13.03.2010 · Eine Pandemie, aber keine Katastrophe: H1N1 war eine echte Überraschung. Die einen freut das, die anderen fühlen sich durch die Warnungen verschaukelt. Eine Lehre war es allerdings für alle.
Von Volker StollorzBeginnen wir mit der Forschung: Die erste Influenza-Pandemie im 21. Jahrhundert wurde seit langem erwartet. Trotzdem hat das Grippevirus H1N1 die Fachleute überrascht und im Volk das Vertrauen in ihre Prognosefähigkeit erschüttert: eine bittere Pille für die Wissenschaft.
Dabei konnte die Menschheit erstmals live verfolgen, wie sich ein Grippeerreger zum neuen Pandemie-Virus mausert. Informiert durch alle Medien, waren wir von Anfang an dabei. Das erwies sich zugleich als Segen und Fluch. Die Virologen wagten früh zwei Vorhersagen: Sie prophezeiten eine rasche weltweite Verbreitung, da es sich bei H1N1 um ein bislang unbekanntes Mischvirus handelte - sein Genmaterial stammt aus Erregern von Schwein, Vogel und Mensch. Außerdem warnten sie vor einer potentiell schweren Pandemie mit einer hohen Zahl bedrohlich Erkrankter und weltweit Hunderttausenden von Toten.
Die erste Prognose war richtig. Für das Eintreffen der zweiten gibt es ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie bisher keine Anzeichen. Offenbar ist H1N1 für das Immunsystem vieler Menschen doch kein völlig Unbekannter. Neben messbaren Antikörpern im Blut älterer Menschen hatten die Influenzaexperten außerdem einen weiteren Schutzwall der körpereigenen Abwehr übersehen: Sogenannte T-Immunzellen erkennen H1N1 als nahen Verwandten bereits zirkulierender Influenza-Stämme. Ihr Wirken könnte den Befund erklären, warum sich in den meisten Nationen kaum mehr als 15 Prozent der Bevölkerung mit dem Pandemie-Virus infizierten. Erwartet hatte man mehr als doppelt so viele Ansteckungen. Nur unter Kindern hat H1N1 mehr Opfer gefordert als die übliche saisonale Grippe. Insgesamt lag die Sterblichkeit mit durchschnittlich zwei von 10 000 Infizierten etwa drei- bis fünfmal niedriger als sonst.
Die Influenzaforscher legen Wert auf die Feststellung, die Menschheit habe mit H1N1 bisher schlicht Glück gehabt. Das mag stimmen. Richtig ist aber auch, dass der bisher milde Verlauf dieser Pandemie eine Schwäche der Frühwarnsysteme offenbart. Obwohl das Influenza-Virus nur zehn Gene besitzt, können die Forscher seine Gefährlichkeit bisher weder anhand des entzifferten Erbguts erkennen noch in Tierversuchen zeitnah bewerten. Das wirkt sich aus auf politische Entscheidungen. Selbst das Zählen der Verstorbenen im Verhältnis zu den Infizierten bleibt ein unsicheres Geschäft.
Die Pandemie sah zu Beginn bedrohlicher aus, als sie sich im weiteren Verlauf bisher zeigte. Auch in Zukunft bleibt die Abwägung zwischen Alarm und möglichem Fehlalarm schwierig.
Für die WHO: Hinterher ist man immer klüger
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte sich jahrelang auf den Tag vorbereitet, an dem ein neues Grippevirus auftaucht und nicht nur von Mensch zu Mensch übertragbar ist, sondern noch dazu Ländergrenzen überschreitet. Im April 2009 war es schließlich so weit, die Pandemie war da. Aber H1N1 wirbelte alle Pläne und Absichten durcheinander. Die Lage in Mexiko schien dramatisch. Doch die anfängliche Irritation legte sich mit den Infektionswellen in anderen Ländern. Bald zeigte sich, dass es sich nicht um das in jedem Pandemie-Plan befürchtete Killervirus handelte.
