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Psychiatrie Die Schwermut überdenken

03.12.2009 ·  Entzündungen können Depressionen auslösen und Antidepressiva zur Heilung nach einem Hirnschlag beitragen: Die Psychiatrie sucht nach neuen Konzepten, die Forschung liefert sie.

Von Martina Lenzen-Schulte
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Die biologische Depressionsforschung glich viele Jahre einem riesigen Tross, der kaum noch von der Stelle kam. Seit Jahrzehnten beherrschte das Paradigma von der Depression als einer Balancestörung der Nervenbotenstoffe Serotonin, Dopamin und Noradrenalin alle Denkkonzepte, aber es unterdrückte auch wie ein Dogma alle abweichenden Meinungen. Plötzlich gewinnen jedoch neue Forschungsansätze immer mehr Terrain. Davon zeugt nicht zuletzt das wissenschaftliche Programm der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, die bis zum Wochenende in Berlin stattfand.

Gliazellen im Gehirn beteiligt

Selten war auf einem Psychiatriekongress das Thema Depression so präsent. Insbesondere die Grundlagenforschung wartete mit ganz ungewohnten Hypothesen und Konzepten auf. Eine davon betrifft die Rolle der Gliazellen des Gehirns, die lange Zeit als lediglich passive Stützzellen der eigentlichen Nervenzellen, der Neurone, wenig Beachtung fanden. Gliazellen ummanteln nicht bloß Neuronenfortsätze, sie nehmen auch wichtige Funktionen bei der Entgiftung wahr, sie unterstützen die neuronale Regeneration, sie dirigieren die Immunantwort, doch sie können auch den Neuronen erheblichen Schaden zufügen. Und damit ist man bei der Bedeutung der Gliazellen für die Depression. Die Untersuchungen von Gehirnschnitten verstorbener Patienten haben übereinstimmend gezeigt, dass die Dichte der Gliazellen im Vergleich zu nicht depressiv Kranken erheblich vermindert ist. Johann Steiner von der Psychiatrischen Universitätsklinik zählt zu der Handvoll Forscher in Deutschland, die sich vorgenommen haben, diese Hypothese weiterzuverfolgen. Er stellte in Berlin seine Untersuchungen vor, wonach die Dichte der Mikrogliazellen statistisch sogar eng mit vollendeten Suiziden unter Depressiven verknüpft ist. Matthias Schroeter vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig lenkte das Augenmerk auf einen entscheidenden Marker der Gliazellaktivität: das Kalzium bindende Protein S100B.

Es befindet sich innerhalb der Gliazellen. Ist im Blut seine Konzentration erhöht, gilt dies als Hinweis auf eine krankhafte, pathologische Veränderung dieser Zellgruppe. Erste Hinweise stützen die Vermutung, dass die Veränderungen der Konzentration an S100B - zumindest bei bestimmten Patienten - mit Erfolg oder Misserfolg einer antidepressiven Behandlung einhergehen. Dass den Gliazellen überdies eine erhebliche Bedeutung zukommt, wenn es darum geht, schädliche entzündliche Prozesse entweder einzudämmen oder gar aufrechtzuerhalten, erläuterte Matthias Rothermundt von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik in Münster. Er schlug damit den Bogen zu der immer bedeutsamer werdenden Entzündungshypothese der Depression.

Enzündungsmarker bei Depressiven

Zahlreiche Leiden, denen massive Entzündungen zugrunde liegen, gehen offensichtlich auch öfter mit einer Depression einher. Das liegt, wie inzwischen eindeutig gezeigt wurde, keineswegs daran, dass die körperlichen Beschwerden die Psyche der Betroffenen belasten. Es gibt Patienten, die "nur" depressiv sind und ebenfalls eine Erhöhung von Entzündungsmarkern im Blut aufweisen. Andere Beweise liefern Medikamentenstudien. So werden zum Beispiel Hepatitiskranke, die mit Entzündungsmediatoren wie Interferon behandelt werden, in bis zu 45 Prozent der Fälle depressiv. Umgekehrt hat sich gezeigt, dass die Immunsuppression bei Psoriasispatienten depressive Symptome vermindert, und zwar unabhängig davon, ob sie auf die eigentliche Krankheit, die Schuppenflechte, selbst wirkt oder nicht. Dazu passt, dass inzwischen nicht nur eine eigene, entzündungshemmende Wirkung gängiger Antidepressiva entdeckt wurde - inzwischen werden Entzündungshemmer sogar als Medikamente für Depressive getestet.

