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Rehabilitation Schritt für Schritt zurück ins Leben

 ·  Der eine findet keine Worte mehr, der andere rechnet nur noch wie ein Grundschüler: Wieder auf die Beine zu kommen, ist nach einem Hirntrauma erst der Anfang. Auch der Kopf braucht anschließend Krücken.

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Dieter Althaus will nach Hause, lieber früher als später. Noch befindet sich der thüringische Ministerpräsident zwar in einem neurologischen Rehakrankenhaus in Allensbach - infolge eines schweren Schädel-Hirn-Traumas nach seinem Skiunfall an Neujahr.

Doch in etwa drei Wochen, so sein Arzt Joachim Liepert, könne man entscheiden, wo die weitere Rehabilitation verlaufen solle. Entweder unterzieht sich Althaus einer ambulanten Nachbehandlung in Thüringen, während der er sich in aller Ruhe auf seine politische Rückkehr vorbereiten kann. Oder er verlängert seinen Aufenthalt am Bodensee und nimmt direkt danach seine Arbeit wieder auf. Liepert leitet die Neurorehabilitation der Schmieder Kliniken Allensbach und zeigte sich auf einer Pressekonferenz am Dienstag optimistisch, dass sein prominenter Patient vollkommen wiederhergestellt werde. Fernsehen könne er inzwischen, Zeitunglesen falle ihm noch schwer, und lange Unterhaltungen seien nicht möglich. Doch im Treppenstufenmodell der neurologischen Rehabilitation wird Dieter Althaus bald von Phase C zu Phase D aufsteigen.

Phase C bedeutet: Der hirngeschädigte Patient wird so weit wiederhergestellt, dass er sich alleine waschen, anziehen, essen und zur Toilette gehen kann. Phase D zielt darauf ab, kognitive und psychische Störungen so weit zu beheben, dass der Patient sein altes Leben - und auch seinen alten Beruf - wiederaufnehmen kann. Wenn Althaus bis zur politischen Sommerpause so vollständig genesen ist, wie die Ärzte prognostizieren, wäre er schnell und würde zum glücklichen Drittel gehören.

Schnelle Rückkehr zum Arbeitsplatz kann Genesung fördern

Sechs Monate nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma klagen noch zwei Drittel der Patienten über Ermüdung, Verlangsamung und Reizbarkeit, Ängste und Ungeduld. Mehr als die Hälfte leidet zudem an Gedächtnisstörungen, Wutausbrüchen und Persönlichkeitsveränderungen. Manches davon lässt mit der Zeit nach, anderes wie etwa Konzentrationsschwächen machen vielen noch nach fünf Jahren zu schaffen.

Trotzdem ist ein zügiger Wiedereinstieg ins Berufsleben sinnvoll. „Prinzipiell lässt sich sagen, dass ein unnötiges Zaudern das Zutrauen der Patienten in ihre Fähigkeiten auch verunsichern kann“, sagt Dolores Claros-Salinas, die in der zum Klinikverbund Schmieder gehörenden Rehaklinik Konstanz die neurokognitive Berufstherapie leitet. „Eine rasche Rückkehr soll dem Patienten dabei nicht nur seinen Arbeitsplatz sichern. Vielmehr kann der Rückgriff auf Fachkompetenz und betriebliche Routine ihn motivieren und seine Genesung fördern.“ Auch wenn der Zugriff auf frühere Wissensressourcen nicht immer leichtfällt, sondern mühsam wiedergefunden werden muss.

Wenigstens die Umgebung sollte da entspannend sein, fand man wohl beim Neubau dieser Klinik. Die Patientenzimmer könnten alle „Zur schönen Aussicht“ heißen. Sonntags gibt es Brunch, man speist in einer gläsernen Rotunde mit Blick auf den Bodensee. Dezente Klaviermusik kommt vom Band, die Wände ziert echte Kunst.

Noch keine spezifischen Übungsblätter für das Berufsfeld Ministerpräsident

Unter Claros-Salinas Fittichen arbeiten hier hauptsächlich Patienten in der Rehaphase D und mit unterschiedlichsten kognitiven Störungen, seien sie durch Hirntraumata oder Schlaganfälle verursacht, auf ihre berufliche Wiedereingliederung hin. Vielleicht noch mehr als bei anderen Erkrankungen müssen die therapeutischen Maßnahmen dabei den Einzelschicksalen angepasst werden.

Am Anfang der Diagnostik und vor dem Therapieplan steht deshalb ein mehrstündiger standardisierter Hirnleistungstest, der Stärken und Schwächen gnadenlos offenlegt. „Wenn die momentane kognitive Leistungsfähigkeit erfasst ist, gleichen wir das mit den Anforderungen des ganz individuellen Arbeitsplatzes ab und trainieren entsprechend“, sagt Claros-Salinas. Bestimmte Übungen zur Aufmerksamkeitssteigerung, zum besseren Textverständnis oder Rechnen absolvieren alle. Dazu kommen berufsnahe Übungen, vor allem zur Planungs- und Organisationsfähigkeit. Das trainiert für den späteren Ernstfall und gibt Aufschluss über Defizite. Für das Berufsbild Ministerpräsident existieren zwar noch keine spezifischen Übungsblätter, für andere schon.

