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Medizintourismus Wir gehen für die Therapie ins Ausland

Viele Deutsche sehen eine Behandlung im Ausland inzwischen als reelle Alternative an. Polen und andere Länder nutzen das steigende Interesse und werben mit hochentwickelter Medizin.

© IMAGO Hinweisschilder am Eingang zu einer Zahnklinik am Grenzübergang nach Deutschland in Kostrzyn, Polen

Zum Bleichen der Zähne nach Tschechien, zum Richten der Nase in die Türkei, zur hochtechnologischen Herzoperation nach Deutschland, die medizinische Behandlung als Ziel einer Reise - seit mehr als fünfzehn Jahren gibt es diese Art des Tourismus. Anfangs oftmals skeptisch beäugt als Billigmedizin auf der einen Seite oder als Versorgungsmöglichkeit für Superreiche aus den Golfstaaten auf der anderen, ist der Medizintourismus über die Zeit zu einem lukrativen internationalen Wirtschaftszweig herangewachsen, an dem immer mehr Länder teilhaben wollen.

Lucia Schmidt Folgen:

Noch ist dieser Markt vor allem etwas für Selbstzahler, für Menschen, die sich ihre Gesundheit etwas kosten lassen oder die ihrer Schönheit etwas nachhelfen wollen, die nach speziellen Behandlungsmöglichkeiten oder preiswerten Kureinrichtungen suchen. Die wirklich Kranken, die das Schicksal getroffen hat, werden zumeist weiterhin dort behandelt, wo sie auch leben; unabhängig davon, ob in einem anderen Land eine qualitativ bessere Versorgung mit einem besseren Preis-Leitungs-Verhältnis vorhanden ist. Für eine Therapie zu reisen, ist bislang die Entscheidung des einzelnen Patienten, verbunden mit mühevoller Eigenrecherche und bürokratischem Aufwand.

Grenzüberschreitende Wahlfreiheit

Mit der neuen „Patientenmobilitätsrichtlinie“, die das Europaparlament im vergangenen Jahr beschlossen hat und die bis zum Oktober 2013 von den Mitgliedsländern umgesetzt werden muss, sollen Behandlungen im EU-Ausland für alle Bürger einfacher werden. „Für das deutsche System bringt die neue Richtlinie allerdings keine grundsätzlichen Änderungen mit sich“, sagt Marc Schreiner, Leiter EU-Politik bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Zwar beschere die neue Regelung den EU-Bürgern grenzüberschreitende Wahlfreiheit für Krankenhausleistungen. Deutsche könnten aber schon seit längerer Zeit ambulante Leistungen im Ausland ohne Genehmigung in Anspruch nehmen und stationäre Aufenthalte im Ausland nach Absprache mit der Krankenkasse. Gründe, warum eine Krankenkasse einen geplanten Krankenhausaufenthalt im EU-Ausland ablehnen darf, seien schlechte Qualität in der ausgewählten Klinik, fragliche Finanzierung oder gesundheitliche Gefahr für den Patienten. Die Hürden für Ablehnungen durch die Kassen sind hoch, sagt Schreiner. Wer sich im Ausland behandeln lassen wolle, werde gute Chancen haben, von seiner Kasse die notwendige Vorabgenehmigung zu bekommen. Dabei werden die Kosten für eine geplante Auslandsbehandlung - Notfälle unterliegen anderen Regelungen - bis zu der Höhe erstattet, die auch im Heimatland angefallen wären. All diese Regelungen, die deutsche Patienten teilweise schon seit der Einführung des „Gesundheitsmodernisierungsgesetz“ im Jahr 2004 nutzen können, sind nun auch für Patienten in Italien, Spanien, Belgien oder Malta gültig. Zukünftig müsse niemand in der EU mehr diese Rechte vor dem Gerichtshof der Europäischen Union einklagen, heißt es in einer Stellungnahme des Bundesministeriums für Gesundheit: Freie Arztwahl für alle EU-Bürger.

Doch das Behandlungsrecht ist nur die eine Seite. Durch die Richtlinie sollen auch neue Möglichkeiten zur besseren Information und Beratung geschaffen werden. Insgesamt gehe es dabei nicht um die Förderung von Medizintourismus oder eine Regelung für Notfälle, sondern um grenzübergreifende Krankenversorgung, hieß es nach dem Beschluss der Richtlinie. Aus diesem Grund müssen alle Mitgliedsländer bis zum kommenden Herbst eine „nationale Kontaktstelle“ einrichten. Sie soll kostenfrei und unabhängig Patienten aus dem Ausland über Behandlungen im jeweiligen Land informieren. Weiter sieht die Richtlinie vor, nicht nur Patienten über die Grenzen hinaus zu behandeln, sondern auch Wissen auszutauschen. Dafür wiederum soll ein „europäisches Referenznetzwerk“ geschaffen werden. Institutionen, die Mitglieder dieses Netzwerkes werden, sollen gemeinsam an seltenen Erkrankungen forschen und Erfahrungen, Ressourcen und Wissen grenzüberschreitend bündeln - zum Nutzen der Patienten europaweit. Dieses Vorhaben bewertet Schreiner zurzeit allerdings noch skeptisch als „zartes Pflänzchen“.

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