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Modellstudiengang Medizin Jeden Mittwoch einen echten Fall lösen

 ·  Hier sind Strategien gegen den Landarztmangel zu finden: Die Fakultät für Medizin in Oldenburg ist erst wenige Wochen alt. Sie übernimmt das Curriculum der niederländischen Nachbarn in Groningen.

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Der Landarztmangel bleibt ein Problem in Deutschland. Die Lösungswege, die gesucht werden, sind vielfältig. Gesundheitsminister Bahr (FDP) und sein Vorgänger im Amt haben in Aussicht gestellt, eine Quote für Abiturienten mit schlechteren Noten einzurichten, die sich verpflichten, nach dem Examen auf dem Land zu arbeiten. Andere Strategien verfolgen die Universitäten selbst: Mehrere Medizinerfakultäten haben inzwischen Auswahlverfahren etabliert, bei denen die Empathiefähigkeit und das Interesse am Patienten der Studienbewerber besser zur Geltung kommen sollen. So hofft man, Studierende zu gewinnen, die mit Sicherheit später in der Praxis landen.

Dass es die allgemeinmedizinische Praxis auf dem flachen Lande, etwa in Nordvorpommern oder in der Altmark, sein wird, ist damit noch nicht gesagt. Als besondere Schwierigkeit gilt erfahrenen Lehrenden die breite Kluft zwischen einem Studium, das hochspezialisierte Medizin in vielen Ausprägungen vermittelt, und den von den so Ausgebildeten als eintönig und wenig herausfordernd empfundenen Aufgaben eines Allgemeinmediziners in entlegener Gegend.

Kooperation auch in der Forschung

Den Brückenschlag zwischen elitärer, hochspezialisierter Ausbildung und einer breitangelegten Tätigkeit im ländlichen Bereich versucht man seit Oktober an der Universität Oldenburg. Hier wurde in diesem Jahr nach mehr als zwanzig Jahren in Deutschland erstmals wieder eine medizinische Fakultät gegründet. Die neue Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften in Oldenburg hat mit dem Universitätsklinikum im niederländischen Groningen ein Kooperationsprojekt aufgenommen, die „European Medical School Oldenburg-Groningen (EMS)“. Gemeinsam wird ein neuer Modellstudiengang Medizin aufgebaut, aber die Kooperation erstreckt sich auch auf die Forschung.

Die Universität Oldenburg begann eine Zusammenarbeit mit den drei Oldenburger Krankenhäusern, um den neuen universitätsmedizinischen Standort eröffnen zu können. Im Oktober dieses Jahres kamen die ersten vierzig Medizinstudenten auf den Campus Wechloy nach Oldenburg. Sie werden erstmals in Deutschland eine grenzüberschreitende Medizinerausbildung absolvieren: mit einem Staatsexamen in Deutschland und dem Angebot eines deutsch-niederländischen Doppelabschlusses. „Dieses Vorgehen ist als Modell für weitere europäische Kooperationen vorstellbar“, sagt Dekan Eckhart Hahn.

Klinische Fragen von Anfang an

“Wir bauen einen deutschen Studiengang auf, der der Approbationsordnung entspricht“, erklärt Bert Albers, der Geschäftsführer der Fakultät. „Dafür übernehmen wir das Curriculum aus Groningen und ergänzen es so, dass die Anforderungen der deutschen Approbationsordnung erfüllt sind.“ In Oldenburg ist man, um diesen Anforderungen gerecht zu werden, im ständigen Gespräch: Jeden Mittwoch treffen sich Fachschaftsvertreter gemeinsam mit Lehrenden und dem Curriculumsbeauftragten aus Groningen in Oldenburg. „Der Curriculumsbeauftragte macht Vorschläge, und wir überlegen dann, wie man das umsetzen und an die deutsche Approbationsordnung anpassen kann“, sagt Kirsten Gehlhar, die Leiterin des Studiendekanats. Das international vielbeachtete Curriculum aus Groningen, das in Oldenburg übernommen wird, zeichnet sich vor allem durch seine modulare Struktur aus: Die Studierenden lernen in Zehn-Wochen-Zyklen. Neun Wochen werden mit Unterricht an der Universität gefüllt. Darauf folgt eine Hospitationswoche in allgemeinmedizinischen Praxen im Nordwesten Deutschlands. Der universitäre Unterricht ist am Konzept des problemorientierten Lernens ausgerichtet. Die Woche als didaktische Einheit beginnt immer mittwochs. „An jedem Mittwoch kommt zunächst ein Patient in den Hörsaal, dessen Erkrankung zum Wochenthema passt“, sagt Gehlhar. „Dabei steht allerdings nicht der klinische Inhalt im Vordergrund. Die Veranstaltung dient dazu, dass die Studenten lernen können, mit Patienten zu sprechen.“

Zudem wird in einem Kurs zum problemorientierten Lernen am gleichen Tag ein klinischer Fall vorgestellt, der am darauffolgenden Montag aufgelöst wird. „Wenn das Wochenthema zum Komplex Bewegungsapparat gehört, geht es im Kurs beispielsweise um den Fall einer älteren Frau, die gestürzt ist“, sagt Gehlhar. „Wir beschäftigen uns dann mit Fragen wie: Was ist Osteoporose? Warum trifft die Erkrankung vor allem ältere Menschen? Wie sieht die Therapie aus?“ So werden Inhalte aus Anatomie, Biochemie oder Physiologie als zusammengehörige Einheit entwickelt. „Das alles hat zu sehr zufriedenen, aber auch ziemlich fleißigen Studenten geführt, die sich früh im Studium klinische Inhalte erarbeiten mussten“, sagt Eckhart Hahn im Rückblick auf das gerade abgeschlossene erste Modul. „Wir haben auch die verbreitete Ansicht widerlegt, dass es zu früh ist, Erstsemester mit klinischen Fragen zu konfrontieren.“

