22.10.2003 · Das ehrgeizige Ziel der Weltgesundheitsorganisation, die Kinderlähmung weltweit bis Ende 2004 auszurotten, ist in Gefahr. In Westafrika sollen deshalb 15 Millionen Kinder in drei Tagen geimpft werden.
Von Joachim Müller-JungDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht ihr erst vor wenigen Monaten angekündigtes Ziel, die Kinderlähmung weltweit bis Ende nächsten Jahres auszurotten, durch eine neue Infektionswelle in Westafrika bedroht. Durch die von Nigeria ausgehende Verbreitung des Poliovirus sind Millionen Kinder gefährdet. Die WHO hat deshalb gestern eine kurzfristig anberaumte Impfkampagne in fünf angrenzenden Ländern begonnen. In drei Tagen sollen insgesamt rund 15 Millionen Kinder in Benin, Burkina Faso, Ghana, Niger und Togo die Schluckimpfung erhalten. Die Aktion kostet rund zehn Millionen Dollar. In Tschad und in Kamerun sollen im November weitere Kampagnen folgen.
Als "schlimme Bedrohung" bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation gestern die Vorgänge, die sich derzeit in Nigeria abspielen. Anders nämlich als in den meisten anderen afrikanischen oder auch asiatischen Ländern kommt man dort mit der Immunisierung der Bevölkerung nur schleppend voran. Das westafrikanische Land, das bevölkerungsreichste in der Region, zählt zu den letzten sieben Nationen weltweit, in denen die gefährliche Infektionskrankheit grassiert. Zusammen mit Rotary International, das seit Beginn der Impfkampagnen im Jahre 1988 mehr als eine halbe Milliarde Dollar für die Polioausrottung gespendet hat, der Unicef und dem amerikanischen Center for Disease Control and Prevention, war es zwar zuletzt gelungen, die Zahl der Neueinfektionen jährlich weltweit auf ein- bis zweitausend zu senken. Aber immer wieder flammt die ansteckende, durch den Mund übertragende Krankheit in einzelnen Regionen wie in Indien, vor allem aber wohl zur Zeit in Nigeria auf.
Ausrottung der Polio fraglich
"Unser Ziel einer poliofreien Welt ist dadurch in Gefahr", sagte der neue Leiter des Impfprogramms, David Heymann in Genf. In Ghana, Togo und Burkina Faso galt die Krankheit als besiegt, bis man vor kurzem in allen drei Ländern sowie in Niger meherere neu infizierte Kinder entdeckt hat. Offenkundig, so ermittelten Epidemiologen der WHO aus der genetischen Zusammensetzung der Viren, waren die Kinder mit aus Nigeria eingereisten Infizierten in Kontakt gekommen. Ähnliche Polioexporte kennt man aus Indien. In Nigeria freilich scheint die Situation derzeit besonders gravierend. Vor allem im nördlichen Bundesstaat Kano hatten die bisherigen routinemäßigen Impfkampagnen kaum Erfolg. Nur jedes sechste Kind ist dort immunisiert. Indirekt machte die WHO dafür auch die politischen Führer in den nigerianischen Gemeinden verantwortlich, die zu wenig dafür tun, die Menschen von der Impfung zu überzeugen. Zusätzlich untergraben Gerüchte, wonach die Schluckimpfung zu Unfruchtbarkeit führen könne, die Bemühungen der Gesundheitsexperten.
Mehrere hunderttausend Freiwillige in den fünf benachbarten Ländern - Sanitäter, Gemeindearbeiter und andere Helfer - sollen nun, ausgerüstet mit dem in Rucksäcken gekühlten Impfstoff, von Haus zu Haus gehen und dafür sorgen, daß zumindest die akute Gefahr weiterer Polioexporte gebannt wird.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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