Home
http://www.faz.net/-gx3-76hlf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Mittwoch in „Natur und Wissenschaft“ Schutzwälle gegen die Angst

„Messies“ sammeln vor allem Papier, Kleidung, Zeitungen und Verpackungen - und lassen ihre Wohnung völlig vermüllen. In Amerika wird „Hoarding Disorder“ bald zu einer eigenen Diagnose. Redakteurin Christina Hucklenbroich hat nachgeforscht, was man über die Störung schon heute weiß.

© F.A.Z. Vergrößern Die Seite N1 der Ausgabe von diesem Mittwoch.

Auszug aus dem Artikel:

„Als ’Hoarder’ darf in Zukunft eingestuft werden, wer dauerhaft Schwierigkeiten hat, Besitz wegzuwerfen, auch wenn es sich um wertlose Gegenstände handelt. Die Gegenstände füllen Räume so an, dass deren normale Nutzung nicht mehr möglich ist. Falls die ständig benutzten Räumlichkeiten freigeräumt sind, dann nur, weil Familienmitglieder dafür sorgen. Die vermüllte Umgebung muss den „Hoarder“ zudem in klinisch bedeutsamer Weise in seiner sozialen und sonstigen Funktionsfähigkeit einschränken, wozu auch gehört, dass seine Wohnung nicht mehr sicher für ihn und andere ist, der Müll zu Stürzen führen kann oder Brandkatastrophen zu befürchten sind. Ausgeschlossen werden muss, dass es sich beim Horten um das Symptom einer anderen psychischen Erkrankung handelt: einer Depression, Psychose oder Demenz etwa.

Der Kriterienkatalog ist deutlich spezifischer als der erste von Randy Frost aus dem Jahr 1996, auch wenn er auf dieser Urform basiert. Man weiß seitdem vieles genauer, auch über die Ursachen. In Studien konnte die verbreitete Annahme, Hoarder hätten in ihrer Jugend Mangel an materiellen Dingen gelitten, nicht bestätigt werden. Allerdings haben Betroffene überdurchschnittlich viele traumatische Erfahrungen im Leben machen müssen. Die Störung verläuft meistens chronisch und bessert sich nur bei wenigen von selbst wieder. Das Horten tritt familiär gehäuft auf. Die ersten Symptome zeigen sich schon im Alter von zwölf bis dreizehn Jahren. Meist beginnt die Störung dann ab einem Alter von Mitte dreißig, den Alltag der Betroffenen einzuschränken. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. In Neuroimagingstudien zeigten sich bei Hoardern, von denen man Gedanken an das Horten oder Entscheidungen verlangte, ungewöhnliche Erregungsmuster in Hirnstrukturen, die in Fähigkeiten wie Entscheidungsfindung, Aufmerksamkeit, Organisation und Emotionsregulierung eingebunden sind.

Die Kriterien für die DSM-Neufassung wurden aber nicht nur von den Erkenntnissen der Forschung beeinflusst. Es ging dabei auch darum, „normales“ Sammeln vom krankhaften Horten abzugrenzen, um Sammler - selbst exzentrische - nicht zu psychiatrisieren...“

In einem zweiten Artikel beleuchten wir in der Ausgabe am Mittwoch das Phänomen „Animal Hoarding“ - das exzessive Sammeln von Hunden, Katzen und anderen Tieren. Ein Auszug:

„In wissenschaftlicher Hinsicht ist die Problematik allerdings noch weitgehend unerforscht. Die Experten sind sich nicht einmal einig, ob „Animal Hoarding“, das Sammeln von Hunden, Katzen oder anderen Tieren, wirklich als Subtyp der für die Neufassung des Klassifikationssystems psychischer Erkrankungen DSM-5 geplanten Diagnose „Hoarding Disorder“ eingestuft werden kann. In einer Studie im Fachmagazin „Depression and Anxiety“ stellte ein Team um den amerikanischen Hoarding-Experten Randy Frost Ende 2011 dar, dass es zwar viele Gemeinsamkeiten gibt - etwa das krampfhafte Festhalten von Gehortetem, die Panik bei Beschlagnahmung - aber auch grundlegende Unterschiede. Beim Horten von Gegenständen sind beispielsweise ungefähr gleich viele Männer wie Frauen betroffen, die „Hoarder“ von Tieren sind aber zu 70 bis 83 Prozent - je nach Studie - Frauen. Außerdem sind die Wohnungen der „Animal Hoarder“ stark verschmutzt und in weitaus schlimmerem Zustand als bei denjenigen, die Dinge horten.Geklärt werden kann die Frage wohl vor Veröffentlichung der neuen Fassung des DSM nicht, weil es zu wenige Studien über Animal Hoarder gibt. Immerhin gibt es aber neue Daten über das Ausmaß der Problematik aus Deutschland. Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Veterinärmedizinerin Tina Sperlin eine Studie, für die sie alle Veterinärämter in Deutschland um Auskunft über Animal Hoarding-Fälle in deren Einzugsgebiet gebeten hatte. 86 Prozent der Ämter hatten mit Fällen von Animal Hoarding zu tun...“

NuW von Mittwoch, den  13.02.12012 © F.A.Z. Vergrößern Die Seite N2 der Ausgabe von diesem Mittwoch

Die vollständigen Artikel sind in der Mittwochbeilage „Natur und Wissenschaft“ der F.A.Z. zu lesen.

Sie können die F.A.Z. hier auch als E-Paper herunterladen.

Ansprechpartner:  wissenschaft@faz.de

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Heute in der Zeitung Vermüllte Meere

Von der Neuropädagogik, einem effizienten Absorbermaterial für das Treibhausgas Kohlendioxid und Hilfen bei Lebensmittelallergien sowie von den bedrohten Froscharten Madagaskars, der Lichtverschmutzung im Internationalen Jahr des Lichts und vom großen Problem des Plastikmülls berichten wir in der heutigen F.A.Z.-Beilage Natur und Wissenschaft. Mehr

05.03.2015, 12:02 Uhr | Wissen
Fischwilderei in Rumänien Auf der Jagd nach dem Kaviar

Seit über 200 Millionen Jahren schwimmt der Stör durch europäische Gewässer. Im Donaudelta sind ganze Netzwerke von Fischwilderern auf der Jagd nach den begehrten Tieren - ihre Beute: der teure Kaviar. Mehr

05.02.2015, 16:00 Uhr | Gesellschaft
Heute in der Zeitung Der Arzt aus dem Smartphone

Von medizinischen Apps, die mehr sein wollen als nur Wellnessratgeber, den Verflechtungen von Wissenschaft und Industrie, den Schwierigkeiten der Herzchirurgen, Transplantationen vorzunehmen, und von den Informationen, die Mondgestein enthält, berichten wir in der heutigen F.A.Z.-Beilage Natur und Wissenschaft. Mehr

25.02.2015, 06:00 Uhr | Wissen
Katzen-Filmfestival in L.A. Filmstars auf Samtpfoten

Menschliche Filmstars sind in Los Angeles keine Seltenheit - zum Katzen-Filmfestival haben sich nun die tierischen Darsteller unweit von Hollywood ihren Fans gezeigt. Auch für einen guten Zweck. Mehr

22.09.2014, 21:35 Uhr | Gesellschaft
Mayers Weltwirtschaft Mythos Geldflut

Wer ist wirklich schuld an den niedrigen Zinsen? Mehr Von Thomas Mayer

28.02.2015, 15:14 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.02.2013, 15:02 Uhr

Keime ohne Grenzen

Von Jörg Albrecht

Alles blickt nun auf die Masern. Aber sie sind lange nicht das einzige Problem Mehr 1 1