Seit Wochen steht das Telefon kaum mehr still. Verzweifelte Patienten klingeln Sturm beim Whittemore-Peterson-Institut in Reno, wollen Blut testen lassen, um einem neuen Erreger auf die Spur zu kommen, der sie womöglich krank macht. Andere wollen von den Forschern im Bundesstaat Nevada erfahren, was sie von dem Streit halten sollen, bei dem Experten seit Monaten debattieren, ob sich im Blut von Millionen Menschen ein neuer Erregertyp aus der Familie der Retroviren verbreitet. Oder ob es sich bei dem Fund um das Ergebnis unvorsichtiger Arbeitsweisen handelt, ein Laborartefakt also.
Wohl um die Wogen zu glätten, wandte sich die Institutspräsidentin und Stifterin Annette Whittemore jetzt Anfang Januar in einem offenen Brief an die wachsende Schar der Ratlosen: Man wisse doch aus der Geschichte, wie neue Entdeckungen, die ein wissenschaftliches Dogma bedrohten, so lange bitter bekämpft würden, bis die Beweise nicht mehr zu leugnen seien. An ihrem Institut werde weiter enthusiastisch nach verbesserten Verfahren gefahndet, damit man künftig Blutproben weltweit auf das neue Retrovirus testen könnte. Das Ziel bleibe, den „zerstörerischen Kreislauf einer Krankheit“ zu stoppen, für die sich Millionen Menschen endlich wirksame Medikamente erhofften.
Die Psyche vom Krankheitsverdacht befreien
Annette Whittemore wünscht sich dabei nichts sehnlicher als Gewissheit. Mehr als zwanzig Jahre schon leidet ihre Tochter Andrea an chronischen Schlafstörungen sowie an heftigen Gliederschmerzen und Kopfschmerzen, tagsüber lähmt sie Müdigkeit. Als „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ werden diese Symptome seit 1988 umschrieben, es soll weltweit Millionen Menschen plagen. Ärzte rätseln, ob das Leiden von Psychologen, Arbeitsmedizinern und Psychiatern behandelt werden sollte oder eher ein Fall ist für Immunologen und Internisten. Patienten irren von Praxis zu Praxis, Internetforen verbreiten allerhand Halbwissen über das Syndrom, das in keine medizinische Schublade zu passen scheint.
Whittemore vermutet als Ursache bisher unbekannte Erreger, die das Immunsystem besonders empfindlicher Menschen schleichend lahmlegen. Mehrere Millionen Dollar haben sie und ihr Mann inzwischen für Forschungen investiert, die diese Hypothese bestätigen sollen – es würde die Psyche vom Krankheitsverdacht befreien. Die Eltern haben ihre Tochter sogar schon mit Medikamenten gegen bestimmte Herpesviren behandeln lassen, als ein Zusammenhang vermutet wurde. Doch die Symptome blieben. Ebenso allerdings die Hoffnung, den Verursacher zu stellen.
Die Fachwelt horcht auf
Vor kurzem öffnete das Whittemore-Peterson-Institut mit einem neuen Gebäude auch für Patienten. Laut Homepage handelt es sich um die „weltweit erste Institution“, die sich ganz der Erforschung der rätselhaften Erkrankung widmen und Leidende mit innovativen Therapien behandeln will. Whittemore selbst hatte Jahre zuvor eine anerkannte Virologin des National Cancer Institute abgeworben, künftig in Reno die Suche nach dem Erregerphantom zu intensivieren: Judy Mikovits, die vor Eröffnung der neuen Institution eine sensationelle Entdeckung präsentierte.
Den seltsamen Erreger „Xenotropic Murine Leukemia Virus related Virus“, kurz XMRV, hatte man gerade erst in Tumorproben von Krebspatienten entdeckt, da machte ihn Mikovits 2009 in dem renommierten Fachmagazin Science zu einem Hauptverdächtigen möglicher Ursachen für ein Chronic Fatigue Syndrom (CFS), wie das Leiden auf Englisch heißt. Sie spürte das neue XMR-Virus im Blut von Patienten mit ärztlich bestätigter CFS-Diagnose auf, und zwar bei 68 von 101 Untersuchten. Diese hohe Rate ließ die Fachwelt aufhorchen. Die Forscherin aus Reno konnte das Virus inzwischen sogar bei Gesunden nachweisen: XMRV fand sich in acht von 218 untersuchten Blutproben, immerhin knapp vier Prozent der Spender. „Bis zu 20 Millionen Amerikaner“, warnte die Forscherin im Dezember 2010 in einem Fernsehinterview, könnten womöglich mit dem neuen Virus infiziert sein, der nach ersten Ergebnissen „immerhin das Potential zum ansteckenden Krankheitserreger“ habe.
