Als Rosmarie Voser wochenlang auf ihr Spenderherz wartete, war das Schweizer Fernsehen immer dabei. Der Fall sollte öffentlich für Organspenden werben, und daneben natürlich auch für das Universitätsspital Zürich. Am 20. April 2004 schien das ersehnte Spenderherz endlich gefunden. Am Abend der Operation wurde ein erwartungsfroher Bericht im Nachrichtenjournal „10 vor 10“ gesendet. Dann aber trudelte in der Redaktion ein anonymes Fax ein: „Riesenpfusch bei Herztransplantation in Zürich“.
Im Scheinwerferlicht der Massenmedien war das schier Undenkbare geschehen: Die Chirurgen hatten einer todkranken Frau mit der Blutgruppe 0 ein Herz der unverträglichen Blutgruppe A eingepflanzt. Rosmarie Voser überlebte den Eingriff nicht.
Bewußt das falsche Herz eingesetzt
Schon kurze Zeit später schossen Gerüchte ins Kraut. Der Staatsanwalt ermittelt bis heute. Waren die Blutgruppen wirklich, wie Chefchirurg Marko Turina zu Protokoll gab, irrtümlich verwechselt worden? Oder hatten die Züricher Ärzte womöglich einen dubiosen Versuch gewagt? Diesen Verdacht nährte Anfang Juni dieses Jahres zuerst die Sonntagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung. Turina, der seine Stellung inzwischen aufgegeben hat, habe der Patientin bewußt das falsche Herz eingesetzt, lautete der Vorwurf. Der Chirurg bestritt dies sofort. Prompt kursierte eine Woche später eine neue Version. Diesmal berichtete das Magazin des Tagesanzeigers, nicht Turina selbst, sondern ein leitender Arzt habe das unpassende Herz vorgeschlagen. Was vor 14 Monaten in Zürich aus welchen Gründen auch immer geschah, ist nach wie vor ungeklärt.
Ein Aspekt aber ist bisher von der Öffentlichkeit kaum beachtet worden - obwohl es ohne ihn vollkommen sinnlos wäre, überhaupt über eine mögliche absichtliche Transplantation eines unpassenden Herzens zu spekulieren: Das Tabu von Organverpflanzungen über die Grenzen der Blutgruppen hinweg ist wissenschaftlich längst keines mehr. Bei Lebendnierenspenden in Japan ist das Verfahren inzwischen sogar Standard, bei Lebertransplantationen gibt es erste Erfolge. Und auch in der Königsdisziplin der Chirurgie, der Herztransplantation, haben Ärzte aus katastrophalen Irrtümern bei der Blutgruppenbestimmung ermutigende Lehren gezogen.
Können Spenderorgane ihre Blutgruppe wechseln?
Bereits 1997 war es im Berner Transplantationszentrum zu einer solchen Verwechslung gekommen. Einem 19jährigen Mann mit der Blutgruppe 0 wurde ein falsches Spenderorgan der Blutgruppe B eingesetzt. Die Immunabwehr spielte, wie zu erwarten, verrückt. Doch Organ und Patient konnten durch eine aufwendige Blutwäsche gerettet werden. Zur Überraschung der Chirurgen fand sich in den Zellen, die die Gefäßwand im Spenderherzen auskleiden, nach einem Jahr nur noch die Blutgruppe des Empfängers. Offenbar können also Spenderorgane ihre Blutgruppe wechseln, indem Vorläuferzellen im Blut des Empfängers sich in Gefäßwandzellen umwandeln.
Einzelfälle wie der in Bern ließen Herzchirurgen weltweit aufhorchen. Die spannende Frage lautet: Kann die moderne Medizin die Blutgruppenbarriere überschreiten? Das wäre zweifellos der größte Fortschritt seit ihrer Entdeckung durch den österreichischen Serologen Karl Landsteiner, der damit um 1900 herum den Grundstein für die Transplantationsmedizin legte (siehe Kasten: „Auf den Zucker kommt es an“).
