08.09.2009 · Krankheiten wie das Batten-Syndrom lassen Nervenzellen langsam absterben. Nun ruht die Hoffnung, eine wirksame Therapie zu entwickeln, auf direkt ins Gehirn injizierte Stammzellen.
Von Sascha KarbergEs beginnt wie in jeder anderen Familie auch. Ein Baby wächst heran, krabbelt los, brabbelt die ersten Worte, und ein paar Jahre später freuen sich schon alle auf die Einschulung. Auch bei Tim Husemann war das zunächst so. Doch als er mit sechs Jahren zu lesen begann, konnte er schon Buchstaben wie B und P nicht mehr unterscheiden. Das war der erste Hinweis, dass der heute 14-Jährige am sogenannten Batten-Syndrom leidet.
Von diesem seltenen Gendefekt, der zur Klasse der sogenannten „Neuronalen Ceroid-Lipofuszinosen“ zählt, sind in Deutschland rund zweihundert Kinder betroffen. Er führt zum Absterben von Neuronen im Hirn und im gesamten zentralen Nervensystem, weil sich dort fettähnliche Substanzen in den Zellen ansammeln. Langsam, aber unaufhaltsam verlieren die Kinder erst das Augenlicht, dann die Kontrolle über Sprache, Gedächtnis und ihren Körper und sterben schließlich einen qualvollen Erstickungstod.
Erste Transplantation an Kindern
Tim ist mittlerweile blind, und seine Sprache ist auf ein kaum verstehbares, stotterndes Nuscheln reduziert. Eine Therapie gibt es nicht für ihn. Aber eine Idee, wie ihm und anderen Kindern geholfen werden könnte. Am Donnerstag vergangener Woche stellten Forscher der kalifornischen Biotech-Firma StemCells Inc. aus Palo Alto im Fachjournal CellStemCell die Ergebnisse eines Modellversuchs vor. Mäuse, in deren Erbgut der Gendefekt künstlich nachgestellt worden war, hatten menschliche neuronale Stammzellen ins Gehirn gespritzt bekommen. Dabei ging es nicht um den Ersatz toter Zellen. Die Stammzellen sollten vielmehr lipofuscinabbauende Enzyme ins Hirn pumpen. Tatsächlich starben dadurch weniger Nervenzellen ab. Den Mäusen ging es nach der Kur messbar besser.
Nun wäre das allein nicht weiter berichtenswert - erfolgreiche Tierexperimente mit Stammzellen gab es schließlich schon oft. Doch StemCell Inc. hat ebenjene Zellen auch schon an sechs Kindern getestet. Es handelte sich dabei um den ersten Versuch einer Transplantation von neuronalen Stammzellen überhaupt. Und die seltene Batten-Krankheit ist nicht das einzige Leiden, das die Forscher im Visier haben. Neuronale Stammzellen versprechen auch bei anderen, viel häufigeren neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson Erfolg.
Kein Krebsrisiko wie bei embryonalen Zellen
Isoliert wurden die verwendeten Zellen ursprünglich aus dem Hirngewebe menschlicher Föten. Die Forscher benutzten dazu Sortiermaschinen, die aus Milliarden unterschiedlicher Zellen nur jene mit einem typischen Protein auf der Oberfläche heraussuchen. Übrig blieben etwa eine Million neuronaler Stammzellen, aus denen nach Angaben von StemCells Inc. binnen hundert Tagen schätzungsweise eine Milliarde Zellen gleichen Typs gezüchtet werden konnten. „Sie vermehren sich wie Unkraut“, sagt die Entwicklungschefin Dennise Dalma-Weiszhausz.
Zwar wachsen Kulturen, die man auf ethisch umstrittene Weise aus embryonalen Stammzellen gewinnt, im Labor noch schneller. Doch der Vorteil neuronaler Stammzellen besteht darin, dass sie sich bereits auf die Nervenbahn spezialisiert haben und deshalb auch keine fremden oder krebsartigen Zellen mehr bilden können - ein Risiko, das derzeit die Stammzell-Firma Geron eingeht, die Querschnittsgelähmte mit embryonalen Zellen behandelt.
