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Psychiatrie Ein Handbuch nährt Hoffnungen und Ängste

In Amerika überdenkt man Störungsbilder wie ADHS und Autismus und nimmt auch ganz neue Diagnosen ins Standardhandbuch „DSM“ auf. Die Reform provoziert hitzige Debatten.

© dpa Vergrößern Der Hollywood-Film „Rain Main“ mit Dustin Hoffman und Tom Cruise thematisierte die Krankheit Autismus

“Kritische Blicke sind willkommen“, heißt es auf der Website www.dsm5.org, einer Plattform, auf der die American Psychiatric Association die Fortschritte bei der Weiterentwicklung des Klassifikationssystems psychischer Krankheiten dokumentiert. Die Neufassung des amerikanischen Diagnose-Handbuches soll Ende des Jahres fertig sein und im Mai 2013 beim Jahreskongress der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung offiziell vorgestellt werden.

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Tatsächlich wird die Weiterentwicklung der vierten Version des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-4) zum DSM-5 argwöhnisch begleitet - auch von europäischen Medien. Meist wird dabei herausgestellt, wie kurios einige der neuen Diagnosen erscheinen, die im DSM-4 noch nicht vorkommen: So sollte etwa lange Zeit eine Diagnose aufgenommen werden, mit der man eine milde Angststörung, gekoppelt mit leichter Depressivität, hätte belegen können. Bevor die Gremien, die die Neufassung bearbeiten, von diesem Plan abrückten, wurde immer wieder die Befürchtung laut, die Zahl psychisch Erkrankter würde überproportional in die Höhe schießen, käme es dazu, dass ein solches Syndrom die Weihen einer offiziellen Diagnose erhielte. „Mixed Anxiety/Depression“ wäre die häufigste psychiatrische Diagnose überhaupt geworden, hätte man sie beibehalten, prophezeite der emeritierte Psychiatrie-Professor Allen Frances Anfang Juni im Magazin „Science“, das über die Kontroverse berichtete. Frances gehört zu den schärfsten Kritikern der Neufassung, und seine Worte haben Gewicht: Er koordinierte seinerzeit die Überarbeitung der Vorgängerversion, des DSM-4. Wie die meisten Kritiker befürchtet auch er, dass die neuen Diagnosen eine größere Zahl an Patienten entstehen lassen - die dann möglicherweise ohne Notwendigkeit Arzneimittel mit schweren Nebenwirkungen erhalten.

Auch das in Europa übliche Klassifikationssystem wird reformiert

Die Schärfe der Debatte erklärt sich wohl auch aus den hohen Fallzahlen psychischer Erkrankungen. In Deutschland zeigte zuletzt im Juni eine Studie des Robert Koch-Instituts, dass ein Drittel der Bevölkerung an einer psychischen Erkrankung leidet; mit acht Prozent waren vor allem Symptome einer Depression häufig vertreten. Zudem befindet sich derzeit auch das in Europa gängige Klassifikationssystem in der Revision, die ICD-10 (International Classification of Diseases). Im Jahr 2015 soll die neue Fassung ICD-11 veröffentlicht werden. In Europa wie auch in den Vereinigten Staaten geht es nicht nur darum, neue Diagnosen zu schaffen, sondern auch um eine größere Exaktheit, die etwa dadurch erreicht werden soll, dass der Arzt Schweregrade angeben wird.

“Wir werden beispielsweise unterscheiden, ob es sich um eine Erst- oder Mehrfachmanifestation einer Krankheit handelt“, erklärt Peter Falkai, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Falkai ist Mitglied der Arbeitsgruppe, die für die ICD-11 das Kapitel Psychosen überarbeitet. Er plädiert etwa dafür, das umstrittene „Attenuierte Psychose-Syndrom“, das für das DSM-5 vorgesehen ist, in die ICD-11 aufzunehmen: „Die Idee dahinter ist, die Patienten schon während der Prodromalphase zu erkennen und die volle Ausbildung der Psychose zu verhindern, womit man auch die Prognose verbessern kann.“ Falkai versteht aber auch die Bedenken: „Die Gremien, die das DSM überarbeiten, trifft häufig der Vorwurf, dass ihre Mitglieder Berater der Industrie sind. Befürchtet wird, dass sich Diagnosen so verändern, dass hinterher die Arzneimittelindustrie profitiert.“ Falkai befürwortet deshalb einen strengen „Code of Conduct“, der Verflechtungen ausschließt.

Biowissenschaftliche Beweise stehen noch aus

Aber auch ein weiterer Kritikpunkt taucht immer wieder auf. Als die Planungen für das DSM-5 im Jahr 1999 begannen, hatte man die Hoffnung, dass die Ergebnisse biowissenschaftlicher Forschung, etwa zur Genetik psychischer Störungen, massiv in den neuen Diagnoseschlüssel Eingang finden würden. Doch noch geben die Erkenntnisse auf diesem Feld eine Klassifikation aufgrund biologischer Faktoren nicht her - das gibt selbst David Kupfer von der University of Pittsburgh zu, der Koordinator der DSM-Überarbeitung.

Die Beilage „Natur und Wissenschaft“ der F.A.Z. hat mit einer in loser Abfolge erscheinenden Artikelserie zu den Hintergründen der neuen DSM-5-Diagnosen und den Folgen für die Klinik und die einzelnen Forschungsgebiete begonnen. Dabei soll auch geschildert werden, welche langjährigen Debatten unter Spezialisten der DSM-Reform vorausgingen. Die geplante Diagnose „DMDD“ für eine Untergruppe hyperaktiver Kinder etwa, die zum Auftakt vorgestellt wird, tauchte nicht aus dem Nichts auf, sondern reflektiert einen Traditionswechsel und die Ergebnisse vieler Studien - was der Kontroverse, die sich auch an DMDD entzündet, allerdings keinen Abbruch tut.

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Quelle: F.A.Z.

 
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