Morgens um sieben im Bus nach Groningen

Ein Teil der Lehrveranstaltungen findet in Groningen statt, etwa die praktischen Übungen in Anatomie. Jeden zweiten Freitag fahren die vierzig Studierenden morgens um kurz nach sieben mit einem Bus nach Groningen, wo es einen Präpariersaal gibt. Begleitet werden sie von Veysel Ödemis, Facharzt für Anatomie, der seit Oktober für die Lehre in Anatomie in Oldenburg zuständig ist. „Vormittags leite ich den Präparierkurs gemeinsam mit einem niederländischen Kollegen“, sagt Ödemis. „Nachmittags bleiben die Studenten in Groningen und lernen Untersuchungsmethoden am Patienten im medizinischen Lehrzentrum in Groningen. Die Studenten sind dabei selbst die Probanden.“

Ödemis, der in Ulm studiert hat, sieht deutliche Unterschiede zum üblichen Curriculum an deutschen Medizinerfakultäten. „Das Studium in Oldenburg ist sehr praxisbezogen. Klinische Untersuchungskurse am Anfang des Studiums gibt es an anderen Fakultäten kaum.“ Zudem sei es ein Alleinstellungsmerkmal, dass die Studenten von Anfang an ein regelmäßiges Coaching von Sozialmedizinern, aber auch von Nichtmedizinern, etwa Pfarrern und Psychologen, erfahren. „In Kleingruppen von acht Studenten wird dabei etwa über ethische Fragen diskutiert. Es geht aber auch um die Patient-Arzt-Beziehung und um nonverbale Kommunikation.“

Erstwunsch Oldenburg

Für Geschäftsführer Albers steht hinter all diesen Bemühungen das Ziel, die späteren Ärzte für die Allgemeinmedizin zu motivieren: „Wir haben den gesellschaftlichen Auftrag, uns auf eine gute Ausbildung für eine Tätigkeit in ländlichen Arztpraxen zu fokussieren.“ Die Studierenden mussten sich zwar regulär über die zentrale Vergabestelle für Studienplätze hochschulstart.de bewerben, dennoch hatte man den Wunsch im Blick, dass viele der Bewerber aus der Region stammen sollten, weil sie sich deshalb unter Umständen auch später dort niederlassen werden. „Das kann man nur indirekt beeinflussen“, sagt Albers.

Wer etwa am Auswahlverfahren der Universität teilnehmen wollte, musste Oldenburg als Erstwunsch bei der zentralen Bewerbung angegeben haben. Auch im Auswahlverfahren setzte man eigene Schwerpunkte: „Wir haben ein Assessment Center mit standardisierten Aufgabenstationen angeboten“, sagt Gehlhar. „An den Stationen gab es unter anderem Gruppenaufgaben, wo etwa jeder ein Stück Papier und eine Büroklammer erhielt, woraus dann gemeinsam ein Turm gebaut werden musste. Am Schluss stand ein Gespräch mit zwei Gutachtern.“ Die sechzig Prozent Studenten, die die Fakultät über das Verfahren selbst auswählen durfte, wurden schließlich bis zu einer Abiturnote von 2,6 noch zugelassen. Drei Jahre lang werden die Studierenden in zehnwöchigen Modulen unterrichtet; danach ist das Physikum bestanden. Es ist zwar an anderen Fakultäten schon nach zwei Jahren üblich; in Oldenburg haben die Studenten aber den Vorteil, dass sie nicht zu einer Physikumsprüfung antreten müssen: Mit je einer Zwischen- und einer Abschlussprüfung pro Modul - am Computer im Multiple-Choice-Verfahren - gelten ihre Leistungen am Ende als bewertet.

„Plötzlich vor einem Patienten“

Die Studenten stehen derzeit unter dem Eindruck des ersten Moduls, das gerade mit einer einwöchigen Hospitation in allgemeinmedizinischen Praxen abgeschlossen wurde. „Es war natürlich ein Schritt, plötzlich vor einem Patienten zu stehen und mit ihm ein Gespräch zu gestalten“, sagt die Studentin Luiza Martini. „Man wurde auch von den Patienten nicht als Student angesehen, der erst neun Wochen dabei ist, sondern eher so, als sei man schon Arzt.“

Martini hospitierte in einer Praxis in Oldenburg, ihr Kommilitone Jan Liewig in der Nähe von Cloppenburg. Der 23-Jährige ist bereits Rettungsassistent. „Ich denke, es ist gerade für die Studenten, die direkt nach dem Abitur beginnen, wichtig, die Scheu vor den Patienten zu verlieren“, sagt er. „Dafür waren die Hospitationen ideal.“ Die Ärzte, die Hospitanten aufnehmen, wurden von der Fakultät zuvor geschult: Das erste Praktikum sollte ganz unter dem Thema „Bewegungsapparat“ stehen, so dass Patienten mit Erkrankungen anderer Organsysteme den Studenten erst einmal nicht vorgestellt wurden. Im weiteren Verlauf des Studiums haben die Studenten die Möglichkeit, ein Austauschjahr in Groningen einzulegen, bevorzugt im dritten oder sechsten Studienjahr. Noch sind nicht alle Berufungen abgeschlossen, Fragen zum Curriculum werden fortlaufend geklärt werden müssen, auch, weil in Deutschland eine neue Approbationsordnung ins Haus steht. Ein Ziel hat die Fakultät aber schon erreicht: Im ersten Jahrgang kommen immerhin 21 von vierzig Studenten aus der Region: aus dem Ammerland, Aurich, der Grafschaft Bentheim oder Leer.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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