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Stammzelltherapien Stammzellen für Gelähmte

23.01.2009 ·  In Amerika ist die erste klinische Studie mit embryonalen Stammzellen genehmigt worden. Bis zu zehn Unfallopfer sollen behandelt werden. Präsident Bush hatte solche Versuche stets abgelehnt. Ist die Zulassung Folge des Machtwechsels in Washington?

Von Joachim Müller-Jung
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Möglicherweise ist es gar nicht der weltweit erste Behandlungsversuch mit embryonalen Stammzellen an Menschen, sehr wahrscheinlich sogar hat es in weniger reglementierten Ländern wie China schon Experimente an schwer kranken Patienten gegeben. Unbestritten aber ist die klinische Studie der kalifornischen Firma Geron, die jetzt offensichtlich von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA genehmigt worden ist, der erste offizielle und von vielen lange erwartete Therapieversuch.

Die Mitteilung über die Zulassung durch die Pressestelle der kalifornischen Firma jedenfalls ist gezeichnet von der Erleichterung, endlich eine der biopolitisch umstrittensten medizinischen Techniken in die Klinik zu bringen. Genehmigt worden ist der Versuch, an wenigen Patienten mit schweren Rückenmarkverletzungen - die Rede ist von acht bis zehn - die Sicherheit der aus embryonalen Stammzellen hergestellten Nervenersatzzellen zu testen. Dabei handelt es sich um rückenmarksgeschädigte, aber nicht vollständig querschnittgelähmten Patienten. Solche Patienten sollen erst in späteren klinischen Studien mit den Zellen behandelt werden. In dieser ersten Phase geht es zunächst nicht um einen Heilversuch. Aber die Auswahl der von den Wissenschaftlern gewählten klinischen Endpunkte zeigt, dass man sich einen möglicherweise sogar raschen therapeutischen Effekt verspricht.

Erprobung an Unfallopfern

Durchgeführt werden die Therapieversuche an einem halben Dutzend Kliniken im Land. In Frage kommen dabei erst einmal nur freiwillige Unfallopfer, die schwere Verletzungen der mittleren Brust- und Rückenwirbel (T3-T10) erlitten haben. Von acht bis zehn Versuchspersonen ist die Rede. Ihnen werden nach Einwilligung ein bis zwei Wochen nach der Rückenmarksverletzung Vorläufer von spezialisierten Nervenzellen, sogenannten Oligodendrozyten, ins Rückenmark injiziert. Diese Vorläufer hat man in den Labors von Geron aus einer Stammzelllinie H1 gewonnen, die bereits vor acht Jahren erzeugt und unter der restriktiven Stammzellpolitik der Bush-Regierung auch offiziell genehmigt und registriert worden war. Die Stammzellen waren als Ressource für zahlreiche Tierexperimente in den vergangenen Jahren schon genutzt worden. Unter anderem hat Geron nach eigenen Angaben daraus fünf Milliarden Nervenzellvorläufer erzeugt, die für die 24 vorklinischen Tierversuche genutzt wurden.

Diese Ergebnisse waren Grundlage für die Zulassungsentscheidung der FDA. In dem 21.000-seitigen Antrag wurde etwa gezeigt, dass die injizierten Stammzellabkömmlinge an der verletzten Stelle des Rückenmarks das Überleben der Nervenzellverbindungen verbesserte und die zur Heilung notwendige Isolierung der Nervenzellausläufer - zur Erneuerung der Myelinscheiden - ermöglichte. Das Loch im Rückenmark, das sich nach der Verletzung gebildet hatte, wurde durch die einwandernden Oligodendrozyten-Vorläufer gefüllt. Zwischen den durchtrennten Enden bildeten sich schon nach einem Dreivierteljahr neue Nervenverbindungen.

Nach Bush

Wie gesagt: Alles bisher nur im Tierversuch, und niemand kann sagen, ob dieser Ansatz beim Menschen den gleichen Effekt hat. Jedenfalls waren die so behandelten akut querschnittgelähmten Ratten etwa wieder in der Lage, anschließend auch ihre Hinterbeine wieder einzusetzen - wenn auch keineswegs wieder völlig störungsfrei. Im Jahr 2007 waren die entscheidenden Tierstudien von Wissenschaftlern der Firma in der Zeitschrift „Journal of Neuroscience“ veröffentlicht worden. Kurze Zeit später wurden die Zulassungsanträge für Transplantationsversuche mit der Oligodendrozyten-Kultur Nr. GRNOPC1 gestellt. Präsident Bush allerdings hatte stets klar gemacht, dass er Menschenversuche mit embryonalen Stammzellen nicht dulden wolle.

Weil diese Stammzellen aus bis zu zwei Wochen alten und einhundert bis zweihundert Zellen großen Embryonen gewonnen wurden, die aus Reproduktionskliniken stammten, hatte Bush stets religiöse und ethische Bedenken angemeldet und eine restriktive Stammzellpolitik im Land durchgesetzt. Die galt allerdings nur für die Finanzierung von Projekten an staatlichen Instituten. Die freie Wirtschaft war viel freier, konnte aber auf die für solche Studien nötige finanzielle und personelle Unterstützung an den großen Kliniken kaum rechnen.

Eine angekündigte Wende in der Stammzellpolitik

Dass die Zulassung für Geron nun ausgerechnet wenige Tage nach dem Ende der Bush-Ära eintrifft, halten viele Beobachter für keinen Zufall. Das Geron-Management streitet zwar ab, dass man behindert worden oder der Genehmigungsprozess verschleppt worden sei. Sicher aber ist, dass der neue Präsident Obama schon während des Wahlkampfes eine Änderung der Stammzellpolitik angekündigt und den Befürwortern der embryonalen Stammzellforschung seine Unterstützung zugesagt hatte.

Geron selbst war in der Bush-Ära durchaus schon in finanzielle Schwierigkeiten geraten und drohte gelegentlich, die aufwändige Forschung zu verlassen. Nun rüstet sich offenbar Thomas Okarma, der Vorstandschef der Biotechnik-Firma Geron in Menlo Park, für eine möglicherweise neue Ära der regenerativen Medizin: „Unsere Stammzellbank könnte genügend Material für die kommerzielle Herstellung von GRNOPC1 liefern, um damit den gesamten amerikanischen Markt für Querschnittverletzungen zu decken.“

Ob Geron allerdings überhaupt in diese günstige Lage kommt, müssen erst die Patientenversuche zeigen. Es wäre nicht das erste Mal - speziell bei biologisch hergestellten Medikamenten und Zellpräparaten -, dass man in Versuchen an Patienten andere oder jedenfalls nicht dieselben erwünschten Therapiewirkungen wie bei Versuchstieren feststellt. Schließlich gilt es als Erstes auch zu klären, wie es um das Risiko steht, dass die transplantierten Nervenzell-Vorläufer entarten und möglicherweise Tumore bilden. In den Experimenten mit Nagern hat man zwar nach einem Jahr keinerlei Geschwülste entdeckt. Aber auch hier gilt: Ratte ist Ratte, Mensch ist Mensch.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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