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Palliativmedizin Wieso hier sterben und nicht dort?

 ·  Die Palliativmedizin wächst und verfügt über immer besser werdende Versorgungsstrukturen. Diese werden im medizinischen Alltag aber oft nicht genutzt - warum?

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Nicht heilen, sondern das Sterben so gut wie möglich gestalten. Eine Aufgabe, der sich die Palliativmedizin mit wachsendem Erfolg stellt. Die Zahl der Palliativstationen hat sich in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Mittlerweile gibt es etwa 230 Krankenhäuser mit Stationen, auf denen Schwerkranke und Sterbende mit einem höchst möglichen Maß an Lebensqualität würdevoll versorgt werden. Ähnliche Entwicklungen verzeichnet man auch in der ambulanten Palliativbetreuung. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sind ihre Ausgaben in der „Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung“ von rund 800 000 Euro im Jahr 2007 auf fast 48 Millionen Euro im Jahr 2010 angestiegen. Doch trotz dieser wachsenden Möglichkeiten sterben nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) nur rund 3,5 Prozent der Menschen auf einer Palliativstation. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass noch immer der größte Anteil der Sterbefälle im Krankenhaus auf Akut- oder Intensivstationen zu finden ist.

Keine Erklärung dafür kann es sein, dass für die meisten dieser Menschen der Tod unerwartet käme. Die Mehrzahl der Menschen stirbt, wie es in der Gesundheitsberichterstattung des Bundes heißt, nämlich an chronischen Erkrankungen des Herzens und der Lunge oder an bösartigen Tumoren, also an langsam fortschreitenden Krankheiten, deren Unheilbarkeit häufig schon früh absehbar ist - zumindest für den behandelnden Arzt.

Studien zeigen den Nutzen

Auch an fehlendem Wissen oder mangelndem Erfolg der Palliativmedizin kann es nicht liegen, denn dazu wurden zu viele Studien in den vergangenen Jahren veröffentlicht, die zu anderen Schlüssen veranlassen. So untersuchten amerikanische Wissenschaftler, wie positiv sich eine Palliativbetreuung auf die Lebensqualität von Lungenkrebspatienten auswirkt. Ihre Ergebnisse, die sie 2010 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten, zeigen: Patienten, die frühzeitig neben der üblichen Chemotherapie auch in eine Palliativtherapie eingebunden waren, hatten nicht nur eine bessere Lebensqualität und weniger medizinische Eingriffe, sondern lebten auch fast drei Monate länger als Patienten ohne Palliativversorgung. Ähnlich positive Erkenntnisse gibt es auch für die häufig zu einem frühen Zeitpunkt noch gut planbare Möglichkeit, einen schwerkranken Menschen am Lebensende zu Hause zu versorgen. Forscher der Harvard Medical School in Boston untersuchten vor zwei Jahren, wie sich der Sterbeort auf die Lebensqualität des Sterbenden und auf die Trauerbewältigung der Angehörigen auswirkt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Patienten, die zu Hause versorgt durch einen ambulanten Palliativdienst starben, eine höhere Lebensqualität verspürten als Patienten, die auf einer Intensivstation verstarben. Die Hinterbliebenen, die sich von ihrem Angehörigen zu Hause verabschieden konnten, zeigten seltener psychische Auffälligkeiten nach dessen Tod.

Warum also werden die Möglichkeiten der Palliativmedizin nicht in höherem Maße genutzt? „Weil wir unter anderem zu wenig Wert auf das Erstellen eines vorausschauenden Versorgungsplans zusammen mit dem Patienten legen“, sagt Christine Schiessl, Palliativmedizinerin an der Uniklinik Köln. Ein solches Konzept - im Sinne des amerikanischen „Advance Care Planning“ -, das im Fall einer erwarteten gesundheitlichen Verschlechterung zum Tragen kommt, braucht aber das offene Gespräch mit dem Patienten. „Davor schrecken viele Mediziner zurück, weil sie es nie gelernt haben oder einfach selbst nicht loslassen können“, sagt Schiessl. „Wenn man sich als Arzt nicht mit dem Tod auseinandergesetzt hat, kann man Menschen in der Sterbephase nicht sinnvoll unterstützen“, erklärt sie, „man greift angesichts des Todes auf das zurück, und tut, was man sicher kann.“ Das bedeutet beispielsweise, dass man noch einmal operiert, auch wenn es keinen Sinn mehr hat, oder dass man den Patienten nochmal röntgt, auch wenn daraus keine Konsequenz gezogen wird. „Das soll kein Vorwurf sein“, betont Schiessl. „Viele der heute praktizierenden Ärzte sind mit den Möglichkeiten der Palliativmedizin nicht vertraut. Die richtige Entscheidungen am Lebensende zu treffen, ist schwer. Das hat viel mit Haltung zu tun.“ Es gehe um eine Haltungsfrage, „die im Medizinstudium lange nicht thematisiert wurde“ und zu einer Sozialisation der jungen Ärzte im Berufsalltag geführt habe, die erschreckend sei.