„Es fehlt an stichhaltigen Beweisen“
Aussagen wie diese schreckten nicht nur die Öffentlichkeit. Sondern erinnerten auch die Verantwortlichen von Blutbanken an den Beginn der Aids-Epidemie, als verseuchte Präparate noch in Umlauf kamen, obwohl es längst Tests gab. Vorsorglich entschieden daher einige Blutbanken in den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien, Patienten mit CFS-Symptomen von der Blutspende auszuschließen. Seit aber Forscher andernorts und mit neuen Proben Mikovits Befunde zu bestätigen versuchen, wächst die Verwirrung.
Europäische Wissenschaftler können den Erreger XMRV bisher trotz intensiver Suche nirgends aufspüren: weder in Irland, Großbritannien, den Niederlanden noch in Deutschland. „Wenn das Virus tatsächlich Auslöser einer ernsten Erkrankung wäre, wie wollte man dann erklären, warum wir es in Europa nicht finden?“, fragt Joachim Denner vom Robert-Koch-Institut in Berlin. Weder bei Blutspendern noch bei Patienten mit Prostatakrebs oder mit CFS sei erfahrenen Fachleuten ein eindeutiger Nachweis gelungen. Denner ist äußerst skeptisch: „Im Moment fehlt es an stichhaltigen Beweisen, dass XMRV überhaupt in der menschlichen Bevölkerung verbreitet ist.“
Vermehrt sich das neue Virus allein im Labor?
XMRV gehört zur Familie der Retroviren, zu deren weiterem Kreis auch HIV zählt. Die nächsten Verwandten des Virus tummeln sich seit Jahrmillionen in Mäusen. Und hier nahm die jüngste Plage möglicherweise ihren Anfang: Zu Forschungszwecken werden menschliche Krebsgeschwulste häufig in speziell gezüchteten Nacktmäusen ohne Immunabwehr vermehrt, so dass deren Viren irgendwann die Fähigkeit entwickeln konnten, auch humanes Gewebe zu infizieren. Im Labor mutierten sie zu einem Erregertyp, der nur noch in einigen menschlichen Zellen gedeiht: Das allein artfremde Wirtszellen infizierende, also xenotrope Retrovirus mit Verwandten in der Maus wurde im Jahr 2006 erstmals gesichtet – in der menschlichen Prostatakrebs-Zellkultur 22Rv1, von der bekannt ist, dass sie früher einmal in Nacktmäusen vermehrt wurde. Entdecker Robert Silverman von der Cleveland-Klinik in Ohio vermeldete drei Jahre darauf überraschend, er könne XMRV in Gewebeproben einiger Prostatakrebspatienten nachweisen. Dieser Fund weckte Mikovits’ Interesse. Sie wollte im Blut von CFS-Patienten nach dem neuen Retrovirus fahnden und ließ sich Proben der befallenen Zelllinie als positive Kontrolle schicken. Und das könnte sich als folgenschwerer Fehler erweisen.
Während viele Patienten den Forschern in Reno in Briefen Zuspruch spendeten, kam es zum experimentellen Showdown. Von einer Kontamination der Proben war die Rede, denn im Dezember 2010 veröffentlichten gleich vier Forschergruppen im Fachblatt Retrovirology mögliche Ursachen von Verunreinigungen. Vermehrt sich das neue Virus womöglich gar nicht in der Blutbahn von Gesunden und Kranken, sondern allein im Labor derjenigen, die es zu finden glauben? Es kann durchaus vorkommen, dass Proben von Patienten im Zellkulturraum eines Labors durch Retroviren der Maus kontaminiert werden.
