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Säuglingsernährung Stillen gegen alle Widerstände

 ·  Muttermilchforscher plädieren ohne Wenn und Aber für das Stillen - sogar, wenn die Mutter Arzneimittel nimmt. Frühgeborene profitieren besonders, ergaben neue Studien.

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Im Streit um die beste Kinderbetreuung nach der Geburt werden derzeit die Fakten oft der Weltanschauung geopfert. Zu den gängigen und wenig hinterfragten Begründungen für eine längere berufliche Auszeit zählt nicht zuletzt das Stillen, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO immer noch für sechs Monate empfohlen wird. Hierzulande sehen sich Mütter oft vor eine Entweder-stillen-oder-arbeiten-Entscheidung gestellt und kapitulieren früh. Dass man das Stillen jedoch nicht gegen den Beruf ausspielen muss, zeigen die eindrucksvollen Zahlen, die Peter Hartmann, der Doyen der australischen Muttermilchforschung, unlängst auf einem Symposion in Wien präsentieren konnte. Zum siebten Mal traf sich dort auf Einladung von Medela, einem Hersteller von Milchpumpen und Still-Zubehör, die noch immer exklusiv kleine Gruppe von Laktationsforschern. Es verwundert nicht, dass die meisten Vertreter aus Australien kamen, denn Hartmann hat an der University of Western Australia in Crawley eines der weltweit führenden Zentren rund um das Thema Muttermilch und Laktation aufgebaut.

Nachdem in den siebziger Jahren die Stillquote in Australien auf dem Tiefpunkt war - nur ein Zehntel der Mütter stillte die Kinder bis zu sechs Monate -, ging es danach durch aktive Publicity und politische Unterstützung kontinuierlich aufwärts. Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2010 stillen dort 96 Prozent der Mütter kurz nach der Geburt, nach vier Monaten noch knapp siebzig Prozent, und nach sechs Monaten sind es noch sechzig Prozent. Das hindert sie nicht am beruflichen Wiedereinstieg. Noch neun Monate nach der Geburt stillen mehr als die Hälfte der Mütter, die dann wieder bis zu neun Stunden in der Woche arbeiten, nach einem Jahr sind es immerhin noch vierzig Prozent. Wer diese Frauen als berufliche Leichtgewichte abtun möchte, sollte zur Kenntnis nehmen, dass selbst von den Müttern, die mehr als 35 Stunden in der Woche berufstätig sind, noch ein Viertel nach einem Jahr stillt. Im Vergleich zu dieser australischen „Yes she can“-Variante hinken die Vereinigten Staaten und Europa hinterher, auch die deutschen Mütter: Nur rund zwei Drittel verlassen hierzulande überhaupt stillend die Entbindungsklinik, nach sechs Wochen geben nur noch vierzig Prozent dem Kind die Brust.

Adäquate Testung der Arzneimittel

Mütter sollten sich selbst dann nicht vom Stillen abhalten lassen, wenn sie Medikamente einnehmen müssen. Für Tom Hale von der Texas Tech University for Medicine ist der ärztliche Rat, wegen einer Therapie abzustillen, schlicht falsch, veraltet und doch leider weit verbreitet. Die Brust verfügt über ein einzigartiges Filtersystem, das den Übertritt zahlreicher Substanzen in die Milch von vorneherein nicht zulässt. Zwar sind rund zwei Drittel aller marktüblichen Medikamente nicht im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf Stillende und ihre Milch untersucht. Deshalb plädierte Hale auch dafür, die Zulassung an eine adäquate Testung für stillende Mütter zu knüpfen. Gleichwohl gibt es heute schon für etliche Substanzgruppen, etwa Hochdruckmedikamente, Antibiotika oder Psychopharmaka, sichere Alternativen, die der Arzt nur kennen muss. Gefährlich sei weniger die Therapie als deren Unterlassen, sagte Hale, denn: „Gesunde Mütter haben nun mal gesündere Kinder als kranke Mütter, das gilt auch für die Stillperiode.“

Für Frühgeborene ist der Zugang zu Muttermilch buchstäblich eine Frage des Überlebens. Weltweit kommen jährlich mehr als fünfzehn Millionen Kinder zu früh auf die Welt, in Deutschland betrifft das neun Prozent aller Neugeborenen. Laut der neuesten WHO-Statistik sterben zwei Drittel der Frühgeborenen. Ihre Überlebenswahrscheinlichkeit steigt unter Muttermilchernährung erheblich, wie Lars Bode erläuterte. Er untersucht an der University of California in San Diego komplexe Zuckerverbindungen, die inzwischen als Humane Oligosaccharide oder HMO Karriere gemacht haben. Bei den meisten anderen Säugern gibt es sie nicht. Sie schützen zum Beispiel vor der nekrotisierenden Enterokolitis, eine Wirkung, die derzeit keine Kunstmilch nachahmen kann. Diese Darmentzündung ist in einem Viertel der Fälle tödlich, Frühgeborene sind sechsmal so häufig betroffen wie reif geborene Kinder. Dem Team um Bode ist es gelungen, einen einzelnen der mehr als 150 bekannten HMO-Zucker zu identifizieren, der für den Schutz des Darms offenbar besonders wichtig ist. Ob es jedoch helfen würde, diesen Zucker einer Kunstmilch beizufügen, ist nicht untersucht, da es ethisch bedenklich wäre, innerhalb des ohnehin sehr gefährdeten Kollektivs der Frühgeborenen eine solche Vergleichsstudie zu beginnen.

Milchbanken sind sinnvoll

Weil Frühgeborene oft noch nicht richtig saugen können, ihre Mütter deswegen auch seltener Milchfluss haben, und weil ein Nachbau der Muttermilch derzeit für unmöglich gehalten wird, hilft nur eine abgewandelte Ammenkultur: Milchspenden von Müttern werden in Milchbanken gesammelt und an Säuglinge verteilt, die sie am nötigsten haben, Frühgeborene eben. Während dieses Prinzip in Deutschland immer mehr verkümmert - Spenderinnen sind dringend gesucht -, wird in Australien Muttermilch derzeit konkurrenzlos erfolgreich gesammelt. Ben Hartmann widmet sich seit 2007 an der University of Western Australia dem Ausbau einer Muttermilchbank. Dort wurden im Jahr 2006 43 Liter gespendet, 2011 waren es bereits 931 Liter.

Dass die Muttermilchforschung lange Zeit vernachlässigt wurde, könnte sich bald ändern. Seit nämlich im Jahr 2008 Stammzellen des Brustdrüsengewebes aus der Muttermilch isoliert wurden, wird sie zum Objekt der Forscherbegierde. Erst kürzlich konnte Foteini Hassiotou aus Hartmanns Team zeigen, dass diese Zellen pluripotent sind, als Vorstufen von zahlreichen Organen taugen. Sie kommen somit dem Ideal der embryonalen Stammzellen nahe und sind dennoch ungleich einfacher in der Muttermilch zugänglich. Vielleicht unterstützen deshalb künftig am ehesten die Grundlagenforscher eine politische Agenda, die stillenden Müttern bessere Bedingungen verschafft - oder die Wissenschaftler müssen auch in Australien an der Milchbank Schlange stehen.

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