Was war zu tun? Zunächst empfahlen die WHO-Experten im Mai, die Produktion der normalen Influenzaimpfstoffe für die Wintersaison der Nordhalbkugel wie geplant weiterlaufen zu lassen, was sich im Nachhinein als unnötig erwies: Die bekannten Influenzastämme sind in dieser Saison kaum in Erscheinung getreten, sie wurden von H1N1 schlicht verdrängt. Nach nervenaufreibenden Sitzungen entschied sich die Organisation ferner, am 11. Juni, die höchste Warnstufe sechs auszurufen. Das Kernargument lautete: Sicher ist sicher. Dadurch waren die wenigen Impfstoffhersteller aufgrund vertraglicher Verpflichtungen gezwungen, mit der Massenproduktion von Pandemie-Impfstoffen zu beginnen. Jedes Land führte daraufhin Geheimverhandlungen und kaufte, was es ergattern konnte oder sich in Vorverträgen bereits gesichert hatte. Insgesamt wurden staatlicherseits mehr als eine Milliarde Dosen H1N1-Pandemie-Impfstoff geordert. Von internationaler Solidarität war in dieser hektischen Phase wenig zu spüren: kein gutes Omen für wirklich bedrohliche Zeiten.
Die Kritik an voreiligen Warnungen, die im Ernstfall die richtigen Entscheidungen überhaupt erst möglich machen, ist müßig. Wichtiger wäre jetzt das öffentliche Eingeständnis der WHO und der nationalen Gesundheitsbehörden, dass die Pandemie zur Überraschung aller Experten bisher einen ungewöhnlich milden Verlauf genommen hat. Nur so kann man den Verschwörungstheorien, die sich um die Pandemie-Warnung ranken, glaubhaft den Wind aus den Segeln nehmen. In diesem Sinne ähnelt der Verlauf dieser Grippewelle anderen globalen Ereignissen wie etwa der Finanzkrise: Hinterher sind immer alle klüger.
Für die Politik: Kein Plan B
Geheimniskrämerei schafft kein Vertrauen und rächt sich. Wie in Deutschland hinter den Kulissen zwischen Bund, Ländern, Herstellern, Krankenkassen und Ärzten um die Kosten für eine Massenimpfung zum Schutz der Bevölkerung gerungen wurde, das war sicher kein Glanzstück öffentlicher Gesundheitsvorsorge und politischer Transparenz.
Nachdem der Impfstoff nach langen Wochen des Streits endlich für einen Teil der Bevölkerung geordert war, fehlte es fortan am Elan zur Aufklärung, und zwar auf allen Ebenen. Die Ärzteschaft wurde erst spät in die noch dazu halbherzige Impfkampagne eingebunden. Wann beispielsweise welcher Impfstoff für wen verfügbar sein würde, wurde lange nicht offen kommuniziert. So verhedderten sich in der heißen Anfangsphase selbst die Behörden in unlogischen Impfempfehlungen. Die Pandemiepläne erwiesen sich als unflexibel. Und warum verfolgte jede EU-Nation eine andere Strategie? Weil eine Pandemie weder an Landesgrenzen haltmacht noch den Föderalismus respektiert, müssen sich Europa und auch die Bundesrepublik darüber klarwerden, wie sich die verschiedenen Kompetenzen in Zukunft klüger verteilen lassen und wer dann im Zweifelsfall eine Sprecherrolle übernehmen soll.
Für die Bevölkerung: Immun gegen Impfstoffe?
Nur knapp zehn Prozent der Deutschen haben sich bisher gegen H1N1 impfen lassen. Von 34 Millionen gelieferten Impfdosen blieben mehr als 27 Millionen liegen. Die Kosten für den Ankauf belaufen sich auf rund 284 Millionen Euro. Nicht überall in Europa herrschte die gleiche Impfträgheit wie hier. Das zeigt das Beispiel Schweden: Dort haben sich zwei Drittel der Bevölkerung innerhalb weniger Wochen immunisieren lassen, darunter Zehntausende Schwangere.
Zeitweise war bei den Bürgern die Angst vor dem Impfstoff größer als die Sorge vor einer Infektion. Kein Wunder: Noch bevor ein Pandemie-Impfstoff verfügbar wurde, erklang in den Medien wochenlang eine Kakophonie. Vermeintliche Experten behaupteten, das Impfen sei überflüssig oder das bestellte Vakzin gefährlich. Auch sei der von Deutschland georderte Impfstoff nicht ausreichend getestet. Dieser Flut an Kritik hatten die Behörden zunächst kaum Daten entgegenzusetzen. Das Verständnis, dass öffentliche Gesundheitsvorsorge keine Kochbuchmedizin ist, konnte dem Volk nicht vermittelt werden.
Diskutiert wurde über vieles, aber nicht über ein echtes Defizit, das die rasche Virenverbreitung offenbarte: Alle für diese Pandemie verfügbaren Impfstoffe wären im Ernstfall ohnehin zu spät gekommen. Die Vorlaufzeit bis zur Produktion nennenswerter Mengen auf Basis von Hühnereiern beträgt mehr als ein halbes Jahr. H1N1 erteilt den Herstellern die wichtige Lektion: Neue Techniken braucht die Welt.
