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Prävention für die Psyche Schutz oder Stigma?

Wie hilft man Menschen, die in einem frühen Stadium unter Essstörungen, Psychosen oder Manie leiden? In Berlin diskutierten die Vertreter der psychiatrischen Präventionsforschung.

© AFP Vergrößern Hände einer Patientin mit Anorexia nervosa, einer schweren Essstörung

Noch im vergangenen Jahrzehnt waren sich Wissenschaftler sicher, dass schwache Psychose-Symptome in der Allgemeinbevölkerung häufig vorkommen: Studien hatten ergeben, dass etwa neun bis zwölf Prozent der Menschen hin und wieder glauben, in der Öffentlichkeit werde über sie gelacht, dass sie leichte Wahrnehmungsstörungen haben, die noch keine Halluzinationen sind, oder manchmal Stimmen hören. Mittlerweile wurden die Zahlen leicht nach unten korrigiert: „Sechs Prozent, das ist der Stand derzeit“, sagt Benno Graf Schimmelmann von der Universität Bern. Schimmelmann stellte in der vergangenen Woche in Berlin eine Studie vor, die den Anteil von Menschen mit derartig abweichender Wahrnehmung noch weiter nach unten korrigiert.

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Damit leistete das Team aus Bern einen Beitrag zu einem Forschungsfeld, das während des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in besonderer Weise im Vordergrund stand: In mehreren Veranstaltungen ging es um Präventionsforschung, also um die Möglichkeiten, durch frühzeitige Intervention psychische Erkrankungen - darunter Psychosen und Schizophrenie, aber auch Essstörungen und die bipolare Störung - zu verhindern oder den Verlauf abzumildern.

Das Gefühl, alles nur zu träumen

Die Mitarbeiter des Kinder- und Jugendpsychiaters Schimmelmann und seiner Mitautorin, der Diplom-Psychologin Frauke Schultze-Lutter, befragten mehr als 1200 zufällig ausgewählte Frauen und Männer zwischen sechzehn und vierzig Jahren aus dem Kanton Bern in einem ausführlichen Telefoninterview. Zwar berichtete ein Viertel über mindestens ein Symptom, das als Risikosymptom für eine sich ankündigende Psychose gilt. Legte man jedoch die in den diagnostischen Instrumenten festgeschriebenen Regeln für Risikokriterien streng aus, blieben nur wenige Gefährdete übrig: Nur gut zwei Prozent zeigen Derealisation, sie haben zum Beispiel plötzlich das Gefühl, alles nur zu träumen. Ein Prozent leidet unter Gedankeninterferenzen und -blockaden, etwa zusammenhanglosen Gedanken, die sich zwischen andere schieben. Und weniger als ein halbes Prozent hat abgeschwächte Positivsymptome; die Betroffenen hören etwa manchmal Stimmen oder denken, dass fremde Menschen über sie reden.

Schimmelmann hält es für möglich, dass andere Studien größere Zahlen von Risikopatienten erbrachten, weil Laien die Interviews durchführten oder lediglich schriftliche Fragebögen verwendet wurden. Sein Team bestand aus Psychologen, die eine engmaschige Supervision erhielten. Aus seiner Sicht ist vor allem ein Befund spannend: Bei fast der Hälfte der Probanden, die Risikokriterien für eine Psychose zeigen, stellten die Interviewer eine andere psychiatrische Diagnose fest, am häufigsten Depressionen und Angststörungen. Etwa fünfzig Prozent derjenigen mit Risikosymptomen hatten bisher Hilfe bei Psychiatern oder Psychologen gesucht. „Das zeigt, dass es in der Prävention psychiatrischer Erkrankungen auch zentral darum geht, ein Bewusstsein bei Hausärzten oder Jugendhilfeeinrichtungen zu erzeugen“, sagt Schimmelmann. Die Stellen, an die sich Betroffene wenden, sollten ihre Aufmerksamkeit seiner Ansicht nach mehr als bisher auch gezielt auf die schwachen Symptome richten, die in der Frühphase einer Psychose auftreten können. Mit einer Follow-up-Studie soll jetzt erfasst werden, ob die Symptome bei den Risikopatienten auch ohne Therapie verschwinden. Falls sich der Zustand derer, die keine Hilfe gesucht haben, verschlechtert hat, könnte Schimmelmann sich durchaus als Fazit die Empfehlung vorstellen, stärker als bisher mit Früherkennungsprogrammen an die Allgemeinbevölkerung heranzutreten, etwa in Schulen.

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