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Robert-Koch-Medaille in Gold für Eckard Wimmer Der Architekt am Virenherd

Der Erreger der Kinderlähmung ist noch immer nicht ausgerottet – Jahrzehnte, nachdem Eckard Wimmer mit der Polioforschung begann. Den Ruhm erntet er dennoch.

© David Außerhofer Vergrößern Polioforscher und Preisträger Eckard Wimmer

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Virusforscher und sicher auch einer der kreativsten und entschlossensten unter seinesgleichen. Dass sich der gebürtige Berliner Eckard Wimmer, sechsundsiebzigjährig, dennoch nicht darauf beschränken will, die Ernte seiner Arbeit einzufahren, sondern auch weiterhin im Labor der State New York University in Stony Brook steht, zeigt, dass auch nach bald  vierzig Jahren fokussierter Forschungsarbeit einiges liegen bleiben kann. An diesem Freitag allerdings war er der Lorbeeren wegen nach Berlin gekommen. In den Räumen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wurde ihm von der Robert-Koch-Stiftung eine der renommiertesten Auszeichnungen der deutschen Medizin überreicht, die Robert-Koch-Medaille in Gold für sein Lebenswerk.

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Neben ihm stand der  japanische Preisträger des mit 100.000 Euro dotierten Robert-Koch-Preises 2012, Tasuku Honjo vom Institut für Immunologie und Genomic Medicine der Kyoto University Graduate School of Medicine, und die drei Nachwuchs-Preisträgerinnen Sandra Schwarz aus Seattle, Christina Zielinski aus Berlin und Christine Goffinet aus Ulm.

polio 21 © AP Vergrößern Polio-Impfung in Äthiopien: In Europa ist die Kinderlähmung besiegt

Das Augenmerk allerdings galt dem Mann mit dem schlohweißen Haar, der schon Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat. Mehr als vierzig Jahre lang arbeitete Wimmer an der Erforschung des Poliovirus, des Erregers der Kinderlähmung, ebenso wie an der Herstellung entsprechender Impfstoffe. Auf seine Arbeiten geht die Bestimmung des Virengenoms zurück, er hat in Polioviren einen neuen Trick entdeckt, wie Proteine aus der RNA-Vorlage des Erbguts erzeugt werden, und dank seiner Forschungen hat man ein neues Konzept entwickelt, Virus-Impfstoffe aus computerbasierten und mit gezielten Mutationen versehenen Informationspools zu entwickeln. Einige sind bereits in der Erprobung. Genug, möchte man meinen, für einen Nobelpreis. Doch ob es auch tatsächlich reicht, diesen ultimativen Schritt in die wissenschaftlichen Ruhmeshallen zu erreichen und den Medizin-Nobelpreis zugesprochen zu bekommen,  wird möglicherweise davon abhängen,  wie zwei der entscheidenden Leistungen Wimmers gesellschaftlich und ethisch bewertet werden..
Da ist zum einen die vor zehn Jahren in der Zeitschrift „Science“ veröffentlichte Studie, in der er  zusammen mit seinem langjährigen Mitarbeiter Aniko Paul und J. Cello gezeigt hat, wie man allein mit der im Internet aus einer öffentlich verfügbaren Genomsequenz ein komplettes Virus chemisch im Reagenzglas zusammenbauen kann.

Meilenstein der synthetischen Biologie

Es war unbestritten ein Meilenstein der „synthetischen Biologie“. Ein vermehrungsfähiges Poliovirus, künstlich im Reagenzglas hergestellt. Mit nichts mehr als der Information aus dem genetischen Bauplan, der aus 7741 Basen besteht: Chemisch - oder „empirisch“, wie es in Wimmers Laborsprache heisst - kann man es als eine   Ribonukleinsäurekette (RNA) sehen mit 332.652 Kohelnstoffatomen, 492.388 Wasserstoffatomen, 98.245.131.196 Stickstoffatomen, 7501Phosphoratomen und 2340 Schwefelatomen. Mit diesem kodierten Molekül werden nach der Infektion in die Wirtszelle fünf Moleküle erzeugt – eine Kopie der Virus-RNA selbst und vier Proteine, die die Virushülle bilden.

22089421 © David Außerhofer Vergrößern Robert-Koch-Preis 2012 (v.l.n.r.) Hubertus Erlen, Vorsitzender der Robert-Koch-Stiftung , Nachwuchspreisträgerinnen Christine Goffinet, Sandra Schwarz, Christina Zielinski, Preisträger Tasuku Honjo, Eckard Wimmer, Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz, Jörg Hacker, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Robert-Koch-Stiftung.

Das Jahr, als  Wimmer und seine Kollegen die Herstellung der künstlichen Viren publizierten, 2002,  war Europa von der Weltgesundheitsorganisation für poliofrei erklärt worden. Gleichzeitig war nach den Terroranschlägen von 2001 eine Diskussion um Bioterror-Gefahren angelaufen. Als später weitere Forschergruppen die Synthese von Mikroorganisation bekannt gaben, wurde Wimmers Arbeit plötzlich als der eigentlich Präzedenzfall für den berüchtigten „Dual Use“  debattiert – die Sorge, dass biotechnische Arbeiten, die eigentlich der Grundlagenforschung und hier auch der Entwicklung neuer Impfstoffe dienen sollen,  missbraucht werden könnten. Bis heute ist diese zwischen Sicherheitsbehörden und Forschern ausgetragene Diskussion um Forschungsfreiheit und  Publikationsverbote nicht abgeebbt. Im Gegenteil: Nach der  Bekanntgabe von synthetisch erzeugten, potentiell hochgefährlichen kombinierten Vogel- und Schweinegrippeviren in zwei anderen Sicherheitslabors spitzte sich der Konflikt weiter zu. Er gipfelte in einem freiwilligen vorläufigen  Moratorium der Virologen, das im Grunde bis heute in Kraft ist.

Noch 650 Poliofälle weltweit

Ein anderer Umstand könnte dazu führen, dass Wimmer auf  die höchste Ehrung noch warten muss: Die Polioimpfung hat zwar seit Beginn der weltweiten Kampagne 1988, die die Ausrottung der Krankheit zum Ziel hat, radikal abgenommen, doch nach den anfänglichen Erfolgen auch in den Entwicklungsländern tappt man nun seit einigen Jahren mehr oder weniger auf der Stelle. Immerhin: 1988 waren in 125 Ländern schätzungsweise noch 350.00 Fälle erfasst worden. Im Jahr 2010 waren es noch 1352 Poliopatienten, ein Jahr später schon die Hälfte weniger – die Zahl lag Ende 2011 bei 650. Und die Zahlen scheinen auch Anfang 2012 weiter rückläufig gewesen zu sein.  Indien hat sich zum poliofreien Land erklärt. Doch es gibt immer wieder Rückfälle. in vielen Regionen etwa in Pakistan und Nigeria, Afghanistan oder dem Tschad  gibt es noch immer Volksgruppen, die sich aus  religiösen oder ideologischen Gründen weigern, sich an den Impfkampagnen zu beteiligen.
Mit all den medizinischen, wie politisch- ethischen Hindernissen hat Wimmer in seiner Arbeit im Grunde nichts zu tun. Doch Erfolge auch an diesen Fronten könnten dem Biochemiker, der längst  die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, ganz sicher helfen, den Traum zu erfüllen, den jeder große Wissenschaftler träumt: die Würdigung einer historischen Forscherleistung mit dem Nobelpreis. .

Quelle: F.A.Z.

 
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