Für die Ärzte: Verwirrung schadet am meisten
Albert Einstein soll einmal gesagt haben: Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Was die Bürger künftig dringend brauchen, sind Experten, die auch die Unsicherheit ihrer Erkenntnisse vermitteln können. Gefragt ist das Denken in Wahrscheinlichkeiten. Wer vor der Zahl der Toten durch das Virus warnt, der sollte dazu die Zahl der Infizierten ins Verhältnis setzen. Erst Zähler und Nenner erlauben Aussagen über eine wirkliche Bedrohung der Bevölkerung oder einzelner Risikogruppen. Und wer mit Todesfällen, die bloß im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung stehen, die Angst vor den Risiken der Vakzinierung schürt, der sollte auch einräumen, wie häufig die vermeintlichen Nebenwirkungen vorkommen, ohne dass überhaupt geimpft wird. Deutsche Ärzte und insbesondere ihre Verbandsfürsten schafften es mit vielen Falschaussagen zwar in die Medien, haben dabei aber vor allem Vertrauen verspielt.
Eine Lehre lässt sich aus dem angeblichen "Menschenversuch an der deutschen Bevölkerung" ziehen: Der mit Hilfsstoffen versehene Pandemie-Impfstoff Pandemrix erwies sich in allen klinischen Studien bei Kindern, Erwachsenen und Greisen als wirksamer als herkömmliche Impfstoffe. Und nach inzwischen mehr als 28 Millionen Impfungen zeichnet sich ab, dass er mindestens so sicher ist wie bei der Zulassung angenommen. Vermutlich gehört derart adjuvantierten Impfstoffen sogar die Zukunft.
Für die Medien: Zwischen Panik und Plauderei
Die Massenimpfaktion, von der die Masse fernblieb, hält eine wichtige Lehre über Kommunikation im öffentlichen Raum bereit: Wenn Menschen den Sinn einer an sich guten Sache nicht verstehen, dann flüchten sie sich in Phantomängste. Als Katastrophe erwies sich bisher nicht die Pandemie, sondern die Impfaufklärung. Weil zu viele Köche einen ungenießbaren Faktenbrei zusammenrührten, den am Ende niemand schlucken wollte.
Inzwischen streiten sich zwei Lager. Die eine Seite behauptet, die Pandemie sei zu mild, um sie überhaupt eine solche nennen zu können. Daher müsse man nun untersuchen, wie es die Pharmaindustrie im Verbund mit korrupten Politikern schaffen konnte, die WHO und die Welt in die Irre zu führen. Die zweite Fraktion versteht nicht, wie jemand auf die Idee kommen könne, zu behaupten, Infektionen mit dem Pandemie-Erreger seien in jedem Fall milde verlaufen. Ärzte hätten auf Intensivstationen teilweise wochenlang um H1N1-infizierte Patienten kämpfen müssen. Anders als bei einer normalen saisonalen Grippe seien häufiger junge Menschen an der Infektion verstorben.
Neben diesen beiden extremen Sichtweisen ist eine dritte, realistische Position in der Öffentlichkeit kaum vernehmbar. Warum nicht einfach die Wahrheit sagen? Warum können die Experten nicht einräumen, dass diese Pandemie bisher milde verlaufen ist und dass selbst die klügsten unter ihnen das nicht erwartet haben?
Stichworte dazu hat der amerikanische Risikoforscher Peter Sandmann von der Princeton University geliefert: "Wir können auch in Zukunft nicht wissen, wie schwer eine Pandemie werden wird. Aber wir müssen trotzdem frühzeitig Entscheidungen treffen, etwa wie viel Impfstoff wir einkaufen wollen. Einige dieser Entscheidungen werden falsch sein. Wir warnen lieber einmal mehr als einmal zu wenig, und wir irren lieber darin, dass wir uns unnötig vorbereiten. Sollten die Dinge schlecht ausgehen, werden die Kritiker sagen, man hätte mehr tun sollen. Bleibt die Pandemie mild, werden die Kritiker behaupten, wir hätten weniger tun sollen."
Genau von dieser Art Kritik, die immer recht behält, sollten sich die Entscheidungsträger nicht beeinflussen lassen. Gute Planung bedeutet nun einmal, für jede denkbare Situation vorbereitet zu sein. Selbst die bisher milde H1N1-Pandemie ist erst vorbei, wenn sie ganz vorbei ist. Sicher ist nur: Die Influenza wird die Menschheit weiter überraschen.
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