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Neue Studie Wird das Risiko durch Ruß weit überschätzt?

Feinstaub ist gefährlich. So lautet die allgemeine Meinung. Doch nun bricht ein Forscher ein Tabu, indem er ketzerisch am Dogma von der großen Gefährdung durch Ruß kratzt. Er liefert Argument, doch wie stichhaltig sind sie tatsächlich?

© dpa Vergrößern Wie gefährlich ist Ruß für unsere Gesundheit?

Physikern, besonders den Chaosforschern unter ihnen, ist das Phänomen vertraut: In einem System, in dem scheinbar alles drunter und drüber geht, bildet sich urplötzlich ein Ordnungsprinzip heraus. Wie von Geisterhand gelenkt, entstehen Strömungen, die sich selbst zu verstärken scheinen und bald alles dominieren. Jedes Wochenende kann man diesen Effekt in Fußballstadien beobachten, wenn sich die eben noch wild durcheinander gestikulierenden Fans scheinbar auf eine innere Stimme hin koordiniert zu einer „Welle“ erheben.

In Politik und Wissenschaft entstehen auf solche Weise ebenfalls Strömungen, die einen ungeheuren Sog ausüben. Auch in der Feinstaubdebatte hat sich eine klare Richtung etabliert. Nun aber wagt es ein Wissenschaftler vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg, einen eigenen Pfad zu beschreiten. Mehr noch. Der Forscher, Klaus Wittmaack, bricht ein Tabu, indem er ketzerisch an dem Dogma von der großen Gesundheitsgefährdung durch Ruß und Feinstaub kratzt.

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Drastische Maßnahme schon 1990 in Dublin

Zahlreichen epidemiologischen Studien zufolge geht eine Verschmutzung der Luft durch Rußteilchen unter anderem mit einer erhöhten Zahl von Lungen- und Herzerkrankungen und sogar von Todesfällen einher. Besonders beeindruckend sind die Ergebnisse einer Studie, die Forscher um Luke Clancy in Dublin vorgenommen haben. In der irischen Stadt hatte die Luftverschmutzung durch Ruß während der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts besorgniserregende Ausmaße erreicht. Vor allem der Hausbrand mit Fettkohle trug erheblich zu dem berüchtigten „black smoke“ bei. Daher entschloss man sich zu einer drastischen Maßnahme: Im September 1990 trat ein Verbot in Kraft, dem zufolge keine Kohle dieser Art mehr verkauft werden durfte.

Die Menge an „black smoke“ pro Kubikmeter Luft sank daraufhin im Winter von mehr als 80 Mikrogramm auf weniger als 20 Mikrogramm. Clancy und seine Kollegen kamen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass die Sterblichkeitsrate - abgesehen von derjenigen durch Unfälle und Verletzungen - im Verlauf eines halben Jahrzehnts um knapp sechs Prozent gegenüber der Vergleichsperiode vor dem Verbot gesunken war. Die Häufigkeit von Todesfällen infolge von Atemwegs- und Herzleiden schien sogar um rund 10 bis 15 Prozent abgenommen zu haben. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Studie immer wieder als Begründung für Maßnahmen zum Schutz vor Ruß und Feinstaub, wie er auch in Dieselmotoren entsteht, herangezogen wird.

Aussagen, die nicht nur durch Fakten belegt sind

Als Wittmaack, der selbst auf dem Gebiet des Luftstaubs forscht, die 2002 erschienene Publikation der irischen Wissenschaftler genauer unter die Lupe nahm, stieß er auf Aussagen, die nach seiner Überzeugung nicht durch die genannten Fakten zu belegen sind. Dass man einen Zusammenhang zwischen dem Verbot der Kohleverfeuerung und dem Rückgang der Sterblichkeit gefunden hat, lässt sich nach Auffassung des Neuherberger Forschers im Wesentlichen auf zwei methodische Fehler zurückführen. Korrigiere man diese, so sei kein Einfluss der Staubkonzentration auf die Sterblichkeit der Bewohner Dublins mehr zu erkennen.

Wie Wittmaack in einer aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Inhalation Toxicology“ (Bd. 19, S. 343) ausführt, ändert sich das Bild schon, wenn man drei Grippeepidemien aus der Zeit vor dem Verbot gebührend berücksichtigt. Diese hatten zahlreiche Todesopfer gefordert und damit die Sterblichkeitsrate ansteigen lassen. Somit sei der Ausgangswert für die Entwicklung nach dem Kohleverbot zu hoch angesetzt.

Änderungen der Sterblichkeit wurden nicht gefunden

Ohne die Epidemien ergebe sich, bezogen auf Atemwegskrankheiten, ein über die gesamte Studiendauer konstante Sterblichkeit. Greife man die Sterblichkeit aufgrund von Herzleiden heraus, sei ein ständiger, und zwar schon Jahre vor dem Verbot beginnender Rückgang zu verzeichnen. Er entspreche demjenigen im ganzen Land und sei mit einer verbesserten Gesundheitsvorsorge zu erklären.

Zusammengenommen ergebe das den gleichen Effekt wie derjenige, den die Forscher um Clancy der Verringerung der Rußkonzentration zugeschrieben hätten. Überdies unterlag die Menge an Rußteilchen in der Luft Dublins vor dem Verbot großen Schwankungen, entsprechende Änderungen der Sterblichkeit wurden jedoch nicht gefunden.

„Abgasreinigung“ wäre wohl der falsche Weg

Auch aufgrund weiterer Untersuchungen kommt Wittmaack zu dem Ergebnis, die Gesundheitsgefährdung durch Ruß, insbesondere durch Dieselruß, werde häufig weit überschätzt. Wenn Menschen in stark belasteten Gebieten krank würden, liege das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht an solchen Staubteilchen, sondern wohl eher an gasförmigen Produkten der Verbrennung. Viele dieser Stoffe könnten stark schädlich sein. Eine „Abgasreinigung“ durch Nachverbrennung von Dieselruß wäre dann wohl der falsche Weg.

So wie man die Pfeiler von Brücken regelmäßig auf ihre Tragfähigkeit prüft, sollten auch die tragenden Säulen wissenschaftlicher Thesen kritisch abgeklopft werden. Nun darf man gespannt sein, ob die Schlussfolgerungen Wittmaacks Bestand haben werden, wenn sie ihrerseits auf den wissenschaftlichen Prüfstand kommen.

Quelle: F.A.Z., 04.04.2007, Nr. 80 / Seite N1

 
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Veröffentlicht: 06.04.2007, 10:00 Uhr

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