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Montag, 13. Februar 2012
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Stammzelltherapie Ein steiniger Weg

15.10.2007 ·  Der Dolly-Kloner Alan Colman erläutert, weshalb die Klinikstudien in der Stammzelltherapie ausbleiben. Das liegt nicht nur an strengen Gesetzen und hohen gesundheitlichen Risiken, sondern auch am Geld.

Von Sascha Karberg, Singapur
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Schon im nächsten Jahr wollte die Stammzellfirma „ES Cell International“ die ersten Patienten testweise mit Zelltherapien auf Basis embryonaler Stammzellen behandeln. Doch jetzt hat die Firma ihr Ziel aufgeben müssen. Die Risikokapital-Investoren hatten Bedenken, dass dieses Ziel noch zu weit entfernt sei, so Firmengründer Alan Colman.

1996 war der Forscher dabei, als im kühl-nebligen Schottland das Klonschaf Dolly geboren wurde. Seit 2001 lebt der Brite lieber im schwülheißen Singapur. Mit sechs Millionen amerikanischen Dollar hatte der aufstrebende Stadtstaat den Start der Firma unterstützt, um embryonale Stammzellen anwendungs- und marktreif für die Therapie von degenerativen Erkrankungen zu machen.

Einen Automotor reparieren während er läuft

Dass Colmans Firma dieses Ziel vorerst hat aufgeben müssen, liegt nicht am Standort, sondern am Entwicklungsstand der Stammzellforschung. Colman meint, dass es um die Stammzelltherapie ähnlich wie einst in der Gentherapie „viel Hype“ gegeben habe. „Wir müssen sehr genau aufpassen, nicht vorschnell Erwartungen zu wecken.“ Ihm sei immer klar gewesen, dass es lange dauern würde, die Stammzelltherapie zu etablieren.

„Es ist eine enorme technische Herausforderung, aus embryonalen Zellen spezialisierte Körperzellen zu machen“, erklärt der Forscher. Dazu müsse man den Zellen bestimmte Instruktionen geben, doch bisher wisse man kaum, welches die richtigen Signale sein könnten. Und selbst wenn dann die richtigen Zellen im Labor wachsen, müssen sie noch an die richtige Stelle im Körper gebracht werden.

Wenn etwa chronische Herzerkrankungen behandelt werden sollen, dann müssen die Zellen in ein schlagendes Herz integriert werden. „Das ist ein wenig so, als würde man einen Automotor reparieren wollen, während er gerade läuft“, meint Colman. Viele solcher Probleme seien zu lösen, bis man ein Produkt habe, das sicher ist und gut funktioniert, „und deshalb verzögert sich das alles“.

„Es kommt darauf an, was der Zug transportiert.“

Das solle aber nicht heißen, dass es längerfristig mit embryonalen Stammzelltherapien keine Erfolge geben könne, so Colman, der weiter an embryonalen Stammzellen forschen will, „weil wir nach wie vor sicher sind, dass embryonale Stammzellen eine große Bedeutung haben werden“. Allerdings nicht im Rahmen seiner Firma, sondern im „akademischen Sektor“. Colman leitet das Stammzellkonsortium in Singapur, das umgerechnet siebzig Millionen Euro in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahren zur Verfügung hat, die für alle Typen von Stammzellforschung eingesetzt werden sollen. Wann aus diesen Forschungen Therapien werden können, bleibt offen.

Konkrete Produkte werde man in den nächsten drei, vier Jahren aber eher auf Basis adulter Stammzellen sehen - mit mesenchymalen Stammzellen aus dem Knochenmark, der Plazenta oder der Nabelschnur. Aber Colman denkt nicht, auf den falschen Zug gesprungen zu sein. „Es gibt eine ganze Reihe von Zügen, und sicher läuft der eine oder andere früher im Bahnhof ein“, sagt der Forscher. „Aber es kommt darauf an, was der Zug transportiert.“ Mesenchymale Stammzellen werden niemals sinnvoll chronische Herzerkrankungen reparieren können, embryonale Stammzellen hingegen schon, so Colman. „Ich habe immer gesagt, dass wir an adulten Stammzellen forschen müssen, aber nicht ausschließlich.“

Die sechs „Bush-Linien“

Trotzdem wird sich auch ES Cell International künftig auf „marktnähere Forschungsfelder“ konzentrieren. Da in den Vereinigten Staaten künftig alle neuen Medikamente auf Nebenwirkungen im Herzen getestet werden müssen, besteht großer Bedarf an Herzmuskelgewebe, das für solche Tests verwendet werden könnte. „Wir können diese Zellen aus embryonalen Stammzellen herstellen.“ Zwar sind diese künstlich gezüchteten Herzmuskelzellen noch nicht sicher genug für den Einsatz am Menschen, doch für Medikamententests sollten sie ausreichen. Trotzdem muss auch der Gebrauch solcher Zellen als Test erst noch validiert werden, räumt Colman ein.

Geld wird seine Firma vorerst allein durch den Verkauf von Stammzelllinien verdienen können. Sechs „Bush-Linien“ hat die Firma anzubieten, also embryonale Stammzelllinien, die nach den Richtlinien der Bush-Regierung für öffentlich geförderte Forschungslabors zugelassen und deshalb für den Export - teilweise auch nach Deutschland - geeignet sind.

„Es könnten Menschen sterben“

Aufgrund der derzeit in Deutschland diskutierten Stichtagsregelung, nach der nur embryonale Stammzelllinien importiert werden dürfen, die vor dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden, werden deutsche Forscher auf sechs neue Stammzelllinien Colmans allerdings verzichten müssen. Im Juni 2006 hat ES Cell International sechs weitere embryonale Stammzelllinien hergestellt, die speziell für den Gebrauch in der Klinik am Menschen geeignet sind, weil der Einsatz von tierischen Komponenten in den Kulturen so weit wie möglich ausgeschlossen wurde. Während herkömmliche Stammzelllinien auf einer Nährschicht aus tierischen Helfer-Zellen wachsen, sind Colmans Linien auf menschlichen Zellen gewachsen - und sind damit die einzigen Stammzellen, die in Europa für klinische Tests am Menschen zugelassen werden können.

Doch ob diese Linien für den klinischen Einsatz tatsächlich sicher sind, hat Colman bisher nicht testen können, weil seiner Firma kurz vor den ersten Tests nun das Geld ausging. Und ein Restrisiko besteht, denn auch Colman konnte nicht gänzlich auf tierische Komponenten bei der Herstellung der neuen Linien verzichten. Sicher werde es in Zukunft noch bessere Linien geben. „Aber es könnten Menschen sterben, wenn wir immer auf die Zukunft warten müssen.“

Quelle: F.A.Z., 16.10.2007, Nr. 240 / Seite 38
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