Zu viele Patienten, zu wenige Organe
Eine von denen, die das Problem in Angriff nahmen, war die Herzchirurgin Lori West vom Kinderkrankenhaus in Toronto. Sie stand Mitte der neunziger Jahre vor dem Dilemma fast aller Transplantationsmediziner: zu viele Patienten, zu wenige Organe. Immer wieder starben Kinder, die auf der Warteliste standen, weil sich kein passender Spender der Blutgruppe 0 finden ließ. West vertiefte sich in die immunologische Literatur. Besonders über die berühmten Experimente von Peter Medawar dachte sie noch einmal nach. Der spätere Nobelpreisträger hatte um 1950 das Phänomen der immunologischen Toleranz entdeckt. Er hatte die Immunabwehr von Mäusen überlisten gelernt, indem er Föten vom Typ A fremde Zellen vom Typ B spritzte. Die noch unreife Immunabwehr der Tiere akzeptierte das fremde Gewebe. Transplantierte er etwa einem Nager vom Typ A Monate später ein Stück Haut von einer Maus vom Typ B, wuchs das Transplantat an - ohne akute Abstoßungsreaktion.
Lori West wiederholte die alten Experimente, diesmal aber mit kompletten Herzen. Neugeborene Mäuse akzeptierten sogar Organe aller Blutgruppen. Wests Schlußfolgerung: Es gibt ein Zeitfenster für eine Herztransplantation bei Kindern, solange die Antikörper gegen fremde Blutgruppen noch nicht vorhanden sind. Tatsächlich zeigten Untersuchungen an Kleinkindern, daß die entscheidenden Antikörper meist erst einige Monate nach der Geburt auftauchten. Die wenigen vorhandenen natürlichen Antikörper, hoffte West, könne man während der Transplantation entfernen, indem man das Blutplasma der Empfänger über ein Zusatzgerät einer Herz-Lungen-Maschine filtert.
Von Praxisreife kann keine Rede sein
1996 riskierte sie in Toronto einen ersten Versuch. Ein Empfängerkind der Blutgruppe 0 bekam ein AB-Herz. Die Operation gelang, das Kind überlebte ohne Komplikationen. Kürzlich präsentierte West ihre Erfolgsbilanz auf einem internationalen Kongreß. Danach erhielten in Toronto bisher 25 Kinder unter 14 Monaten ein AB0D-inkompatibles Herz. Weltweit wagten Ärzte insgesamt 61 derartige Transplantationen. Neun Kinder starben, die meisten davon nach den Worten von West aber „nicht an einer akuten Abstoßungsreaktion“. Die Überlebensraten der Empfänger seien inzwischen mit denen bei normalen Herztransplantationen vergleichbar. Das macht auch anderen Mut. In Europa wagte der Herzchirurg Bruno Reichart am Münchener Klinikum Großhadern 2004 zwei ähnliche Transplantationen bei Säuglingen. Ein dritter Eingriff sei in diesem Jahr erfolgreich verlaufen, berichtet Michael Schmoeckel aus Reicharts Team.
Was aber bedeuten Erfolge bei Kindern für herzkranke Erwachsene der Blutgruppe 0, die auf ein Spenderherz warten? Durch neuartige Methoden, mit denen man antikörperproduzierende Immunzellen vor einer Herztransplantation gezielt ausschalten könne, sei auch diese ehemals „fest verschlossene Tür zumindest einen Spaltbreit geöffnet“, sagt West. Von einer Praxisreife der Methode kann allerdings keine Rede sein.
Über die Blutgruppenbarriere hinweg
Umstritten ist auch, wie dringend sie tatsächlich benötigt wird. Schmoeckel sieht „keinen rechten Bedarf bei Empfängern mit der Blutgruppe 0“. Diese würden ohnehin gegenüber den anderen Blutgruppen auf der deutschen Warteliste bevorzugt. Die dramatische Organknappheit selbst könne der Sprung über die Blutgruppenbarriere gerade nicht beheben.
