugendliche. Sie konsumierten immer häufiger E-Shishas, obwohl sie eigentlich Nichtraucher seien. Mehr

11.04.2014, 10:03 Uhr | Rhein-Main
Fettsucht in Schwellenländern Die dicken Kinder von Schanghai

Jeder dritte Chinese hat Übergewicht. Typisch für Schwellenländer: Mit dem Wohlstand wächst der Appetit. Mehr

20.04.2014, 10:20 Uhr | Wirtschaft

03.10.2012, 13:00 Uhr

Weitersagen