02.04.2010 · Der experimentelle Eingriff mit Hilfe tiefer Hirnstimulation ist der letzte Versuch, auf andere Art nicht beherrschbare Depressionen in den Griff zu bekommen. Der Hirnstamm stellt sich dabei als zentral heraus.
Von Martina Lenzen-SchulteEs ist offenbar möglich, eine Depression im Gehirn gezielt an- oder abzuschalten. Zumindest ist dies bei einer 64 Jahre alten Patientin gelungen, über die Forscher vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim in der Zeitschrift "Biological Psychiatry", Bd. 67, S. e9) berichten. Den Schalthebel haben Alexander Sartorius und seine Kollegen bei Vorexperimenten in den sogenannten Habenulae identifiziert. Dabei handelt es sich um Strukturen des Hirnstamms, die symmetrisch rechts und links in der Wand der dritten Hirnkammer, also tief in der Hirnmitte liegen und deshalb für Neurochirurgen schwer zu erreichen sind.
Der experimentelle Eingriff mit Hilfe tiefer Hirnstimulation war letztlich der verzweifelte Versuch, der nicht auf andere Art beherrschbaren Depression Herr zu werden. Die Patientin war seit dem 18. Lebensjahr erkrankt, im Alter von 59 Jahren hatte sie zwei Suizidversuche hinter sich. Medikamente wirkten kaum noch, und zum Schluss erhielt sie Abständen von in ein bis zwei Wochen eine Elektrokrampftherapie. Wenige Monate, nachdem Karl Kienig, Sektionsleiter für Stereotaktische Neurochirurgie an der Universitätsklinik in Heidelberg, die Hirnschrittmacher-Elektroden an beiden Habenulae plaziert hatte, ließ unter ausreichender elektrischer Stimulation dieser winzigen Hirnregionen das depressive Verhalten der Patientin nach.
Patientenstudien in Vorbereitung
Zugleich zeigten zwei Zufälle, dass es offenkundig zu einem Rückfall kommt, wenn der Hirnschrittmacher nicht arbeitet. In Folge eines Unfalls wurde einmal der Impulsgeber im Brustbereich - er liegt unter der Haut und ist über ein Kabel mit dem Gehirn verbunden - von dem behandelnden Arzt ab- und versehentlich nicht wieder angeschaltet. Prompt wurde die Frau wieder depressiv, erholte sich jedoch nach dem Wiedereinschalten. Ein weiterer, danach aufgetretener Rückfall lag am Ausfall der Stromversorgung. Nach Ersetzen der Batterie konnte die Stimulationstherapie erfolgreich fortgeführt werden.
Die beiden unfreiwilligen "An-Aus"Versuche bestätigen, wie entscheidend die Hirnstruktur des Hirnstamms offensichtlich für das Auftreten von Depressionen ist. Obwohl derzeit niemand glaubt, dass eine Hirnstimulation jemals eine Breitentherapie werden könnte, soll dennoch in einer Studie an fünf Zentren geprüft werden, inwieweit nicht andere, scheinbar hoffnungslos an Depression leidende Menschen davon künftig profitieren könnten.