08.02.2006 · Eine Impfung ist die gesundheitliche Präventionsmaßnahme schlechthin: In Deutschland mangelt es sowohl an einem nationalen Konzept als auch an Aufklärung und politischer Unterstützung.
Von Hildegard KaulenWann immer über die Instrumente einer nachhaltigen Gesundheitspolitik gesprochen wird, geht es auch um Vorbeugung. Maßnahmen wie das Mammographie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs, die Förderung gesunder Ernährung bei Kindern und Jugendlichen sowie Kampagnen gegen das Rauchen sind in den vergangenen Jahren auf breite, parteiübergreifende Akzeptanz gestoßen. Nur einer Präventionsmaßnahme fehlt der politische Rückenwind - dem Impfen. Das wird am Beispiel der Masern deutlich. Auf dem Weg zu dem von der Weltgesundheitsorganisation markierten Ziel, diese Krankheit bis zum Jahre 2010 auszurotten, hinkt die Bundesrepublik anderen Ländern hinterher.
Auf dem amerikanischen Kontinent sind seit drei Jahren keine Masern mehr aufgetreten. Die letzten beiden Ausbrüche - 1998 in Brasilien und 2002 in Venezuela - ließen sich auf Viren zurückführen, die aus Deutschland eingeschleppt worden waren. Hierzulande gibt es nach wie vor einige hundert Fälle von Masern pro Jahr, mit zum Teil schweren Komplikationen. Was macht die Bundesrepublik falsch? Auf dem von der Stiftung Präventive Pädiatrie organisierten fünften Impfsymposion, das kürzlich im Schloß Waldthausen bei Mainz stattgefunden hat, fanden sich deutliche Worte dazu. Nach Überzeugung von Heinz-J. Schmitt vom Zentrum Präventive Pädiatrie der Universität Mainz, der auch Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin ist, fehlt es vor allem an Aufklärung. Es gibt auch kein konzertiertes Vorgehen zwischen den beteiligten Gruppen.
Impfung nach einem dezentralen System
In Deutschland wird nach einem dezentralen System geimpft. Neben dem für die Zulassung und Überwachung der Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Institut in Langen und der ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut sind an diesem System noch die Ärzte, die Krankenkassen und der öffentliche Gesundheitsdienst beteiligt. Zwischen diesen gibt es keine klaren Absprachen über die geplanten Gesundheitsziele und wie sie zu erreichen sind. Die Ständige Impfkommission entscheidet zwar, welche Impfungen im Interesse des Gemeinwohls sind und wann geimpft werden soll. Eine öffentliche Empfehlung an ihrer Stelle können aber nur die Bundesländer abgeben, weil ihnen derartige Gesundheitsfragen obliegen. Eine solche Übernahme geschieht nicht automatisch, obwohl sie im Infektionsschutzgesetz ausdrücklich gewünscht ist.
Wie Schmitt auf dem Symposion ausführte, werden hierzulande auch keine flächendeckenden epidemiologischen Daten erhoben, mit denen das Impfen begründet und der Impferfolg überprüft werden könnte. Bei den Masern beruht die Erfassung der Erkrankungsfälle im wesentlichen auf den nach dem Infektionsschutzgesetz erhobenen Meldedaten sowie der Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft Masern und dem Nationalen Referenzzentrum Masern, Mumps, Röteln. Rückschlüsse auf die Impfungsraten lassen sich lediglich aufgrund der Schuleingangsuntersuchungen ziehen. Vier Jahre zu spät, wenn man Impflücken rechtzeitig schließen will. So erhalten zwar neunzig Prozent der Säuglinge die erste Impfung gegen Masern, die zweite, wenige Monate später anfallende Impfung wird aber nur noch bei jedem zweiten dieser Kinder vorgenommen. Zum Ausrotten der Masern sind aber beide Impfungen sowie eine bevölkerungsweite Impfungsrate von mehr als 95 Prozent nötig.
