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Polio-Epidemie Afrika steht vor einer neuen Tragödie

23.06.2004 ·  Die Vereinten Nationen und mit ihr alle Unterstützer der weltweiten Kampagne zur Ausrottung der Kinderlähmung haben einen schweren Rückschlag hinnehmen müssen. In Westafrika bahnt sich eine neue Epidemie an.

Von Joachim Müller-Jung
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Die Vereinten Nationen und mit ihr alle Unterstützer der weltweiten Kampagne zur Ausrottung der Kinderlähmung haben einen schweren Rückschlag hinnehmen müssen. In Westafrika, so mußte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf vermelden, kündige sich „die größte Polioepidemie der vergangenen Jahre“ an.

Eigentlich sollte nach einer der größten Impfkampagnen der Geschichte bis zum Ende dieses Jahres das Poliovirus endgültig ausgerottet und damit die vor mehr als fünfzehn Jahren begonnene Kampagne erfolgreich abgeschlossen werden. Seinerzeit war der Erreger noch in 125 Ländern der Erde verbreitet. Anfang dieses Jahres war diese Zahl dank der massiven Imfprogramme auf sechs Länder geschrumpft. Die mehr als drei Milliarden Dollar Ausgaben dafür, die zum nicht unbeträchtlichen Teil aus Privatmitteln - etwa von Rotary International - stammen, hatten sich bereits ausgezahlt.

Doch das große Ziel war und bleibt weiterhin die vollständige, globale Ausrottung des Poliomyelitis-Erregers. Auch die vergleichsweise geringe Zahl von etwas mehr als zweihundert Neuinfektionen jährlich in jüngster Zeit war man nicht mehr bereit hinzunehmen. Aus diesem Grund versuchte die WHO von Mitte vergangenen Jahres an ihre Impfkampagnen zu forcieren.

Impfstoff-Boykott in Nigeria

In den verbliebenen sechs Rückzugsgebieten des Virus wurde mit der Verteilung des Impfstoffs an Millionen von Kindern begonnen. Vor allem Nigeria und die angrenzenden Staaten hatte man dabei im Blick. Denn dort, in der nordnigerianischen Region Kano, hatte die von islamischen Religionsführern kontrollierte Regionalregierung hartnäckig die Zusammenarbeit mit den WHO-Mitarbeitern verweigert. Fälle wurden bekannt, in denen das Virus nachweislich aus dieser Gegend in benachbarte Länder "exportiert" worden war. Erst vor wenigen Wochen, nicht zuletzt nach einer Veröffentlichung in der Zeitschrift "Nature", in der die Ungefährlichkeit des Polioimpfstoffs nachgewiesen wurde, lenkte die Regierung Kanos ein - zu spät möglicherweise.

Inzwischen haben Mitarbeiter der WHO in Nigeria 197 neue Poliofälle entdeckt; in Sudan sind nach den jüngsten epidemiologischen Erhebungen in diesem Jahr schon fünfmal so viele Kinder an Lähmung erkrankt wie in den vergangenen Jahren. "Die Ausbreitung beschleunigt sich in einer alarmierenden Geschwindigkeit", warnte David Heymann von der Weltgesundheitsorganisation. Aus zehn vorher als poliofrei geltenden schwarzafrikanischen Ländern seien inzwischen wieder Neuerkrankungen gemeldet worden. Neunzig Prozent der Kinderlähmungen konzentrierten sich mittlerweile auf Afrika. Für die zu erwartende "Hochsaison" während der Regenzeit müsse mit Tausenden von neuerkrankten Kindern gerechnet werden.

Impfkampagne wird verstärkt

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich deshalb entschlossen, die Impfkampagnen noch einmal zu verschärfen und bis zum November dieses Jahres gleichzeitig in 22 afrikanischen Ländern bis zu 74 Millionen Kinder zu immunisieren. Allein was fehlt, sind die dafür benötigten Gelder: Hundert Millionen Dollar sind es, die die WHO nun in aller Eile aufzutreiben versucht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2004, Nr. 143 / Seite N1
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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