Die Arbeitsgruppe um Norbert Müller an der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München hatte bereits vor einiger Zeit eine Studie veröffentlicht, wonach der gegen Rheuma und Arthrose zum Einsatz kommende Cox-2-Inhibitor Celecoxib die Wirkung einer antidepressiven Basistherapie deutlich zu steigern vermag.

Nervenbotenstoff Glutamat im Visier

Ob man nun die Glia betrachtet oder das Entzündungsgeschehen - molekularbiologisch führen bei der Depression derzeit alle Wege zum Glutamat. Dieser Nervenbotenstoff ist eine der wichtigsten exzitatorischen, elektrisch-erregenden Substanzen im Gehirn. Erhöhte Konzentrationen von Glutamat in bestimmten Hirnregionen gelten inzwischen als ein wichtiges Bindeglied zur Depression. Gliazellen sorgen nun unter anderem dafür, dass Glutamat nach getaner Arbeit wieder aus dem Umfeld der Nervenzellen entfernt, seine Wirkung mithin entschärft wird.

Entzündungsfördernde Substanzen können diese Schutzfunktion vor Übererregung umwandeln, so dass es zu einer Überaktivität des Glutamatsystems kommt. So verwundert es nicht, dass neben entzündungshemmenden Substanzen auch solche, die als Gegenspieler des Glutamats gelten, als neue Antidepressiva-Generation gehandelt werden. Dazu zählen Riluzol, das bisher bei der zu Lähmungen führenden Amyotrophen Lateralsklerose verwendet wird sowie das Alzheimer-Medikament Memantine. Zu den Glutamathemmstoffen wird auch das als Partydroge ins Zwielicht geratene Narkosemittel Ketamin gerechnet.

Insgesamt machen die klinischen Studien zur antidepressiven Wirksamkeit dieser Substanzen zwar noch nicht viel Hoffnung auf bahnbrechende Erfolge. Allerdings darf man erwarten, dass diese Konzepte auch einen Innovationsschub für die Entwicklung neuer Substanzen nach sich ziehen werden.

Wie befruchtend sich die Grundlagenforschung zur Depression künftig auch für die Behandlung anderer Erkrankungen erweisen könnte, ließ der Vortrag von Golo Kronenberg von der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin erahnen. Er berichtete von einem Tiermodell für die Depression, das man durch die künstliche Erzeugung eines Schlaganfalls erzeugt hat. Man weiß, dass Schlaganfallpatienten in bis zu einem Drittel der Fälle depressiv werden, ohne dass man dies mit dem Schweregrad ihrer Beeinträchtigung erklären könnte. Indem man die Blutzufuhr der mittleren, linksseitigen Hirnarterie für etwa dreißig Minuten unterbindet, kann man bei Mäusen zuverlässig ein Verhalten erzeugen, das einer Depression ähnelt. Dieses Tiermodell verweist nicht nur auf die vor Jahrzehnten populär gewordene Vermutung, dass die Depression bevorzugt mit Defekten in der linken Hirnhälfte zu tun haben könnte. Die Berliner Forscher entdeckten zudem, dass die Gabe eines Antidepressivums sieben Tage nach dem Hirninfarkt die Entstehung depressiver Merkmale verhindern konnte. Was aber noch hellhöriger werden lässt: Selbst die so späte Gabe eines Antidepressivums konnte den substantiellen Gewebeschaden im Gehirn verringern, der bleibende Defekt war kleiner.

Antidepressiva eignen sich infolgedessen vermutlich nicht nur, um die Stimmung nach einem Schlaganfall aufzuhellen. Sie könnten darüber hinaus heilsame Effekte haben. Ohnehin rechtfertige sich derzeit bereits aus einem anderen Grund der großzügige Einsatz von Antidepressiva nach einem Hirninfarkt, meinte Kronenberg. Depressionen blieben bei diesen Patienten massiv unterbehandelt.

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