Home
http://www.faz.net/-gwz-73aed
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Stoffwechselerkrankung Den Urin versüßen und Diabetes mildern

Für eine neue Strategie gegen die Zuckerkrankheit stand ein seltener Gendefekt Pate. Substanzen, die diesen Gendefekt beim Typ-2-Diabetiker imitieren, sind schon in der klinischen Erprobung.

© dapd Versüßt man den Urin, bessert sich der Diabetes. Willkommener Nebeneffekt ist der Gewichtsverlust.

Diabetes mellitus heißt wörtlich übersetzt „honigsüßer Durchfluss“ und hat sich als Begriff für eine Stoffwechselstörung eingebürgert, die eigentlich durch überhöhten Blutzucker gekennzeichnet ist. Das geht auf zwei Beobachtungen zurück, an denen man ursprünglich die Diagnose festmachte: Die erste betrifft die übermäßige Urinausscheidung, die schon in der Antike auf einem ägyptischen Papyrus im Jahr 1550 vor Christus beschrieben wurde, und für die im ersten Jahrhundert nach Christus der griechische Arzt Aretaios den Ausdruck Diabetes einführte. Die zweite reicht ins 17. Jahrhundert zurück, als das Probieren des Urins dem Diagnoserepertoire der Ärzte hinzugefügt wurde. Der englische Arzt Thomas Willis benannte als Kennzeichen des Diabetes den honigsüßen Uringeschmack.

Die neuesten Medikamente, die derzeit in den Pipelines verschiedener Pharmaunternehmen warten, machen die Zuckerkrankheit wieder zu dem, was sie einmal war: zum honigsüßen Durchfluss. Gleich mehrere Kandidaten wurden bereits in klinischen Studien getestet und könnten das Repertoire der Diabetestherapie künftig erweitern.

21594540 © AP Vergrößern Den Zuckergehalt im Urin messen, das ist ein häufig eingesetzter Diabetes-Test.

Was paradox anmutet, erweist sich bei näherer Betrachtung als ausgesprochen eleganter Forschungsansatz, den Ele Ferrannini und Anna Solini von der Universitätsklinik in Pisa in einer Arbeit für „Nature Reviews in Endocrinology“ näher beleuchten (Bd. 8, S. 495). SGLT-2-Inhibitoren heißen die Substanzen, die den Urin des Diabetikers süß werden lassen. Sie wirken als Hemmstoffe des Natrium-Glukose-Kotransporters-2.

Das Prinzip dahinter nutzt die Tatsache, dass wir eigentlich eine erhebliche Menge unseres Blutzuckers über den Urin verlieren würden, wenn die Niere ihn nicht wieder zurückholen könnte. Der Primärharn, der bei der Filterung des Blutes zunächst entsteht, wird in den Nieren noch einmal durch ein System biologisch aktiver Leitungen geschleust, die wichtige Substanzen wieder zurückgewinnen. So retten die beiden Nieren für den Körper täglich etwa 150 bis 180 Gramm Glukose, maximal würden sie es schaffen, 300 Gramm zurückzuhalten. Doch je mehr Zucker im Blut kursiert, desto schwerer tut sich die Niere, den gesamten Zucker wieder zurückzugewinnen.

Zu viel Glukose im Blut

Infolgedessen ist bei einer Konzentration von etwa 180 Milligramm Glukose je Deziliter Blut ihre Kapazität erschöpft, und das ist der Grund, warum der Urin des Zuckerkranken süß wird - der Patient hat so viel Glukose im Blut, dass die Niere überfordert ist.

Beim Typ-1-Diabetes, der lange für die einzige Form der Zuckerkrankheit gehalten wurde, versagt die Insulinproduktion; die Glukose wird nicht mehr in die Organe aufgenommen, sondern häuft sich im Blut an. Diese Patienten benötigen Insulin, um ihre Zellen überhaupt wieder mit dem Nährstoff Glukose versorgen zu können. Inzwischen machen jedoch die Typ-2-Diabetiker mehr als neunzig Prozent der Zuckerkranken aus. Sie verfügen noch über Insulin, ihre Organe werden auch noch ausreichend mit Zucker versorgt, allerdings sind sie damit überfordert, den überhöhten Blutzucker gänzlich zu verbrauchen - nicht zuletzt angesichts der häufig überkalorischen und kohlenhydratreichen Ernährung.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Sagen Sie mal, Frau Doktor Muss man bei der Blutentnahme nüchtern sein?

Ärztin Christina Stefanescu antwortet auf Fragen, die Sie schon immer mal stellen wollten – ganz ohne Termin. Heute: Warum ein fettreiches Frühstück und Cola die Blutwerte verfälschen. Mehr

31.08.2015, 12:42 Uhr | Gesellschaft
Zugunglück in Philadelphia Suche nach Vermissten hält an

Nach dem schweren Zugunglück in Philadelphia hält die Suche nach Vermissten an. Der Bürgermeister teilte mit, das Suchgebiet werde ausgeweitet. Nach ersten Untersuchungen entgleiste der Zug wegen überhöhter Geschwindigkeit. Mehr

14.05.2015, 12:17 Uhr | Gesellschaft
Gesundheitsdaten Wenn Google in unser Innerstes vordringt

Der Internetkonzern kooperiert mit Sanofi zur Bekämpfung von Diabetes. Dafür sammelt er umfassende Gesundheitsdaten. Laut der Unternehmen geschieht dies zum Wohle der Kranken. Datenschützer haben Bedenken. Mehr Von Christian Schubert, Klaus Max Smolka und Roland Lindner

01.09.2015, 17:34 Uhr | Wirtschaft
Klinische Studie Ebola-Impfstoff gibt Grund zur Hoffnung

Die Medizin ist im Kampf gegen das Ebola-Virus offenbar einen Schritt weiter gekommen: Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben Wissenschaftler vielversprechende Daten einer klinischen Studie vorgestellt. Mehr

11.04.2015, 13:28 Uhr | Wissen
Gefährliches Bisphenol Das Zeug ist wirklich überall

Nicht nur in Babyflaschen steckte bis vor kurzem Bisphenol A. Weil es in Verruf geraten ist, sucht man nach Ersatz. Leicht zu finden ist der nicht. Und nicht unbedingt sicherer. Mehr Von Claudia Füßler

21.08.2015, 10:40 Uhr | Wissen

Veröffentlicht: 03.10.2012, 13:00 Uhr

Weiches Wissen

Von Ulf von Rauchhaupt

Mehr als die Hälfte aller psychologischen Studien sind nicht reproduzierbar. Das geht sicher besser - aber nicht beliebig besser. Mehr 40 21