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Öko-Debatte Skepsis im Bioladen

 ·  Wissenschaftler der Stanford-Universität kommen zu dem Schluss, dass Bio-Produkte nur unwesentlich gesünder sind als konventionelle. Doch wer Antibiotika-Resistenzen vermeiden will, ist im Bioladen richtig.

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Biolebensmittel sind in die Schlagzeilen geraten. Seit Anfang der Woche lastet gleich ein doppelter Verdacht auf ihnen: Zum einen zeigte eine ARD-Reportage unter dem Titel „Wie billig kann Bio sein?“ am Montag Bilder von kranken und verletzten Tieren auf Biohöfen und konstatierte, dass die Zustände sich dort kaum von konventionellen Betrieben unterscheiden würden. Zum anderen erschien ebenfalls am Montag in den „Annals of Internal Medicine“ eine Studie mit dem Titel „Sind Bioprodukte sicherer oder gesünder als konventionelle Alternativen?“ (Bd. 157[5]; S. 348).

Biolebensmittel seien „kaum gesünder“ als konventionelle Produkte - auf die Formel wurde vielfach die Botschaft dieser Übersichtsarbeit der kalifornischen Stanford-Universität gebracht. Dass die Studie große Resonanz fand, ist nicht verwunderlich. Zwar haben Bioprodukte in Deutschland nur einen Marktanteil von weniger als vier Prozent; in einigen Segmenten, etwa der Babynahrung, haben sie aber die konventionellen Zutaten überrundet.

70 Prozent der Studien stammen aus Europa

Gerade im Hinblick darauf ist also die Frage berechtigt, ob „Bio“ doch nicht für gesünderes Essen steht. Die Studie des Teams um die Internistin Crystal Smith-Spangler aus Stanford ist in der Beantwortung nicht so eindeutig, wie es zunächst scheint. Es handelt sich um eine systematische Analyse, einen Review, von 240 Studien; 17 davon untersuchten diverse Parameter bei menschlichen Probanden, maßen etwa Pestizide im Urin. Der überwiegende Anteil der Arbeiten befasste sich allerdings mit dem Gehalt von Nährstoffen und von Kontaminanten - etwa Krankheitserregern, Pilzgiften oder Schwermetallen - in Bio- und in konventionellen Lebensmitteln. Von diesen Studien stammten 70 Prozent aus Europa. Das Fazit des Autorenteams: „In der wissenschaftlichen Literatur fehlt eine deutliche Evidenz dafür, dass Biolebensmittel einen signifikant höheren Nährwert haben als konventionelle Produkte. Der Konsum von Biolebensmitteln kann allerdings die Exposition gegenüber Pestizidrückständen und Antibiotika-resistenten Bakterien reduzieren.“

Im Detail betrachtet, spricht das Ergebnis der Studie dann aber - zumindest im Hinblick auf einige Nährstoffe - doch für „Bio“: Ökologisch erzeugte Lebensmittel enthalten höhere Level an Phenolen, Biomilch enthält höhere Mengen an Omega-3-Fettsäuren und Biogeflügel mehr Vaccensäure, eine ungesättigte Fettsäure. Zudem weisen Bioprodukte höhere Gehalte an Phosphor auf. Die Wissenschaftler um Smith-Spangler halten diesen Vorzug aber für wenig wichtig, weil Phosphormangel beim Menschen so gut wie nie auftritt. Auch die Kontaminationsrate beider Lebensmittelgruppen legt dem Verbraucher den Gang in den Bioladen nahe: Beim Kauf konventioneller Produkte handelt man sich ein dreißig Prozent höheres Risiko für Pestizidrückstände ein. Der Fairness halber muss aber auch gesagt werden, dass ökologisch erzeugte Produkte möglicherweise gefährdeter sind, mit Bakterien kontaminiert zu sein. Entfernte man auch nur eine Studie aus der Auswahl, dann fand sich ein signifikant erhöhtes Risiko, dass Biolebensmittel mit dem Keim Escherichia coli belastet waren.

Antibiotika-resistente Bakterien in konventionellen Produkten

Hier fehle noch Forschung, schreiben die Amerikaner, die auch einräumen, dass die ausgewerteten Studien von der Anzahl her limitiert und außerdem stark heterogen seien. Ganz klar ließ sich allerdings ein Zusammenhang belegen: Konventionell erzeugtes Geflügel- und Schweinefleisch war mit höherer Wahrscheinlichkeit mit Bakterien belastet, die gegen drei oder mehr Antibiotika resistent waren. Diese Beobachtung könnte gerade deutsche Verbraucher beeindrucken. Schließlich sind hier in den vergangenen Jahren Antibiotika zu einem Symbol für eine tierschutzwidrige Haltung von Nutztieren geworden, denn die Mittel werden offenbar eingesetzt, um die Folgen von Platzmangel und dysfunktionalen Ställen abzumildern - also genau das, was die ARD-Reportage in Biobetrieben kritisierte.

Wie schwer der Schaden ist, den die Marke „Bio“ durch Debatten wie diese davonträgt, ist schwer abzuschätzen. Schließlich konnte auch nicht gezeigt werden, dass „konventionell“ gesünder oder tierschutzgerechter ist. Möglich ist, dass auf der Grundlage solcher Informationen mehr Interesse an neuen Tierschutz-Labeln entsteht, wie sie der Deutsche Tierschutzbund derzeit erarbeitet, oder an Marken mit schärferen Regeln als „Bio“, zum Beispiel „Demeter“. Gerade erst haben außerdem Forscher um Luiza Toma vom Scottish Agricultural College in Edinburgh im Fachmagazin „Appetite“ auf der Grundlage von Eurobarometer-Umfragen errechnet, dass durchaus eine Bereitschaft in Europa besteht, gezielt den Supermarkt zu wechseln, um Lebensmittel zu kaufen, die tierschutzgerecht erzeugt wurden. Toma fand einen entscheidenden Faktor, der Verbraucher motiviert: Sie müssen genug Informationen über Tierhaltung zur Verfügung haben.

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