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Riechstörungen Die Nase als Wegweiser

 ·  Ärzte unterschätzen Riechstörungen noch häufig. Dabei können sie ein Fingerzeig sein, um schwere Leiden wie Parkinson früh zu erkennen.

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Störungen des Geruchssinns fristen in der Medizin ein Mauerblümchendasein. Dabei beeinträchtigen sie nicht nur die Lebensqualität, sondern gefährden mitunter auch die Gesundheit. Riechen ist nämlich eng verknüpft mit Schmecken: Lässt die Geruchswahrnehmung nach, verschlechtert sich zugleich auch der Geschmackssinn. Selbst das leckerste Gericht erzeugt dann keine Gaumenfreuden mehr - ein Grund, weshalb die Betroffenen vielfach depressiv werden. Darüber hinaus tragen diese ein erhöhtes Risiko für Lebensmittelvergiftungen. Denn wer verdorbene Speisen weder riecht noch schmeckt, kann sich davor schwerlich in Acht nehmen. Aber auch Bränden und anderen „riechbaren“ Gefahren sind Personen mit geringem oder fehlendem Geruchssinn - einer Hyposmie oder Anosmie - vergleichsweise schutzlos ausgeliefert. Wichtig ist es daher, die sensorische Störung wenn immer möglich anzugehen und die Betroffenen zudem über die einschlägigen Risiken aufzuklären.

Die Praxis sieht freilich anders aus. Ernüchternde Ergebnisse lieferte jedenfalls eine Untersuchung von HNO-Ärzten und Arbeitsmedizinern um Boris Haxel von der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde der Universität in Mainz. Wie die Autoren im Fachjournal „HNO“ (Bd.5, S.432) berichten, hatten die Teilnehmer ihrer Studie, insgesamt 105 Jugendliche und Erwachsene mit teilweise vollständig fehlendem Geruchssinn, zuvor etliche Ärzte konsultiert - und zwar die meisten mindestens einen HNO-Arzt, zwei Drittel einen Hausarzt und einige wenige einen Neurologen oder einen anderen Facharzt. Lediglich 37 Prozent der Patienten wurden von den behandelnden Ärzten allerdings an ein spezialisiertes Zentrum für Riech- und Schmeckstörungen überwiesen und nur ein Bruchteil über die potentiellen Gefahren ihres Geruchsdefizits informiert. Dabei hatten dreißig Prozent der Betroffenen schon einmal angebrannte Speisen auf dem Herd nicht bemerkt, zwanzig Prozent Brandrauch nicht wahrgenommen, zehn Prozent versehentlich verdorbene Lebensmittel verzehrt und sieben Prozent giftige Stoffe am Arbeitsplatz nicht erkannt.

Polypen können schuld sein

Wie viele Menschen solchen Gefahren ausgesetzt sind, lässt sich bislang nicht mit Sicherheit sagen. Laut Schätzungen suchen in Deutschland jährlich rund 79.000 Personen wegen Riechstörungen einen Arzt auf. Etliche Beobachtungen sprechen aber dafür, dass der Anteil an Betroffenen weitaus größer ist. Demnach dürften rund fünf Prozent der Bevölkerung an einer Anosmie und etwa zwanzig Prozent an einer Hyposmie leiden. Zu den häufigsten Ursachen für solche olfaktorischen Störungen zählt eine eingeschränkte Luftzufuhr zu den Riechzentren in der Nase, etwa weil Schwellungen oder Polypen den Weg versperren. Außerdem sind Riechdefizite häufiger die Folge einer hartnäckigen Erkältung. Von Viren ausgelöst, kommen solche postviralen Riechstörungen vorwiegend bei älteren Personen vor. Frauen seien hiervon zudem sehr viel öfter betroffen als Männer, erklärt Thomas Hummel von der HNO-Klinik der Technischen Universität in Dresden, einer der Autoren des Berichts. Gelegentlich können Beeinträchtigungen des Geruchssinns auch von Kopfverletzungen, Medikamenten, Entgleisungen des Stoffwechsels und anderen Erkrankungen herrühren. Mitunter handelt es sich dabei auch um eine angeborene Störung.

Nicht immer gelingt es allerdings, die Ursache für die „schlechte Nase“ in Erfahrung zu bringen. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, den Patienten an einen Neurologen zu überweisen. Denn Riechstörungen sind ein häufiges Begleitsymptom von neurodegenerativen Leiden, darunter vor allem der Parkinsonkrankheit und der Alzheimerschen Demenz. Darauf verweisen Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Neurologen um Karl-Bernd Hüttenbrink von der HNO-Klinik der Universität Köln im „Deutschen Ärzteblatt“ (Bd.1-2, S.1). Bei Verdacht auf ein Parkinsonsyndrom könnten Geruchsdefizite sogar diagnostisch wegweisend sein. Denn fast alle Patienten mit der gängigsten Parkinsonkrankheit verlieren ihr Riechvermögen ganz oder weitgehend. Dieser Prozess beginnt zudem schon Jahre vor Ausbruch der Bewegungsstörungen - wie viele genau, wird derzeit in einer größeren Studie an der Universität in Tübingen erforscht. Von einer frühzeitigen Diagnose erhofft man sich wichtige Impulse für die Entwicklung von Therapien, die es erlauben, den schleichenden Untergang der Bewegungszentren im Gehirn aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen.

Hoher Leidensdruck

Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, dass Personen mit Riechstörungen sich nur selten an einen Arzt wenden. So nehmen einige den Verlust des Geruchssinns nicht wahr, weil er langsam voranschreitet und sie sich deshalb daran gewöhnen. Hierzu zählen etwa Personen mit neurodegenerativen Leiden, aber auch solche, deren Riechvermögen altersbedingt nachlässt. Auch kommt es häufiger vor, dass andere, schwerere Gebrechen im Vordergrund stehen. Aber selbst jene Patienten, die aufgrund eines hohen Leidensdrucks den Weg zum Spezialisten antreten, erhalten vielfach nicht die ersehnte Hilfe. Ein Grund für diesen Missstand ist der Mangel an geeigneten Therapien. „Die medizinische Forschung hat bislang relativ wenig Interesse am Geruchssinn gezeigt“, betont Hummel. Besonders ungünstig sind die Aussichten auf eine Besserung, wenn die am Riechen beteiligten Nerven Schaden genommen haben. Das ist unter anderem bei olfaktorischen Störungen der Fall, die auf Infektionen und Schädeltraumata zurückgehen. Bei einigen Betroffenen kehrt das Geruchsempfinden mit der Zeit zwar wieder zurück, allerdings niemals vollständig.

Es gibt andererseits auch Lichtblicke. Wie aus Untersuchungen von Hummel und weiteren Ärzten hervorgeht, sprechen einige Betroffene auf ein mehrmonatiges Geruchstraining an. Als erfolgreich erwies sich dieser Behandlungsansatz insbesondere bei Patienten mit postviralem Verlust des Riechvermögens. In die gleiche positive Richtung weisen auch die noch nicht veröffentlichten Ergebnisse einer aktuellen Studie. Was die heilsame Wirkung anbelangt, fördert das Geruchstraining vermutlich die Erneuerung der Riechsinneszellen in der Nase. Auch mit anderen therapeutischen Mitteln versucht man derzeit, der normalerweise ausgeprägten Regenerationsfähigkeit der Riechneuronen auf die Sprünge zu helfen. Zu hoffen bleibt, dass diese und weitere Ansätze das schwere Los von Betroffenen mit mangelndem Geruchssinn zu lindern vermögen.

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