Home
http://www.faz.net/-gwz-72ro0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Medizinstudium Gesucht: der gute Arzt

Lässt sich die Berufung zum Mediziner früh erkennen? Die deutschen Medizinerfakultäten wollen Studienanfänger nicht mehr nur nach Abiturnote zulassen. Multiple Mini-Interviews machen Schule.

© dpa Vergrößern Der gute Arzt unterscheidet sich mitunter nicht vom guten Handwerker: Operation am Deutschen Herzzentrum in Berlin

Die medizinischen Fakultäten in Deutschland stehen schon seit einigen Jahren unter strenger Beobachtung. Welche Bewerber sie zum Medizinstudium zulassen, ist ein gesellschaftlich debattiertes Thema geworden. Zum einen schalten sich die Bewerber selbst ein, etwa, indem sie trotz zu schlechter Abiturnote einen Platz einklagen oder - wie im vergangenen Jahr - vor Gericht ziehen, weil ihnen eine Wartezeit von mehr als sechs Jahren unzumutbar erscheint. Zum anderen geht auch von manch einer Landesärztekammer Druck aus. Die Bewerber seien in Auswahlgesprächen zu prüfen, forderte etwa unlängst die Ärztekammer Westfalen-Lippe. Das bedeute zwar zunächst mehr Aufwand, zahle sich aber aus, weil man so Medizinstudenten identifizieren könne, die später tatsächlich in der Patientenversorgung arbeiten wollen.

Christina Hucklenbroich Folgen:    

Befeuert wird die Debatte von dem stark gestiegenen Numerus clausus im Fach Medizin. In diesem Wintersemester benötigten Schulabgänger ein Abitur von 1,0 und 1,2, je nach Bundesland, um es in die Abiturbestenquote zu schaffen: jene Quote der zwanzig Prozent, die auf jeden Fall einen Platz erhalten. Mehr als 42.000 Bewerbungen für das Fach Medizin gingen bei der Stiftung für Hochschulzulassung ein. Sechzig Prozent der Studienanfänger dürfen Medizinerfakultäten sich zwar selbst aussuchen, nach eigenen Kriterien, sofern die Abiturnote dabei am stärksten gewichtet wird. An sechs Fakultäten in Deutschland nutzte man dieses „Auswahlverfahren der Hochschulen“ (AdH) bisher aber nicht, sondern ließ sich einfach die „Nächstbesten“ nach den Abiturbesten von der Stiftung für Hochschulzulassung Hochschulstart.de schicken.

„Eine soziale Selektion, die wir auf keinen Fall fördern wollen“

In Nordamerika wird die Debatte über Auswahlkriterien unter anderen Vorzeichen geführt. Auswahlgespräche werden dabei zunehmend kritisch gesehen. Der kanadische Psychologe Kevin Eva von der University of British Columbia schrieb schon 2004 im Fachmagazin „Medical Education“, es gebe „leichte“ und „schwere“ Interviewer in Auswahlgesprächen. Eva hat in jahrelanger Forschungsarbeit ein neues Testverfahren für Medizinstudenten entwickelt, das „Multiple Mini-Interview“ (MMI). Sein Ziel war es, die typischen Auswahlgespräche - zwei Professoren als Juroren, vor ihnen sitzt der junge Bewerber und berichtet über seinen Werdegang - durch ein gerechteres, weniger subjektives Verfahren abzulösen. Das sei eine ethische Frage, argumentiert Eva. Als er das MMI 2004 erstmals vorstellte, war schon belegt, dass die Unterschiede zwischen den Interviewern für 56 Prozent der Varianz in der Bewertung von Bewerbern verantwortlich sind. Evas neues Konzept schickt die Bewerber durch einen Parcours unterschiedlicher Stationen, an jeder sind sie mit neuen Juroren konfrontiert, und es geht immer darum, nichtkognitive Fähigkeiten zu erfassen, etwa die kommunikative Begabung.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Teilstudienplätze Laufpass nach bestandenem Physikum

Obwohl sie das erste Examen bestanden haben, sind elf Frankfurter Medizinstudenten exmatrikuliert worden. Schuld sind die Spätfolgen eines Gerichtsurteils. Mehr Von Morten Freidel, Frankfurt

11.04.2015, 13:59 Uhr | Rhein-Main
Olympia 2024 Freude in Hamburg und Enttäuschung in Berlin

Hamburg soll der deutsche Olympia-Bewerber für 2024 werden. Das zumindest ist Empfehlung des Präsidiums des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Die Hansestadt setzte sich damit gegen die Hauptstadt Berlin durch. Mehr

17.03.2015, 12:35 Uhr | Sport
Pegida Tillich warnt vor Ausländerhetze bei Wilders-Besuch in Dresden

Er nennt den Islam eine kranke Ideologie und vergleicht den Koran mit Hitlers Mein Kampf: Der Niederländer Geert Wilders steht auch wegen solcher Äußerungen unter Polizeischutz. Nun kommt er zur Pegida nach Dresden. Mehr

12.04.2015, 09:54 Uhr | Politik
DOSB-Entscheidung Reaktionen auf Hamburg-Sieg

Die Reaktionen auf die Entscheidung des Deutschen Olympischen Sportbundes sind gemischt. Der DOSB hatte entschieden, die Elbmetropole Hamburg statt der Bundeshauptstadt als Olympia-Bewerber zu empfehlen. Mehr

17.03.2015, 15:10 Uhr | Sport
Dresden Wilders wollen weniger Menschen sehen, als erwartet

Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders ist in Dresden vor rund 10.000 Pegida-Anhängern aufgetreten - deutlich weniger, als das Bündnis angekündigt hatte. In seiner Rede lobte Wilders seine Zuhörer. Mehr

13.04.2015, 19:23 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.09.2012, 09:47 Uhr

Gesetzesfrust um Embryonen und Gene

Von Joachim Müller-Jung

Eine „heiße Kartoffel“, das ist Biopolitik heute. Klonen, Stammzellen, Gentechnik - nichts mehr wird in Berlin angefasst, obwohl selbst einfache Begriffe wie Embryo längst ungeklärt sind. Und die Forscher? Sie tun und jammern schüchtern. Mehr 6 13