Die Zweifel am Fund mehren sich
Diese Frage spaltet nun die Fachwelt in drei Lager. Da wäre zunächst der kleine Kreis der Befürworter, die sich zu Unrecht kritisiert fühlen und neue Ergebnisse ankündigen; dann die wachsende Gruppe der Skeptiker. Die Pragmatiker schließlich wollen den Streit mit aussagekräftigen Experimenten entschärfen. Zum Beispiel Ian Lipkin von der Columbia-Universität in New York, der sich bis zur Erhebung weiterer Daten nicht festlegen möchte: „Ich bin objektiv und weiß daher derzeit nur, was wir alles nicht wissen.“ Er bereite einen rigorosen Blindtest von Blutproben echter CFS-Fälle im Vergleich mit unbelasteten Kontrollen vor. Diesen Test müssten dann all jene Laboratorien durchlaufen, die Hinweise auf eine Infektion mit XMRV oder verwandten Mäuseretroviren haben.
Inzwischen mehren sich die Zweifel an dem Fund in Reno: Die Virologen am Center for Disease Control in Atlanta konnten in Blutproben von CFS-Patienten bisher keinerlei Hinweise auf XMRV entdecken. Auch eine Gruppe um den Entdecker des Hepatitis-C-Virus suchte vergeblich nach entsprechenden Spuren, fischte aber Erbgutreste verwandter Mäuseviren aus CFS-Patienten, was den Disput um Kontaminationen zusätzlich anheizte.
Die Patienten mischen sich in die Debatte ein
An Judy Mikovits prallt all diese Kritik bislang ab. Die beste Art, Wissenschaft zu betreiben, sei nun einmal die, mehr Fragen als Antworten aufzuwerfen. Noch widerlegten „keine der publizierten Daten“ die breite Palette ihrer Ergebnisse, behauptet die Forscherin nach wie vor. Woran es in Reno allerdings mangelt, sind Resultate eigentlich selbstverständlicher Kontrollen: Sollte das neue Retrovirus wirklich häufiger Menschen infiziert haben, müssten sich auf jeden Fall Antikörper gegen XMRV in Patienten nachweisen lassen.
Bei allen negativen europäischen Untersuchungen seien zuverlässige Nachweismethoden auf der Basis von Antikörpern zum Einsatz gekommen, berichtet Joachim Denner. Der Berliner Virologe war selbst an einigen der Tests beteiligt und weiß aus langjähriger Erfahrung um mögliche Fehlerquellen. Selbst bei nachweislich nicht infizierten Menschen ließen sich mitunter Antikörper gegen einzelne HIV-Proteine aufspüren. Um solche unspezifischen Antikörper nicht als Beleg einer Infektion zu missdeuten, müssten sich die in den HIV-Tests untersuchten Blutproben stets gegen mehr als ein virales Protein richten. An solchen entscheidenden Kontrollen mangele es nicht nur in der Publikation von Mikovits.
Während die Wissenschaftler Daten sammeln, mischen sich Patienten in die Debatte ein, vernetzen sich auf Facebook in der Kampagne „Global Action against XMRV“ oder schalten Anzeigen in Zeitungen. Manche erproben gar leichtfertig Medikamente, die nur für HIV-Infizierte zugelassen sind, um ihre CFS-Symptome in den Griff zu bekommen. Von solchen Selbstversuchen aber raten Ärzte schon aufgrund der enormen Nebenwirkungen dringend ab. In Reno bietet ein Labor mit Namen VIP Dx derweil schon den „originalen Bluttest“ aus der Science-Publikation an. 549 Dollar kostet der XMRV-Nachweis. Das entsprechende Patent hat Judy Mikovits längst beantragt. Und so rollt der Rubel offenbar, selbst wenn sich der Erreger als ein reines Rumorvirus erweisen sollte.
Halbwissen nicht von Internetgemeinde, sondern etablierten Medien I)
Jasmin Leaz (JasminLeaz)
- 18.01.2011, 09:44 Uhr
Halbwissen nicht von Internetgemeinde, sondern etablierten Medien III)
Jasmin Leaz (JasminLeaz)
- 18.01.2011, 09:56 Uhr
Rumor
Helga Schulz (colorcraze)
- 18.01.2011, 13:53 Uhr
Ihr Artikel in der FAZ bzgl. Cfs
Sabine Engel (SabineE)
- 18.01.2011, 14:55 Uhr
Danke für die Hinweise, Frau Leaz!
Volker Stollorz (V.Stollorz)
- 18.01.2011, 18:07 Uhr
