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Rauchen Qualmt das!

07.07.2004 ·  Die Luft für Raucher wird immer dünner, wo man auch hinschaut. Sie spüren längst nicht mehr nur den heißen Atem der organisierten Nichtraucher, sondern auch jenen der Gesetzgeber und der medizinischen Forschung.

Von Joachim Müller-Jung
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Die Luft für Raucher wird immer dünner, wo man auch hinschaut. Sie spüren längst nicht mehr nur den heißen Atem der organisierten Nichtraucher wie der hiesigen Deutschen Krebshilfe, die dieser Tage wieder mit einem ganzen Maßnahmenbündel - einschließlich abschreckender Fotos auf Zigarettenpackungen - in die Offensive gegangen ist. Die politische Entwicklung in vielen Ländern zeigt insgesamt nur in eine Richtung: Norwegen hat Anfang Juni das Rauchverbot in allen Kneipen eingeführt, Irland hat seit April als erstes europäisches Land ein Rauchverbot in allen öffentlichen Einrichtungen, inklusive der rund zehntausend Pubs im Land. Und die englische Regierung hat ebenso wie die Oppositionspartei gegenüber der British Medical Association ihre grundätzliche Bereitschaft zu ähnlich restriktiven Maßnahmen geäußert.

Unterstützung für Tabak-Konvention

Als Erfolgsmeldung und wohl auch als politischer Fingerzeig kursierte in den vergangenen Tagen auch die Zwischenbilanz der Weltgesundheitsorganisation zur Tabak-Konvention: Noch nie seien so schnell die Unterschriften unter einem Vertragswerk der Staatengemeinschaft geleistet worden. Mehr als neunzig Prozent der für das Inkrafttreten erforderlichen Staaten habe unterschrieben, die Hälfte der notwendigen Ratifizierungen - bisher 23 - sei schon ein Jahr nach der Einigung über die Konvention vollzogen.

Nicht nur jedoch der politische und gesellschaftliche Druck auf die Raucher ist enorm gewachsen, auch die Wissenschaft lieferte in der jüngsten Zeit neue, schlagkräftige Argumente für die Antiraucherkampagnen. In der renommierten Zeitschrift "British Medical Journal" (Bd. 328, S. 1519) tauchte ein Bericht über eine Untersuchung auf, die mancher wohl längst für abgeschlossen gehalten hatte. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hatte der inzwischen emeritierte Oxforder Epidemiolologe Richard Doll die Studie mit 34 439 Männern begonnen, die allesamt zwischen 1900 und 1930 geboren worden waren. Als Dolls Erhebung vor fünfzig Jahren erstmals publiziert wurde, galt sie als die erste, die klar einen Zusammenhang zwischen Zigarettenrauch und Lungenkrebs herstellte. Doch die Beweiskraft war damals schon angesichts der Kürze des Untersuchungszeitraums umstritten. Jetzt hat Doll die Schicksale der Probanden neu ausgewertet, und das Ergbnis der Langzeitstudie weist statistisch in dieselbe, ursprüngliche Richtung : Im Schnitt sterben Raucher zehn Jahre früher als Nichtraucher. Die Wahrscheinlichkeit, vor dem 70. Lebensjahr zu sterben, ist für sie doppelt so hoch. Allerdings zeigte die Auswertung auch, daß es sich durchaus lohnen kann, mit dem Rauchen aufzuhören: Diejenigen, die mit fünfzig Jahren aufgehört haben zu rauchen, profitierten statistisch mit sechs zusätzlichen Lebensjahren.

Passivrauchen wurde unterschätzt

Mit einer ähnlich drastischen Botschaft, was das Passivrauchen betrifft, sind jetzt in der Online-Ausgabe derselben Zeitschrift Forscher der Londoner St-George's Medical School hervorgetreten. Ihr Fazit: Passivrauchen wurde unterschätzt. Sie haben knapp 4800 vierzig bis sechzig Jahre alte Männer über einen Zeitraum von zwanzig Jahren untersucht und immer wieder den Gehalt an Cotinin - einem Biomarker für Nikotin im Blut - ermittelt. Ergebnis: Das Risiko, an einem schweren Herz-Kreislaufleiden zu erkranken war bei jenen Nichtrauchern, die am Arbeitsplatz oder zu Hause größeren Niktotinmengen ausgesetzt waren, um fünfzig bis sechzig Prozent erhöht. Unterschätzt hatte man nach Ansicht der Wissenschaftler das Passivrauchen vor allem deshalb, weil man lediglich die Wirkung der Schadstoffkonzentrationen beim Mitrauchen in der eigenen Wohnung abgeschätzt hat, das Passivrauchen am Arbeitsplatz aber nicht berücksichtigt worden sei.

Unerwartet hohe schädliche Folgen durch das Passivrauchen reklamierte jüngst auch eine norwegische Forschungsgruppe von der Universitätsklinik in Bergen, die eine Gesundheitsbefragung mit 18 922 Erwachsenen in 37 europäischen Städten vorgenommen hatte. Die Menschen wurden nach den Rauchgewohnheiten der Eltern befragt. Nach der Auswertung stand für die Forscher fest, daß die Einwirkung des Nikotinrauchs vor allem während der Schwangerschaft schädliche Folgen hat ("Thorax", Bd. 59, S. 295). Besonders Mädchen laufen im späteren Leben Gefahr, an Funktionsstörungen der Lunge, insbesondere an Asthma zu erkranken.

Raucherspuren im Genom

Die medizinische Beweislast wächst freilich nicht nur auf dem epidemiologischen, sondern auch auf dem biomedizinischen Felde, wie etwa das Deutsche Krebsforschungszentrum immer zu zeigen versucht. Vor kurzem waren es amerikanische Genomforscher um Jerome Brody, die in der Online-Ausgabe der "Proceedings" der Nationalen Akademie der Wissenschaften die Reaktion des Körpers auf das Rauchen dokumentierten. Sie haben in den Lungen von Rauchern und Nichtrauchern die Aktivität sämtlicher Gene untersucht, die normalerweise an der Entgiftung von Schadstoffen beteiligt sind. Ergebnis: Der Zigarettenrauch forciert die Aktivität Hunderter dieser Gene, doch bei etwa jedem zehnten Raucher versehen sie ihren Dienst nur inadäquat. Sie sind die ersten Kandidaten für die Ausbildung von Lungenkrebs. Ein gutes Dutzend der Entgiftungsgene bleibt dazu offenbar auch dann außer Kraft, wenn der Süchtige das Rauchen längst eingestellt hat.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2004, Nr. 155 / Seite N1
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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