Mangelnde Impfbereitschaft
In Deutschland mangelt es zudem an der Impfbereitschaft. Sie zu fördern, wäre neben der Entwicklung eines nationalen Impfkonzeptes eine der vordringlichsten Aufgaben der Politik. Seit dem Wegfall der Pockenimpfung gibt es keine Pflichtimpfungen mehr. Die Zahl der strikten Impfgegner ist zwar mit ein bis drei Prozent gering, trotzdem werden viele der angebotenen Impfungen nicht wahrgenommen. Das hat laut Ursel Lindlbauer-Eisenach, Kinder- und Jugendärztin in München und stellvertretende Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Bayern, verschiedene Gründe. So wird zum Beispiel die Senkung der Kindersterblichkeit nicht in erster Linie dem Impfen zugeschrieben, sondern der verbesserten Hygiene. Schwere mit den Kinderkrankheiten verbundene Komplikationen, etwa Hirnhautentzündungen oder Lähmungen, sind heute so selten geworden, daß sie gar nicht mehr als Bedrohung empfunden werden. Statt dessen nimmt die Auffassung zu, daß es für ein Kind besser ist, eine Infektionskrankheit durchgemacht zu haben, als durch eine Impfung geschützt zu sein.
Impfschäden, die durch alte Impfstoffe verursacht wurden, werden oft auch den modernen Impfstoffen ungeachtet ihrer Weiterentwicklung angelastet. Sogar Erkrankungen, die als möglicher Impfschaden im Gespräch waren, tatsächlich aber andere Ursachen haben, werden als Begründung für eine mangelnde Impfbereitschaft genannt. Dabei ist inzwischen klar, daß die Masern-Mumps-Röteln-Impfung keinen Autismus verursacht, die Keuchhustenimpfung keinen Hirnschaden und die Hepatitisimpfung keine Multiple Sklerose.
Anhängig von äußeren Gegebenheiten
Da sich weit mehr als die Hälfte aller Kinder in einer öffentlichen Gemeinschaftseinrichtung anstecken, möchte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte den Besuch dieser Einrichtungen an den Nachweis gewisser Impfungen knüpfen. Eine solche Verpflichtung ist in anderen Ländern, etwa in den Vereinigten Staaten, üblich. Laut Infektionsschutzgesetz ist Kindern mit Keuchhusten, Masern, Mumps, Windpocken oder anderen leicht übertragbaren Krankheiten der Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung verboten. Warum sollte dann nicht, wie Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendärzte bei dem Symposium fragte, die Aufnahme in eine öffentliche Gemeinschaftseinrichtung an einen bestehenden Impfschutz gebunden sein? Nach der Charta der Vereinten Nationen hat jedes Kind ein Recht auf Impfungen gegen vermeidbare Krankheiten.
Wie stark die Impfbereitschaft von den äußeren Gegebenheiten abhängt, ließ sich im vergangenen Herbst am Beispiel der jährlichen Grippeimpfung beobachten. Die Ereignisse können, wie Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen bei dem Symposium sagte, als Lehrstück dafür dienen, wie das öffentliche Interesse an einer Impfung steigt, wenn eine Gefahr als real angesehen wird. Durch die Berichterstattung über eine drohende Grippepandemie und das Auftreten der Vogelgrippe in der Türkei alarmiert, haben sich im vergangenen Jahr ungewöhnlich viele Menschen gegen saisonale Grippe impfen lassen. Schon Ende Oktober war kein Impfstoff mehr über die Impfstoffhersteller verfügbar. Da die Produktion in zeitintensiven Kampagnen verläuft, konnte sie auch nicht gleich wieder aufgenommen werden.
Im Falle einer Pandemie wird die Nachfrage gewaltig sein. Da weltweit höchstens dreihundert Millionen Dosen eines Impfstoffs hergestellt werden können, wird es keine Impfung für alle geben. Es müssen also dringend Maßnahmen gefunden werden, mit denen der Impfstoff im Ernstfall ohne Verlust seiner Wirksamkeit verdünnt und an möglichst viele Menschen in effektiver Weise verteilt werden kann. Spätestens dann wird man ein nationales Impfkonzept benötigen.