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Nahrungsergänzungsmittel Da wird alles versprochen

01.11.2011 ·  Unter dem Label Prävention führt die Gesünder-Essen-Branche mit ihren Vitaminen und Mikronährstoffen einen politischen Kampf. Was hat der Verbraucher davon?

Von Joachim Müller-Jung
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An der Ernährungsfront, wahrlich schon immer ein vermintes Schlachtfeld, wird in diesen Tagen wieder massig Staub aufgewirbelt. Es geht um gesunde Ernährung, genauer: Um die Krankheitsprävention durch Nahrungsergänzungsmittel - Vitamine im besonderen. Auf der Angreiferseite: Der, wie er sich selbst bezeichnet, "größte Verband für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland und Europa" (NEM), und auf der anderen Seite wahlweise die Pharmaindustrie oder die große Politik in Berlin und Brüssel. Es geht um Gesetze, Studien und die Frage: Versucht die Pharmaindustrie die flächendeckende Prävention und damit die Entstehung von Krankheiten gezielt zu verhindern?

Es geht also um uns und die womöglich kommerziell motivierte Sabotage unserer aller Gesundheit. Der Präsident der NEM, Manfred Scheffler, hat zwar keine konkreten Gegner vor Augen, dennoch tourt er seit geraumer Zeit mit einer Anzahl von gleichgesinnten Präventions-Protagonisten durch die Republik, um genau diesen Eindruck zu vermitteln: Eigentlich wollen wir, will unsere Politik, eine breite gesunde Ernährung gar nicht durchsetzen, weil die Prävention mittels Vitaminen die guten Geschäfte der Pharmakonzerne gefährdet. "Die Hälfte der Erwachsenen sind übergewichtig, wie haben 20 bis 30 Millionen Allergiekranke, schon sieben Millionen Diabetiker, acht Millionen Osteoporoseerkrankungen, fünf Millionen Arthrosekranke, vier Millionen Lungen- und Asthmapatienten, 1,45 Millionen Krebskranke, vier Millionen, die Psychophamarka nehmen, drei Millionen Leberkranke, 1,3 Millionen Alkoholkranke, 1,2 Millionen Demenzkranke und der Herztod ist Todesursache Nummer eins - all das müsste nicht sein und könnten wir verhindern", sagt Scheffler. Folgerichtig läßt er sich auch in seinen Forderungen nicht lumpen: "Freiheit auf Nahrung" und "Freiheit auf gesunde Mikronährstoffe", lauten die Parolen, die der streitbare Mittelständler nun an die Adresse der Politik schickt - eingeschlossen eines Offenen Briefes an die Bundeskanzlerin, in dem er von einer "alarmierenden Mangelversorgung" an Vitalstoffen in der Bevölkerung spricht.

Die anschwellende Krankheitswelle lässt sich in seinen Worten nur mit der Unterstützung statt der Behinderung des Nahrungsergänzungsmittel-Marktes aufhalten. 30 Prozent der Gesundheitsausgaben im Land oder 60 Milliarden Euro jährlich entstünden krankheitsbedingt, sekundiert ihm Dietmar Pfaff von der "Infomarketing Gesellschaft für Informationsanalyse und Marketingberatung". Dem Verband geht es insbesondere darum, dass die sogenannten "Health-Claims" wieder uneingeschränkt zugelassen werden. In Europa sind nach einer Richtlinie konkrete gesundheitsbezogene Aussagen auf den Lebensmitteletiketten wie "Gut fürs Herz" nur noch zugelassen, wenn dieser Nutzen in aussagekräftigen kontrollierten Studien nachgewiesen wird. "Das können sich nur Pharmakonzerne leisten, aber kein Mittelständler zahlen", wettert Scheffler.

Das Problem ist, dass selbst für gut und seit Jahrzehnten untersuchte Mikro-Nährstoffe wie Vitamin C oder E immer noch widersprüchliche, jedenfalls gemessen an den Präventionsansprüchen, kaum eindeutige Nutzennachweise vorliegen. In der wichtigsten amerikanischen Medizinzeitschrift Zeitschrift "Jama" war in einer Prostatakrebsstudie vor kurzem sogar gezeigt worden, dass mit Vitamin E angereicherte Produkte entgegen anderer Studienergebnisse möglicherweise sogar eher schaden als nützen. Auch mit solchen Befunden muss sich Schefflers Verein zunehmend auseinandersetzen. Und selbst beim Jahrzehnte lang angepriesenen Vitamin C, von dem der NEM fest glaubt, dass es in hohen Dosen das Krebsrisiko halbiert, ist die Wissenschaft bis heute unentschieden.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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