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Retroviren Die Jagd nach dem Rumorvirus

Kann ein Erreger im Blut Millionen Menschen chronisch müde machen? Oder haben einige Forscher schlampig geforscht? Ein Lehrstück über Patienten, Patente und Politik.

© Dieter Rüchel / Montage F.A.S. Vergrößern

Seit Wochen steht das Telefon kaum mehr still. Verzweifelte Patienten klingeln Sturm beim Whittemore-Peterson-Institut in Reno, wollen Blut testen lassen, um einem neuen Erreger auf die Spur zu kommen, der sie womöglich krank macht. Andere wollen von den Forschern im Bundesstaat Nevada erfahren, was sie von dem Streit halten sollen, bei dem Experten seit Monaten debattieren, ob sich im Blut von Millionen Menschen ein neuer Erregertyp aus der Familie der Retroviren verbreitet. Oder ob es sich bei dem Fund um das Ergebnis unvorsichtiger Arbeitsweisen handelt, ein Laborartefakt also.

Wohl um die Wogen zu glätten, wandte sich die Institutspräsidentin und Stifterin Annette Whittemore jetzt Anfang Januar in einem offenen Brief an die wachsende Schar der Ratlosen: Man wisse doch aus der Geschichte, wie neue Entdeckungen, die ein wissenschaftliches Dogma bedrohten, so lange bitter bekämpft würden, bis die Beweise nicht mehr zu leugnen seien. An ihrem Institut werde weiter enthusiastisch nach verbesserten Verfahren gefahndet, damit man künftig Blutproben weltweit auf das neue Retrovirus testen könnte. Das Ziel bleibe, den „zerstörerischen Kreislauf einer Krankheit“ zu stoppen, für die sich Millionen Menschen endlich wirksame Medikamente erhofften.

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Die Psyche vom Krankheitsverdacht befreien

Annette Whittemore wünscht sich dabei nichts sehnlicher als Gewissheit. Mehr als zwanzig Jahre schon leidet ihre Tochter Andrea an chronischen Schlafstörungen sowie an heftigen Gliederschmerzen und Kopfschmerzen, tagsüber lähmt sie Müdigkeit. Als „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ werden diese Symptome seit 1988 umschrieben, es soll weltweit Millionen Menschen plagen. Ärzte rätseln, ob das Leiden von Psychologen, Arbeitsmedizinern und Psychiatern behandelt werden sollte oder eher ein Fall ist für Immunologen und Internisten. Patienten irren von Praxis zu Praxis, Internetforen verbreiten allerhand Halbwissen über das Syndrom, das in keine medizinische Schublade zu passen scheint.

Whittemore vermutet als Ursache bisher unbekannte Erreger, die das Immunsystem besonders empfindlicher Menschen schleichend lahmlegen. Mehrere Millionen Dollar haben sie und ihr Mann inzwischen für Forschungen investiert, die diese Hypothese bestätigen sollen – es würde die Psyche vom Krankheitsverdacht befreien. Die Eltern haben ihre Tochter sogar schon mit Medikamenten gegen bestimmte Herpesviren behandeln lassen, als ein Zusammenhang vermutet wurde. Doch die Symptome blieben. Ebenso allerdings die Hoffnung, den Verursacher zu stellen.

Die Fachwelt horcht auf

Vor kurzem öffnete das Whittemore-Peterson-Institut mit einem neuen Gebäude auch für Patienten. Laut Homepage handelt es sich um die „weltweit erste Institution“, die sich ganz der Erforschung der rätselhaften Erkrankung widmen und Leidende mit innovativen Therapien behandeln will. Whittemore selbst hatte Jahre zuvor eine anerkannte Virologin des National Cancer Institute abgeworben, künftig in Reno die Suche nach dem Erregerphantom zu intensivieren: Judy Mikovits, die vor Eröffnung der neuen Institution eine sensationelle Entdeckung präsentierte.

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Veröffentlicht: 18.01.2011, 06:00 Uhr