07.03.2010 · Die Entwicklung von Biomarker-Tests, die den genetischen oder biochemischen Fingerabdruck eines Patienten und damit das individuelle Behandlungsrezept liefern sollen, kommt nicht in Fahrt. Der immer noch hohe Aufwand wirkt sich hemmend aus.
Von Joachim Müller-JungIn der Euphorie des Fortschritts spricht kaum jemand darüber, aber eine gewisse Anspannung war durchaus auch auf dem Krebskongress zu spüren: Könnte es sein, dass die Entwicklung neuer, auf den Patienten zugeschnittener Arzneitherapien, die gerne auch als "personalisiert" oder "maßgeschneidert" bezeichnet werden, immer öfter am eigenen Anspruch scheitert - zumindest vorerst? Ist der Aufwand doch noch zu groß, sind die Kosten zu gewaltig und die therapeutischen Zugewinne immer noch zu gering, als dass die lange gehegten Visionen rasch verwirklicht werden? Fest steht: Bei der Entwicklung von Biomarker-Tests, die den genetischen oder biochemischen Fingerabdruck des jeweiligen Patienten bringen und damit das individuelle Behandlungsrezept liefern sollen, hinkt man deutlich hinterher.
Das liegt zum einen an der Geschwindigkeit, mit der die Forschung bei den potentiellen Wirkstoffen vorprescht. Etwa 90 Krebspräparate sind heute zugelassen. An die 350 weitere aber sind bereits in klinischen Tests und mindestens noch mal so viele in vorklinischen Prüfungen. Damit wird deutlich: Die neuen Krebsmedikamente drängen massiv auf den Markt.
Die Ausgaben für innovative Medikamente haben sich in wenigen Jahren mehr als verdoppelt, erreichen längst Milliarden Euro. Gab es 1998 noch einen "Blockbuster", erzielt die Industrie heute schon mit 11 der 18 onkologischen und hämatologischen Präparate in der Top-200-Liste Milliardenumsätze, konstatierte Wolf Dieter Ludwig vom Helios Klinikum in Berlin-Buch. Was auf dem Kongress auch zu Klagen darüber führte, dass gerade die neuen Spezialpräparate viel zu schnell und nicht ausreichend geprüft zugelassen werden. Bei fünfzig Prozent der Mittel müssten nach der Zulassung Fachinformationen geändert und Packungsbeilagen ergänzt werden, jedes fünfte müsse später mit einem Warnhinweis versehen werden. Der Überlebensvorteil der - meist sehr teuren - neuen Mittel liegt hingegen nur zwischen null und drei Monaten, so Ludwig.
Ein Signal der europäischen Zulassungsbehörde
Als entscheidender Schwachpunkt gilt: Die Patienten in den Studien werden immer noch nach dem Gießkannenprinzip behandelt. Michael Thomas von der Thoraxklinik in Heidelberg, der auf dem Kongress mit dem John-Mendelsohn-Studienpreis der Krebsgesellschaft ausgezeichnet wurde, kennt Beispiele. Allein für die Behandlung von Lungentumoren seien derzeit acht Präparate in klinischen Tests, allesamt moderne Tyrosinkinase-Hemmer für Eingriffe in die Signalkaskaden der entarteten Zellen. Bei keinem Mittel wird allerdings versucht, mit biochemischen oder genetischen Profilen zu untersuchen, bei welchem Patienten das jeweilige Mittel tatsächlich wirkt. Ein integriertes Biomarker-Programm fehlt. Damit werden viele Patienten behandelt, bei denen das jeweils verabreichte neue Mittel gar nicht wirken kann, das Gesamtergebnis verschlechtert sich.
Die europäische Zulassungsbehörde Emea, so Thomas, "hat inzwischen ein Signal gesetzt": Weil der Antikörper Cetuximab den Lungenkrebspatienten nach dem Gießkannenprinzip verabreicht wurde und am Ende ein Überlebensvorteil von lediglich 1,2 Monaten ermittelt wurde, ist die Zulassung für die Lungenkarzinome verweigert worden. Thomas: "Die Prüfbehörden fordern jetzt auch signifikante Ergebnisse." Und die sind am ehesten dann zu erreichen, wenn die Patienten mit Hilfe von Biomarkern gezielt selektiert werden. Derselbe Antikörper, Cetuximab, hatte übrigens - angeleitet durch einen Biomarker - die mittlere Überlebensdauer beim fortgeschrittenen Darmkrebs auf zwei Jahre erhöht. Vor Jahren lag diese noch bei sechs bis acht Monaten.
Kampf mit dem großen Aufwand
Von ähnlich vielversprechenden Ansätzen war in Berlin immer wieder zu hören. Ulrike Stein von der Charité hat etwa das bei Mäusen entdeckte Gen MACC1 präsentiert, dessen Aktivität Vorhersagen ermöglicht, bei welchen Darmkrebspatienten eine Chemotherapie anschlägt - oder eben überflüssig ist, weil sie nicht wirkt. Andrea Tannapfel vom Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum hat ebenso wie Martin Wolf vom Klinikum Kassel vorgeführt, wie eine Mutation im Rezeptor-Gen EGFR den Weg für eine erfolgreiche Lungenkrebsbehandlung mit Gefitinib ebnet. Jeder sechste Patient trägt eine solche Mutation. Ist er oder sie noch dazu Nichtraucher und handelt es sich wie oft um ein Adenokarzinom, ist die Chance, auch einen extrem fortgeschrittenen Lungentumor vorübergehend aufzuhalten und noch anderthalb bis zwei Jahre damit leben zu können, um gut fünfzig Prozent erhöht. Patienten ohne EGFR-Mutation und Raucher freilich profitieren kaum von der Therapie.
An der Technik liegt es nicht, dass es an umfassenden Biomarker-Programmen mangelt. Gentests, schnelle Genomsequenzierung, Proteinmessungen - mit Hightech-Apparaten ist man gesegnet, das machte Miro Venturi von der Firma Roche deutlich. Aber der Aufwand sei halt gewaltig. Scheut die Industrie also die Kosten für ihre Arzneistudien? Der Heidelberger Onkologe Thomas warnt: "Die frühe Einengung des Patientenkreises könnte ja durchaus die Absatzchancen mindern. Aber langfristig würde sich die gezieltere Therapie mit der besseren Chance auf Zulassungen auszahlen."
Klinische Krebsforschung unabhängig von der Pharmaindustrie fördern!
Robert Semrau (semraur)
- 07.03.2010, 12:09 Uhr
PET/CT
Jonas Müller-Hübenthal (Dr_Dolittle)
- 07.03.2010, 18:03 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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