28.10.2011 · Brustkrebs, frühe Menopause, Unfruchtbarkeit: Eine Studie zeigt, welche Risiken Frauen tragen, die im Mutterleib einem bis 1977 gängigen Östrogen ausgesetzt waren.
Von Hildegard KaulenFrauen, die im Mutterleib dem synthetischen Östrogen Diethyl-Stilboestrol (DES) ausgesetzt waren, haben ein erhöhtes Risiko für Brust- und einen seltenen Scheidenkrebs, für Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs und für neun Störungen, die es ihnen schwermachen, ein lebendes Kind zur Welt zu bringen. Zu den Fertilitätsproblemen gehören Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Frühgeburten, Eileiterschwangerschaften, Totgeburten, Schwangerschaftsvergiftungen, früher Kindstod und eine frühe Menopause. Das hat eine Langzeituntersuchung des amerikanischen "National Cancer Institute" mit 4653 exponierten und 1927 nicht exponierten Frauen ergeben. Die Ergebnisse wurden von Robert Hoover und seinen Kollegen vom National Cancer Institute in Bethesda im New England Journal of Medicine vorgestellt (Bd. 365, S. 1304). DES wurde in den Vereinigten Staaten von 1940 bis 1971 und in Europa bis 1977 unter anderem bei einer drohenden Fehlgeburt eingesetzt. Die DES-exponierten Töchter sind heute zwischen vierzig und sechzig Jahre alt. Die Langzeituntersuchung hat sie durch die erste Lebenshälfte begleitet. In die Untersuchung sind drei Studien eingeflossen, die bereits in den siebziger Jahren begonnen und 1992 in einer Studie zusammengeführt wurden.
DES war das erste synthetische Östrogen. Weil es nie patentiert worden war, kam es unter mehr als zweihundert Handelsnamen und in vielen verschiedenen Darreichungsformen auf den Markt. In Werbeanzeigen wurde es sogar "für die routinemäßige Prophylaxe bei allen Schwangerschaften" empfohlen. In Deutschland war die Substanz unter mindestens 43 Handelsnamen verfügbar. Bis 1961 konnten Arzneimittel in der Bundesrepublik ohne Nachweis der Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit in den Verkehr gebracht werden. Da keine unmittelbare fruchtschädigende Wirkung zu sehen war, hielt man das Produkt für unbedenklich und verordnete es, obwohl bereits in den fünfziger Jahren gezeigt worden war, dass sich dadurch gar keine Fehlgeburten verhindern lassen und dass Tiere davon Krebs bekommen. Nach Angaben des "National Cancer Institute" sind in den Vereinigten Staaten vermutlich fünf bis zehn Millionen Schwangere mit DES behandelt worden.
In Europa wurde das synthetische Östrogen vor allem in Frankreich und den Niederlanden eingesetzt. Über die Verwendung in Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung von 1990 auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Schmidt und der Fraktion Die Grünen zu entnehmen ist (Drucksache 11/8368). Auch eine 1991 von der Betroffenenorganisation "DES Action The Netherlands" im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführte Erhebung in allen damaligen Mitgliedsstaaten der EU ergab keine konkreten Zahlen für Deutschland. Allerdings ist in einer vom Europäischen Umweltamt vor zehn Jahren unter dem Titel "Late Lessons from Early Warnings" herausgegebenen Veröffentlichung von 200 000 DES-exponierten Frauen in Deutschland die Rede. Barbara Mintzes von der Universität British Columbia sprach im Sommer in der Zeitschrift "DES Action Voice" von 360 000 exponierten Töchtern in Deutschland.
Dass DES über die Plazenta hinweg bei den Töchtern Krebs auslösen kann, wurde Ende der sechziger Jahre durch einen Zufall entdeckt. Am Massachusetts General Hospital in Boston litten zeitgleich sieben junge Frauen an einem sehr seltenen Scheidenkrebs, der noch nie zuvor in dieser Altersgruppe beobachtet worden war. Das Gemeinsame zwischen diesen Frauen war, dass ihre Mütter während der Schwangerschaft mit DES behandelt worden waren.
"Unsere Studie dokumentiert sehr sorgfältig, dass die DES exponierten Töchter ein erhöhtes Risiko für verschiedene medizinische Probleme haben", sagt Robert Hoover in einer Erklärung, "von denen einige auch in der Bevölkerung durchaus häufig sind. Ohne das zeitgleiche Auftreten des seltenen Tumors bei sieben jungen Frauen und der sorgfältigen Nachbeobachtung der exponierten Frauen wäre das volle Ausmaß der durch DES hervorgerufenen Schäden nie bekanntgeworden."
Hoover und seine Kollegen haben das relative Erkrankungsrisiko der exponierten und nicht exponierten Töchter berechnet sowie das durch die vorgeburtliche Exposition zusätzlich aufgebürdete kumulative Risiko, bis zum 45. Lebensjahr an einer Fertilitätsstörung zu erkranken oder bis zum 55. Lebensjahr an Krebs. Die relativen Risiken für Unfruchtbarkeit und Brustkrebs haben sich durch die vorgeburtliche DES-Einwirkung verdoppelt, das Risiko für eine Frühgeburt hat sich verfünffacht, das Risiko für einen frühen Tod des Kindes ist auf das Achtfache gestiegen. Bis zum 45. Lebensjahr hat eine von fünf exponierten Töchtern wegen der vorgeburtlichen Exposition Schwierigkeiten, schwanger zu werden oder ist unfruchtbar. Eine von drei DES-exponierten Töchtern, die bis zu diesem Alter schwanger geworden ist, bringt ihr Kind wegen der Exposition zu früh zur Welt.
Eine von fünfzig exponierten Frauen wird wegen der vorgeburtlichen DES-Einwirkung bis zum 55. Lebensjahr zusätzlich zum ohnehin vorhandenen Risiko an Brustkrebs erkranken. Eine von fünfundzwanzig exponierten Frauen wird wegen der vorgeburtlichen Exposition bis zum 55. Lebensjahr eine Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs entwickeln, eine von tausend exponierten Frauen die seltene Form von Scheidenkrebs, an der die jungen Frauen aus dem Massachusetts General Hospital erkrankt waren. Welche Auswirkungen die pränatale Exposition auf die Söhne hat, ist bisher nie in einer Langzeitstudie untersucht worden. Beschrieben worden sind unter anderem Missbildungen der Harnröhre, Probleme beim Wasserlassen und Störungen der Fruchtbarkeit. Es bleibt abzuwarten, mit welchen Problemen die exponierten Töchter in der zweiten Lebenshälfte konfrontiert sein werden und welche gesundheitlichen Störungen deren Kinder haben werden. Aus Tierversuchen weiß man, dass die Wirkung des DES auch noch in die Enkelgeneration hineinreicht.