Verlust der Empathie

Dabei bezieht sich Schiessl auf das Ergebnis einer Studie, die deutsche Wissenschaftler im vergangenen Jahr veröffentlicht haben: Viele Medizinstudenten verlieren im Laufe ihres Studium und im Besonderen im Praktischen Jahr einen Teil ihrer Fähigkeit, Empathie zu empfinden und danach zu handeln. Unauflöslich mit diesem Ergebnis verbunden ist die Fähigkeit, Sorgen, Wünsche und Ängste des Patienten zu erkennen - was in der Palliativmedizin, wo mit Apparaten sonst wenig erreicht werden kann, das wichtigste ärztliches Handwerkszeug darstellt. Außerdem sei in vielen Köpfen von Medizinern immer noch das Bild vorherrschend: „Wenn ich den Patienten auf die Palliativstation verlegen muss, dann habe ich verloren“, sagt Schiessl. Das sei aber falsch. Jemandem einen schmerzfreien friedlichen Tod zu ermöglichen, gehöre genauso zum ärztlichen Handeln wie zu heilen.

Umso erfreulicher ist die wachsende Zahl an Ärzten mit der fachärztlichen Zusatzbezeichnung Palliativmediziner. Sie ist nach Angaben der DGP in Deutschland seit der Einführung dieser Weiterbildung im Jahr 2004 auf über 6000 gestiegen. Ohnehin wäre es falsch, die Schuld an der häufig noch unzureichenden Versorgung am Lebensende nur den Medizinern zuzurechnen. Auch der auf Wirtschaftlichkeit orientierte Medizinbetrieb leistet seinen Teil dazu. „Das übliche Abrechnungssystem in Krankenhäusern begünstigt die Entwicklung der Palliativmedizin nicht“, sagt Heiner Melching, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. „Dieses Abrechnungssystem kann dazu führen, dass eine andere Abteilung im Krankenhaus finanzielle Nachteile davon hat, wenn sie einen Patienten auf die Palliativstation verlegt.“ Dazu komme dann, dass Palliativstationen nicht besonders rentabel seien. Es ist keine gewinnbringende Medizin. Damit sei sie für die zunehmend wirtschaftlich orientierten Krankenhäuser nicht sehr interessant. „Häufig werden besondere Leistungen einer Palliativstation erheblich durch vorhandene Fördervereine, und somit durch private Spenden, finanziert oder sogar erst ermöglicht“, sagt Melching. Insgesamt bewertet er die Entwicklung der Palliativmedizin aber als sehr erfreulich. Auch wenn vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung ein großer Bedarf zum Ausbau bleibe. „Dies gilt insbesondere für die Bereiche, Medizinerausbildung, Gestaltung von Schnittstellen zwischen allgemeiner und spezialisierter Versorgung im stationären und ambulanten Bereich, sowie der Palliativversorgung von Menschen in Pflegeeinrichtungen.“

Ein Hype?

Es gibt aber auch Stimmen, die bei der Palliativmedizin mittlerweile von einem Hype sprechen. Eine Palliativstation zu haben, kann gerade für privaten Krankenhäuser vor allem den Grund eines Imagegewinns haben, ob dabei auch die Einsicht zur Notwendigkeit einer solchen nicht gewinnbringenden Einrichtung da ist, bezweifeln diese Stimmen und fordern: Palliativversorgung kann weiter Erfolge bringen, wenn Sie selbstverständlicher zum richtigen Zeitpunkt im Sinne des Patienten genutzt wird.

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