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Psychische Erkrankungen Rosa Pillen für Kinder

12.09.2008 ·  Besorgniserregende Zunahme bei Neuroleptika

Von Martina Lenzen-Schulte
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Neuere Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten, England und den Niederlanden zeugen von einem drastischen Anstieg der Verschreibungen von Neuroleptika für Kinder. Diese auch als Antipsychotika bezeichneten Substanzen wendet der Psychiater vor allem gegen Symptome wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder andere Zeichen einer Schizophrenie an. Nichts spricht aber dafür, dass Erkrankungen dieser Art bei Kindern zugenommen hätten. Dennoch erhielten vor allem jüngere Schulkinder in England im Jahr 2005 drei Mal so viele Neuroleptika wie 1992, ähnliche Beobachtungen gibt es aus den Niederlanden. Noch höhere Steigerungsraten, nämlich auf das Sechsfache, haben die Vereinigten Staaten zu verzeichnen.

Die gleiche Entwicklung lässt sich derzeit in Ansätzen auch in Deutschland beobachten. Das zeigt eine Zufallsstichprobe der AOK Hessen, bei der die Verordnung von Medikamenten an 65 882 Kinder im Jahr 2000 mit der an 56 181 Kinder im Jahr 2006 verglichen wurde. Die Zahl der mit Neuroleptika behandelten Kinder und Jugendlichen hat in diesem Zeitraum um gut ein Drittel zugenommen. Besonders betroffen ist die Altersgruppe von zehn bis vierzehn Jahren.

Verschreibungen steigen stärker as passende Diagnosen

Wie Ingrid Schubert von der PMV-Forschungsgruppe an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln in einem Gespräch erläuterte, muss dieser Anstieg zwar relativiert werden, denn absolut gesehen geht es nur um verhältnismäßig wenige Kinder - eine Zunahme von 27 auf 105. Wie schnell sich die Situation ändern kann, zeigt sich aber am Beispiel von Stimulanzien wie dem Ritalin, das gegen das ADHS- oder Zappelphilip-Syndrom wirkt. Anfangs nur bei wenigen Kindern angewendet, werden sie heute etwa zwei bis drei Prozent der Zehn- bis Vierzehnjährigen verordnet.

Noch kann man nicht sicher sagen, für welche Störungen die Antipsychotika überhaupt vergeben wurden. Jedenfalls sind in diesem Zeitraum die Schizophreniediagnosen auch hierzulande nicht angestiegen. Auffällig ist ebenfalls, dass vor allem die neueren Neuroleptika häufiger verordnet werden. Für Kinder ist von dieser jüngeren Substanzklasse antipsychotischer Medikamente einzig das Risperidon zugelassen, das vor allem - bei zweifelhafter Wirksamkeit - Demenzkranken zum Abbau aggressiver Spannungen verschrieben wird. Die Zulassung bei Kindern beschränkt sich auf Verhaltensauffälligkeiten, die mit einer Intelligenzminderung einhergehen. Zwar wurden 2005 mehr Verhaltens- und Entwicklungsstörungen diagnostiziert, aber ohne Intelligenzminderung. Der Anstieg der Verordnungen ist also nicht gedeckt von einem Anstieg dazu passender Diagnosen.

Risiken nicht genügend unersucht

Die Beobachtungen deuteten darauf hin, dass die Verschreibung der Neuroleptika auf Störungen ausgedehnt werde, für die die Wirksamkeit der Substanzen noch nicht durch wissenschaftliche Studien geprüft sei, kommentierte Gerd Lehmkuhl, der Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität zu Köln, die Ergebnisse. Das gelte es umso mehr im Auge zu behalten, als auch die Risiken für die Kinder noch nicht genügend untersucht seien. Offenbar kommt es unter Anwendung der neueren Antipsychotika bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen zu den gefürchteten motorischen Nebenwirkungen, die sich beispielsweise in quälender Bewegungsunruhe äußern können.

Auch Gewichtszunahmen und Störungen im Zuckerhaushalt treffen die Kinder eher und schwerer, so dass teilweise schon die zusätzliche Einnahme eines Antidiabetikums erwogen wurde. Schließlich sind Veränderungen im Prolactin-Stoffwechsel zu befürchten. Aus all diesen Gründen ist mit der Anwendung auch der neueren Antipsychotika bei Kindern Vorsicht geboten, erst recht, als das Anwendungsspektrum gar nicht klar definiert zu sein scheint.

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