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Neue Medikamente Hoffnung für Hepatitis-C-Patienten

Bis zu 800.000 Menschen in Deutschland sind mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert - oft unerkannt. Anstecken kann man sich etwa durch verunreinigte Kanülen oder durch Sexualkontakte. Zwei neue Medikamente helfen wirksam gegen die Krankheit - das zeigen gleich mehrere aktuelle Studien.

© dpa Vergrößern Klinische Studien in der Kritik.

Zwei direkte Hemmstoffe des Hepatitis-C-Virus, eines besonders bedrohlichen Gelbsuchterregers, können die Heilungsaussichten der Betroffenen offenbar merklich bessern. Zu diesem erfreulichen Ergebnis kommen jedenfalls vier aktuelle Studien, in denen die neuen Medikamente - Boceprevir (Merck & Co.) und Telaprevir (Vertex Pharmaceuticals) - einer eingehenden Prüfung unterzogen worden sind ("New England Journal of Medicine", Bd. 364, S. 1195; 1207; 2405 und 2417). Beide Arzneistoffe bremsen die Schlagkraft des gefährlichen Leberschädlings, indem sie ein für dessen Vermehrung notwendiges Enzym, die NS3-Serin-Protease, außer Gefecht setzen. Sie bekämpfen den Eindringling damit viel gezielter als die Standardtherapie, die in der Kombination aus dem Immunstimulans Interferon und dem unspezifischen Virenhemmstoff Ribavirin besteht. Sowohl Boceprevir als auch Telaprevir sind in den Vereinigten Staaten seit kurzem für die Behandlung von Patienten mit chronischer Hepatitis C vom Typ 1, der in Europa und Amerika häufigsten Unterart, zugelassen. In Europa soll die Marktfreigabe ebenfalls bevor stehen.

Die Krankheit wird oft zu spät erkannt

Laut der Deutschen Leberstiftung liegt die Zahl der mit dem Hepatitis-C-Virus infizierten Personen hierzulande zwischen 500 000 und 800 000. Die Mehrzahl hat sich demnach vor 1990 angesteckt - zu einer Zeit, als der Erreger noch nicht entdeckt und damit noch nicht nachweisbar war. In der Regel unbemerkt, nistet sich das Virus bei bis zu 80 Prozent seiner Opfer dauerhaft in der Leber ein und ruft hier chronische Entzündungen hervor. Rund ein Fünftel der Infizierten erkrankt Jahre später an einer Leberzirrhose, die vielfach zum Organversagen oder auch zur Krebsentstehung führt. Der schleichende, vielfach symptomlose Krankheitsverlauf ist auch der wichtigste Grund, weshalb Infektionen mit dem Hepatitis-C-Virus oft zu spät entdeckt werden. Wenn er erst im chronischen Erkrankungsstadium bekämpft wird, lässt sich der Gelbsuchterreger nur noch bei rund 40 Prozent der Betroffenen ausmerzen. Das gilt zumindest bei Verwendung der herkömmlichen Medikamente.

Merklich steigern lässt sich der Behandlungserfolg, wenn die Patienten außerdem Boceprevir oder Telaprevir einnehmen. Hinweise auf einen solchen Nutzen liefern wenigstens die Resultate der vier aktuellen Studien, an denen zusammen mehr als 3000 durchschnittlich 50 Jahre alte Männer und Frauen mit chronischer Hepatitis-C-Infektion beteiligt waren. Wie sich darin zeigte, konnte die zusätzlichen Gabe eines der beiden Proteasehemmer deutlich mehr Patienten von dem Virus befreien - und das zudem meist rascher - als die Standardtherapie allein: Bei bis dahin unbehandelten Personen erhöhte sich die Ansprechrate daraufhin von rund 40 auf 70 Prozent, bei Personen mit einem Erkrankungsrückfall von etwa 25 Prozent auf bis zu 88 Prozent und bei Männern und Frauen, denen die gängigen Medikamente nicht oder kaum geholfen hatten, von 5 Prozent auf 33 Prozent.

In manchen Fällen kann man auch abwarten

Dass die Antivirenmittel einigen Erkrankten - darunter vielen farbigen Patienten - nicht helfen, führt Donald Jensen vom Zentrum für Leberkrankheiten der Universität in Chicago unter anderem auf genetische Ursachen zurück (S. 1272). Aber auch die Entwicklung von Resistenzen spiele dabei eine wichtige Rolle, schreibt der Arzt in einem Editorial (S. 1272). Besonders groß sei die Gefahr eines hierdurch bedingten Wirkungsverlusts, wenn die Proteasehemmer allein, ohne die Standardtherapie verabreicht werden.

Die Behandlung mit den neuen Virenhemmstoffen hatte andererseits auch Schattenseiten. So kam es danach vermehrt zu Hautausschlägen, Störungen des Geschmackssinns und insbesondere zu ausgeprägter Blutarmut. Allerdings führte auch die alleinige Behandlung mit Interferon und Ribavirin häufig zu Nebenwirkungen, darunter Abgeschlagenheit, Grippesymptomen, Kopfschmerzen und Übelkeit. Die unangenehmen und teilweise extrem belastenden Begleiterscheinungen der Hepatitis-Therapie sind für viele Patienten und Ärzte ein Grund, den Behandlungsbeginn möglichst weit hinauszuzögern. Falls die Leber erst wenig - funktionell nutzloses - Bindegewebe aufweist, sei eine solche Strategie durchaus vertretbar, schreibt Hugo Rosen von der Abteilung für Hepatologie der Universität in Colorado/Denver (S. 2429). Wie er hinzufügt, sind die beiden Proteasehemmer nicht die einzigen Hoffnungsträger im Kampf gegen das Hepatitis-C-Virus. In den nächsten Jahren dürften vielmehr noch weitere schlagkräftige Waffen gegen den gefährlichen Erreger auf den Markt kommen.

Quelle: F.A.Z.

 
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