So früh wie möglich
Sollen die neuronalen Stammzellen im Gehirn überdauern, müssen sie dem Patienten genetisch möglichst ähnlich sein, sonst werden sie vom Immunsystem zerstört. StemCells hat deshalb diverse Linien angelegt, gewonnen aus Dutzenden menschlicher Föten. Trotzdem mussten die sechs Kinder Medikamente zur Immununterdrückung nehmen. Unmittelbare Heilung wurde den Betroffenen und ihren Eltern nicht in Aussicht gestellt - das Experiment sollte nur klären, ob eine solche Menge von bis zu einer Milliarde Fremdzellen eventuell Schäden im Hirn anrichtet. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hatte die Versuche ohnehin auf Batten-Kinder beschränkt, bei denen die Erkrankung schon weit fortgeschritten war. Immerhin zeigte sich, dass die Zellen gut vertragen werden, sich sogar im Hirn verteilen und auch ein Jahr nach Injektion noch am Leben sind.
Eine solche Zelltransplantation ist eigentlich nur sinnvoll, wenn sie so früh wie möglich stattfindet. Es müssen einfach noch genügend Nervenzellen vorhanden sein, die vor dem Absterben bewahrt werden können. Ob die Methode eines Tages beim Menschen ähnlich gut funktioniert wie jetzt offenbar bei Mäusen, ist noch völlig offen. Zwar wurden die Eltern eines sechsjährigen Jungen, der die Zellen Ende 2006 als Erster gespritzt bekommen hatte, in der amerikanischen Presse mit den Worten zitiert, ihr Sohn „spreche wieder“ und habe jetzt „weniger Anfälle“. Robert Steiner, der leitende Arzt der Studie an der Oregon Health and Science University, hält solche Andeutungen jedoch für „pure Spekulation“.
Großes Interesse an neuer Studie
Bei StemCells Inc. feierte man das Ergebnis dennoch gebührend. Nicht mit Champagner, aber mit Wein - kalifornischem, versteht sich. Doch die Firma weiß, dass sie die größte Hürde noch vor sich hat. „Seit wir wissen, dass der Eingriff sicher ist, besteht großes Interesse an einer nächsten Studie, die wirklich hilft“, sagt Steiner. Doch wie soll sie aussehen?
Zunächst ist daran gedacht, die Zellen möglichst jungen Patienten zu spritzen, bei denen die Krankheit zwar noch nicht allzu viele Schäden hinterlassen hat, aber aller Voraussicht nach ein schneller Verlauf zu erwarten ist, sagt der Kinderarzt Alfried Kohlschütter, Spezialist für Krankheiten wie das Batten-Syndrom am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Nur so ließe sich in einem überschaubaren Zeitraum ein schützender und lebensverlängernder Effekt der transplantierten Zellen erkennen.
Um das aber zweifelsfrei zu belegen, wäre eine Kontrollgruppe nötig. Es müssten also Kinder teilnehmen, denen anstelle der Zellen ein Placebo ins Hirn gespritzt wird. Kohlschütter kann sich nur schwer vorstellen, dass die amerikanische Zulassungsbehörde einen solchen Versuch genehmigen würde. Schließlich gäbe es ja auch eine ganze Reihe anderer, zellfreier Therapieansätze.
Fehlendes Enzym direkt ins Gehirn
Beispielsweise werde versucht, das fehlende Enzym kontinuierlich durch einen künstlichen Zugang zum Hirn zu verabreichen. Eine herkömmliche Spritze oder Pille scheidet aus, weil der Stoff auf diese Weise nicht durch die Blut-Hirn-Schranke gelangt. Andere Forschergruppen versuchen, das defekte Gen per Gentherapie zu ersetzen, was allerdings wieder andere Risiken mit sich bringt. Die Möglichkeit einer Stammzelltherapie sollte zwar unbedingt ausgelotet werden, sagt Kohlschütter, doch es wäre „nicht gerade das Erste, was ich den Patienten derzeit raten würde“.
Doch in ihrer Ratlosigkeit würden manche Eltern von Batten-Kindern selbst weniger aussichtsreichen Experimenten zustimmen. Tims Vater Frank Husemann hat aus diesem Grund die Stiftung National Contest for Life gegründet, um Projekte zur Erforschung des seltenen Erbleidens anzustoßen und zu finanzieren. Seinen eigenen Sohn würde er allerdings beim gegenwärtigen Stand der Stammzellforschung „nicht zum Versuchskaninchen machen“.
Erfolge in der Forschung werden für Tim wohl so oder so zu spät kommen. Die Stiftung aber soll dazu beitragen, dass künftige Batten-Kinder nicht mehr Tims Weg gehen müssen.