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Rauchen Dicke Bretter bohren gegen die Nikotinsucht

03.08.2006 ·  Ein Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und Gaststätten könnte Raucher dazu zwingen, andere Verhaltensweisen einzuüben und so das Nichtrauchen fördern. Denn Pflaster, Pillen oder Impfversuche sind oft vergebens.

Von Hildegard Kaulen
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Der Deutsche Bundestag wird nach der parlamentarischen Sommerpause über ein generelles Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden, am Arbeitsplatz und in Gaststätten entscheiden. Die weitere Beschneidung der Raucherzonen dient dem Nichtraucherschutz, soll aber auch eine Motivation für den Ausstieg sein. Daß ein Rauchstopp mühsam ist, hat mit der doppelten Wirkung der Tabakabhängigkeit zu tun.

Nikotin erzeugt einen körperlichen Kick, der schon nach wenigen Stunden in beißende Entzugserscheinungen umschlägt. Rauchen ist zudem ein erlerntes Verhalten. Es dient als Belohnung, als Streßabbau und zur Verarbeitung negativer Gefühle. Fällt das Rauchen weg, müssen diese Bedürfnisse auf andere Weise befriedigt werden. Manche Situationen sind außerdem so eng mit dem Rauchen verknüpft, daß sie eine unmittelbare Gier nach einer Zigarette erzeugen. Jeder ernstgemeinte Versuch einer Raucherentwöhnung muß deshalb beide Dimensionen berücksichtigen, die körperliche und die psychische.

Für die Krankenkassen keine Sucht

Tabakabhängigkeit ist zwar eine Sucht, hat aber im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen nicht den gleichen Status wie andere Suchterkrankungen, etwa Alkoholismus oder Drogenkonsum. Das hat mit dem Suchtbegriff zu tun. Alkohol- und Drogenabhängigkeit führen zur Arbeitsunfähigkeit und bringen die Betroffenen an den Rand der Gesellschaft. Rauchen macht zwar krank und verschlingt Lebenszeit - nach den Erkenntnissen der British Doctor's Study immerhin rund fünfzehn Jahre -, beläßt die Menschen aber in ihrem sozialen und beruflichen Umfeld.

Die Behandlung einer akuten Alkoholkrankheit oder eines Drogenentzugs geht deshalb zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen, eine Raucherentwöhnung mit Medikamenten nicht. Diese Entscheidung geht, wie Bernhard Egger vom AOK Bundesverband in Bonn erläuterte, auf Paragraph 34 des Sozialgesetzbuchs 5 zurück. Dort ist ausdrücklich festgelegt, daß alles, was der allgemeinen Verbesserung der Lebensqualität und des Lebensstils dient, nicht in den Zuständigkeitsbereich der gesetzlichen Krankenkassen fällt. Allerdings bieten viele Kassenversicherer inzwischen Rauchstoppkurse im Rahmen ihrer Disease-Management-Programme oder als Bonusprogramme an. Die medizinische Nikotinersatztherapie wird von den Kassen nicht erstattet.

Andere Verhaltensmuster durch Ersatztherapie

Mit der Nikotinersatztherapie lassen sich die Entzugserscheinungen beim Rauchstopp, etwa Müdigkeit, Schlafstörungen, Unruhe, Konzentrationsschwäche und wachsender Hunger, mildern. Die Raucher erhalten das Nikotin über ein Pflaster, einen Kaugummi, eine Lutschtablette oder ein Nasenspray ohne die gefährlichen Zusatzstoffe einer Zigarette. Dadurch wird der Kick, den das Nikotin auslöst, vom eigentlichen Rauchritual getrennt, und es fällt den Rauchern leichter, andere Verhaltensmuster zu erlernen.

Aus den Ersatzstoffen wird das Nikotin allerdings wesentlich langsamer freigesetzt als beim Abbrennen einer Zigarette. Beim Rauchen setzt die subjektive Wirkung des Nikotins schon nach sieben bis zwölf Sekunden ein und hält dreißig Minuten an. Das Nasenspray wirkt erst nach fünf bis zehn Minuten, der Kaugummi und die Lutschtablette nach zwanzig Minuten und das Pflaster nach zwei bis vier Stunden. Pflaster und Kaugummi sind frei verkäuflich, das Nasenspray ist verschreibungspflichtig. Es können auch mehrere Nikotinersatzprodukte kombiniert werden. Gegen Tabakabhängigkeit zugelassen, aber ebenfalls nicht erstattungsfähig ist das Antidepressivum Bupropion. Es reduziert das Rauchverlangen. Der Wirkstoff sollte bereits ein bis zwei Wochen vor dem eigentlichen Rauchstopp eingenommen werden.

Varencline neutralisiert Nikotinwirkung

In den Vereinigten Staaten wurde jetzt die Substanz Varenicline zugelassen. Sie setzt an den gleichen Rezeptoren an wie das Nikotin und zeigt eine ähnliche Wirkung. Wird gleichzeitig geraucht, vermittelt die Zigarette keinen nennenswerten Kick mehr. Die Wirkung beider Produkte hebt sich also gegenseitig auf.

