27.12.2007 · Wissenschaftler haben Nikotin zur Behandlung von Parkinson eingesetzt - mit Erfolg. Bei allen Patienten verbesserten sich die motorischen Defizite. Noch weiß man allerdings nicht, wie der Suchtstoff die Symptome lindert.
Von Martina Lenzen-SchulteWährend die Zigaretten nach langem Kampf allmählich aus der Öffentlichkeit verschwinden, da erproben bereits Wissenschaftler das Nikotin als mögliches Heilmittel gegen Parkinson. In einer Pilotstudie an sechs Patienten ist der Suchtstoff erfolgreich zur Behandlung des Leidens getestet worden.
Verabreicht wurde das Nikotin über Hautpflaster, wie man sie üblicherweise zur Raucherentwöhnung verwendet. Die Höchstmenge, die die Patienten nach 14 Wochen stetiger Dosiserhöhung schließlich pro Tag erhielten, betrug 105 Milligramm. Zum Vergleich: Eine Zigarette darf höchstens ein Milligramm an Nikotin enthalten. Danach wurde die Dosis bis zum Ende der Testphase nach 29 Wochen verringert. Die Studienteilnehmer waren allesamt Nichtraucher.
Verbesserung der Bewegungseinschränkungen
Bei allen Patienten verbesserten sich die mit der Parkinsonerkrankung einhergehenden motorischen Defizite. Betroffene haben typischerweise Schwierigkeiten, Arme und Beine zu bewegen. Sie fühlen sich steif, können sich nur in kleinen Schritten fortbewegen und sind nicht in der Lage, das typische Zittern der Hände, das auch als Pillendrehen bezeichnet wird, zu unterdrücken.
Dass es sich bei dem Erfolg um eine tatsächliche Substanzwirkung handelte, folgern Gabriel Villafane und andere Forscher vom Pariser Hôpital Henri Mondor aus zwei Beobachtungen. Zum einen konnte die Dosis des Standardmedikamentes L-Dopa während der Nikotin-Behandlung verringert werden, ohne dass es Einbußen bei der Wirkung gab.
Zum anderen zeigte sich die Verbesserung der Bewegungseinschränkungen nur, wenn tatsächlich der Wirkspiegel von Nikotin im Körper erreicht war (“European Journal of Neurology“, Bd. 14, S. 1313). Ein Indiz lieferte die Konzentration der Abbauprodukte im Urin.
Geringeres Risiko bei Rauchern
Es hat seinen guten Grund, dass man gerade Nikotin als Mittel gegen Parkinson testet. Bereits vor 25 Jahren wurde in einem Neurologiefachblatt berichtet, dass sich das Risiko, an Parkinson zu erkranken, im Vergleich zur nicht rauchenden Bevölkerung praktisch halbiert, wenn man mindestens zwanzig Jahre geraucht hat.
Auch in diesem Jahr sind Daten aus einer umfangreichen Krebsstudie an rund 80 000 Frauen und mehr als 63 000 Männern veröffentlicht worden, die diesen Zusammenhang bestätigen. Jene, die rauchten, hatten gegenüber denen, die nie geraucht hatten, ein um etwa 70 Prozent geringeres Risiko, an Parkinson zu erkranken. Die mit der Studie betrauten Forscher verwahrten sich ausdrücklich gegen den Vorwurf, hier solle Rauchen als heilsam propagiert werden.
Nikotin als Nervenschutzfaktor
Im Hôpital Henri Mondor behandelt man bereits seit sechs Jahren einen Parkinsonkranken erfolgreich mit Nikotin, ohne dass bislang ein Anstieg des Blutdrucks zu beobachten war. Selbst häufige Nebenwirkungen des Nikotinkonsums wie Schwindel, Übelkeit und Erbrechen sowie Störungen der Kreislaufregulation und Schlaflosigkeit haben die Behandlung offenbar nicht unattraktiv werden lassen.
Man weiß bislang allerdings nicht, wie das Nikotin die Symptome lindert. Vermutet wird, dass es einerseits die Wirkung des Nervenbotenstoffs Dopamin stärkt, womöglich auch die D3-Dopaminrezeptoren vermehrt. Nikotin kommt andererseits auch als Nervenschutzfaktor in Frage. Der Pilotstudie sollen nun weitere klinische Tests folgen.