Anders sieht es bei Lebendspenden von Nieren und Lebern aus. „Da gibt es weltweit geradezu einen Boom“, sagt Dieter Abendroth von der Universität Ulm. 2004 versuchte sich in Freiburg ein erstes deutsches Team um Günter Kirste an einer Lebendnierenspende über die Blutgruppenbarriere hinweg. Dort sind inzwischen zehn erwachsene Empfänger einer ABO-unverträglichen Nierenspende wohlauf. Je einem Patienten wurden zudem in Mannheim, Berlin und Hannover entsprechende Organe transplantiert, berichtet Kirste. In Japan, wo Transplantationen von Organen Hirntoter meist aus religiösen Gründen abgelehnt werden, setzen Ärzte schon seit 1989 mit wachsendem Erfolg auf das neue Verfahren.
Tödliche Sabotage bleibt Spekulation
Die früher noch nötige, aber riskante stärkere Immunsuppression könne inzwischen vermieden werden, indem man die Blutgruppen-Antikörper aus dem Plasma herausfiltere oder während des Eingriffs Immunzellen entferne, sagt Kirste. Der Eingriff komme vor allem dann in Frage, wenn ein Patient einen zur Lebendspende bereiten Verwandten oder Partner habe, dieser aber die falsche Blutgruppe besitze. Normalerweise heißt es dann in Deutschland: Weiter warten auf die Niere eines Hirntoten. Das aber bedeutet im Durchschnitt sechs Jahre Wartezeit an der Dialyse. Für einzelne Patienten sei es daher „ein guter Ausweg, einen Spender mit der falschen Blutgruppe zu akzeptieren“, sagt Kirste.
Der technische Aufwand einer Blutwäsche vor, während und nach der Transplantation bleibt aber in jedem Fall erheblich. Daß hinter der mißglückten Zürcher Operation tatsächlich der waghalsige Versuch gestanden haben könnte, das Prinzip erstmals beim Herzen eines Erwachsenen anzuwenden, ist deshalb extrem unwahrscheinlich. Denn nach allem, was man weiß, waren die Ärzte dort auf die unumgängliche komplizierte Prozedur gar nicht vorbereitet. So bleibt es erst einmal bei Spekulationen, die von einer tragischen Verwechslung bis hin zu tödlicher Sabotage gehen.
Auf den Zucker kommt es an
Die Regeln des ABO-Systems, aufgestellt von Karl Landsteiner, lernt jeder Schüler schon im Biologieunterricht. Vermischt man Blut zweier Spender, von denen der eine die Blutgruppe A, der andere die Blutgruppe B aufweist, verklumpen deren rote Blutkörperchen sofort. Mischt man dagegen Blut zweier Menschen mit der gleichen Blutgruppe, bleibt diese sogenannte Agglutinationsreaktion aus.
Ein verpflanztes Organ mit unverträglicher Blutgruppe wird vom Immunsystem des Empfängers innerhalb von Minuten attackiert; es färbt sich violett, die Adern verstopfen und kollabieren.
Natürliche Antikörper vermitteln diese Attacke. Sie erkennen winzige Zuckerketten, die auf der Oberfläche roter Blutkörperchen sitzen, im Körper auch auf den Zellen der Gefäßwände. Blutkörperchen der Blutgruppe A tragen dabei andere Zuckerketten als die der Blutgruppe B.
Unterschiedliche Varianten eines Gens auf Chromosom 9 sind der Grund dafür, daß Menschen verschiedene Blutgruppen besitzen. Ist dieses Gen defekt, entstehen verstümmelte Zuckerketten. In diesem Fall liegt die Blutgruppe 0 vor. Zum häufigsten Typ A gehören 43 Prozent der deutschen Bevölkerung, 39 Prozent zum zweithäufigsten Typ 0, 13 Prozent zum Typ B. Noch einmal 6 Prozent tragen den Mischtyp AB.
Bei Menschen mit der Blutgruppe 0 bleiben die Blutzellen und Organe für die Immunabwehr der Empfänger quasi unsichtbar. Sie eignen sich deshalb als Universalspender für alle Träger der Blutgruppen A, B und AB. Warten sie nun aber selbst auf ein rettendes Organ, kommt für sie nur eine Spende mit der Blutgruppe 0 in Frage, weil die Antikörper in ihrem Blut sich sowohl gegen die Zuckerketten vom Typ A als auch gegen die vom Typ B richten.