Akalkulie: Nach wenigen Wochen wieder auf Grundschulniveau

Im Zimmer der Psychologin Kirsten Schilling sitzt gerade ein junger Koch. Ein Lkw hatte sein Auto überrollt. Die zahllosen Knochenbrüche sind weitgehend verheilt, an den Folgen seiner Hirnblutungen laboriert er noch. „Ihre Merkfähigkeit und Informationsverarbeitungszeit sind zwar noch eingeschränkt, aber das wird schon“, sagt die Psychologin ermutigend und erklärt ihm seine heutige Organisationsübung: Schreibe einen Wochendienstplan für ein Restaurant. Auf dem Aufgabenblatt wimmelt es von Lehrlingen und Souschefs. Jeder muss mal frei haben, mal kommen 80 Personen zur Hochzeit, mal speisen die Gäste à la carte, mal gibt es Büfett. Der Koch schwitzt. Das muss er eigentlich können.

Im Nebenzimmer sitzt eine zierliche Kunsthistorikerin vor einem Bildschirm. „Die richtige Antwort wäre 32 gewesen“ blinkt dort gerade. Dass sie nach einem Fahrradunfall im Koma lag und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, mag man der eloquenten Frau kaum glauben. Keine Spur von den gefürchteten Sprach- oder Gedächtnisproblemen oder anderen kognitiven Beeinträchtigungen. Mit einer Ausnahme: Sie kann nicht mehr rechnen. Beruflich sei das für sie zwar weniger relevant, außer sie wolle Auktionatorin werden. Aber nicht einmal Wechselgeld berechnen zu können sei doch irritierend, erklärt sie. „Bei Fragen wie: was ist 8 plus 5, was ist davon mehr und um wie viel, war ich bis vor kurzem verloren. Trotz größter geistiger Anstrengung - da halfen nur die Finger.“ Dank intensiver Übungseinheiten beherrscht sie nun nach wenigen Wochen auch die zweistelligen Zahlen schon gut. Auf Grundschulniveau. „Bei Patienten mit einer solchen Akalkulie sehen wir in aller Regel recht schnell Trainingsfortschritte“, sagt Claros-Salinas. „Bei Störungen der Wortfindung oder Textverarbeitung werden Erfolge dagegen oft langsamer sichtbar.“

Bessere Quote bei Akademikern?

Überhaupt die Erfolge: Die Re-Integration von Patienten mit Hirnschädigungen ist schwierig. Je nach Art der Schädigung finden sich in Studien Zahlen von gerade mal 30 bis 55 Prozent geglückter Rückkehr in den alten Beruf. Scheinbar simple Tätigkeiten machen es nicht leichter: „Menschen mit vermeintlich einfachen Berufen wie etwa Servierkräfte müssen neuropsychologisch gesehen oft Enormes leisten“, sagt Claros-Salinas. „Wo war dieser Tisch mit den zehn Weißbieren, was muss jener Tisch bezahlen? - Das heißt Orientierung, Planung, Kommunikation, und das alles unter Stressbedingungen.“

Claros-Salinas fand in Untersuchungen für ihre Doktorarbeit zwar Hinweise auf eine bessere Quote für Akademiker und dort besonders für solche Patienten, die in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen tätig waren. Um daraus einen echten Trend abzuleiten, wären jedoch größere Stichproben nötig. Vielleicht spielt die größere Sprachunabhängigkeit solcher Berufe eine Rolle, mutmaßt sie. Im Flur vor ihrem Büro wartet ein Ingenieur, der das bestätigen kann. Gleich wird die Psychologin Schilling ihm wieder Fotos dieser Maschine zeigen, die er so gut kennt. Der 55-Jährige hat das für Außenstehende völlig unverständliche Gewirr von Rädchen, Walzen und Schläuchen vor seinem Schlaganfall mitentwickelt. Und er wird wieder genau wissen, wie sie funktioniert, aber auf die Frage, wie denn nun diese kleine Walze dort in der Ecke heißt, wird er nur antworten: „Das müsste ich eigentlich wissen.“ Und es heute nicht sagen können, vielleicht morgen. In den ersten Monaten und Jahren komme es oft noch zu spontanen Verbesserungssprüngen, wird Schilling ihn trösten.

Die Generalprobe: Externe Belastungserprobung vor Ort

„Manchmal können sich die Patienten mit kognitiven Krücken behelfen. Bei sprachlichen Defiziten, aber viel Telefonkontakt könnte ein individueller Gesprächsleitfaden genügen, an dem man sich langhangelt“, sagt Schilling. Bei jungen Leuten hilft manchmal ein kleiner Dreh am Ausbildungsziel, leichte Behinderungen zu kompensieren. Da war etwa der Medizinstudent, den mit 28 Jahren ein Schlaganfall traf. Plötzlich wollten sich Wörter partout nicht mehr finden lassen, dafür färbte - auch für ihn überraschend - ein zarter französischer Akzent alles, was er sagte. Eine zusätzliche leichte Lähmung der rechten Hand ließ den angehenden Arzt dann vom Chirurgen zum Radiologen umsatteln. Nicht nur aufgrund der motorischen Beeinträchtigung, sondern auch weil das weniger Sprechen bedeutet.

Und wie geht es weiter mit den Phase-D-Patienten? Wenn sie gute Fortschritte machen, bekommen sie die Empfehlung, einen ersten Arbeitsversuch zu wagen. Glückt die Generalprobe, können sie zunächst stundenweise an ihren bisherigen Arbeitsplatz zurückkehren. „Wir finden für die meisten Patienten einen geeigneten Platz hier vor Ort: sei es im Blumenladen, der Zahnarztpraxis, dem Altenheim oder einer Verwaltung“, sagt die Neuropsychologin Dolores Claros-Salinas. Bei einer in die Therapie integrierten sogenannten „externen Belastungserprobung“ kann der Genesende zeigen - und selbst erfahren -, wie weit er dem Berufsleben wieder gewachsen ist. Schnuppertage für Ministerpräsidenten dürften allerdings nicht so einfach zu organisieren sein.

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