Erste Erfahrungen sind inzwischen auch mit einer Impfung gemacht worden. Dabei werden Antikörper gegen Nikotin erzeugt. Die Antikörper fangen die psychisch wirksame Substanz im Blut ab und sorgen dafür, daß die Rezeptoren im Gehirn vergeblich auf ihren Kick warten. Begrenzender Faktor ist allerdings die Zahl der gebildeten Antikörper. Ist sie zu gering, zeigt der Impfstoff keine Wirkung.

Verhaltenstherapie besonders effizient

Als das effizienteste Verfahren freilich gilt bisher die Verhaltenstherapie. Darauf weist Anil Batra vom Arbeitskreis Raucherentwöhnung an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen hin. In einer Phase der Selbstbeobachtung wird den Teilnehmern zunächst deutlich gemacht, welche Funktion das Rauchen in ihrem Alltag hat. Vieles erscheint danach weniger zwanghaft. Nach der Selbstbeobachtung folgt die akute Entwöhnung. In dieser Phase darf nicht mehr geraucht werden, und es müssen neue Verhaltensmuster entwickelt werden. Außerdem werden Erfolge belohnt, so daß die Motivation steigt. Die dritte Phase dient der Stabilisierung und der Rückfallprophylaxe. Kritische Rückfallsituationen werden identifiziert und Bewältigungsstrategien erprobt. Das hilft, den langfristigen Erfolg zu sichern. Dieser läßt sich allerdings wegen der hohen Rückfallquote frühestens nach sechs bis zwölf Monaten beurteilen.

Ein Spontanentschluß hilft zumeist wenig. Ohne jede Unterstützung beträgt die Erfolgsquote nur rund drei Prozent. Die Nikotinersatztherapie hat eine Erfolgsquote von zehn bis fünfzehn Prozent. Die Verhaltenstherapie in einer Gruppe führt bei fünfundzwanzig Prozent der Teilnehmer zur Abstinenz. Beides zusammen ergibt eine Abstinenzrate von etwa fünfunddreißig Prozent. Ein ähnlicher Wert wird auch mit dem Bupropion erreicht.

Rückfälle selbst nach Jahren

Eine Studie mit annähernd fünftausend Rauchern an der Universität Genf hat jetzt allerdings gezeigt, daß solche Zahlen nur Momentaufnahmen sind. Rückfälle sind auch nach Jahren nichts Ungewöhnliches. Die Nachwirkungen machen vielen ehemaligen Rauchern noch lange zu schaffen. Depressionen oder Gewichtszunahme sind beispielsweise zwei Gründe, auch nach einiger Zeit wieder mit dem Rauchen anzufangen. Eine wertvolle Unterstützung in jeder Phase des Ausstiegs bieten die Rauchertelefone, etwa das des Deutschen Krebsforschungszentrums oder das der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Ein Rauchstopp ist immer ein persönlicher Kraftakt. Allerdings könnte die Erfolgsquote durch bessere Rahmenbedingungen erhöht werden. Ungünstig ist, so Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Abteilung Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum, nach wie vor das positive Image des Rauchens, das durch die Werbung genährt wird. Ein komplettes Werbeverbot ließ sich aber bislang nicht durchsetzen.

Zigaretten nur noch in speziellen Shops

Auch der Vertrieb müßte nach Ansicht Pötschke-Langers eingeschränkt werden. Zigaretten sollten nur noch in speziellen Tabakshops und nicht mehr im Supermarkt oder am Automaten zu haben sein. Äußerst bedenklich ist auch, daß die Zigarettenindustrie die Produkte über Jahre hinweg raucherfreundlicher gemacht hat. Zigaretten enthalten heute neben dem Nikotin noch rund 4800 Chemikalien, viele davon mit gesundheitsschädigender Wirkung. 386 Millionen Zigaretten gehen hierzulande Tag für Tag in Rauch auf und setzten diese Zusätze frei. Auch der Preis sollte, so Pötschke-Langer, weiter erhöht werden.

Die letzte Steuererhöhung hat dazu beigetragen, daß weniger Jugendliche zur Zigarette greifen. Wie die neuesten Zahlen der Bundesgesundheitszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigen, ist die Raucherquote in der Altersgruppe der 12- bis 19jährigen erstmals rückläufig. Daß eine Entwöhnung schwierig ist, ist unbestritten. Wie Uta-Christiane Brandt, Leiterin des Rauchertelefons beim Deutschen Krebsforschungszentrum, betonte, sind meistens mehrere Anläufe nötig. Rückfall sei kein Mangel an Charakter, sondern beim Ausstieg aus einer chronischen Krankheit - und etwas anderes ist das Rauchen nicht - völlig normal. Alles entscheidender Faktor ist immer noch die Motivation der Raucher zum Aufhören.

Quelle: F.A.Z., 02.08.2006, Nr. 177 / Seite N1
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