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Medizinstudium Gesucht: der gute Arzt

 ·  Lässt sich die Berufung zum Mediziner früh erkennen? Die deutschen Medizinerfakultäten wollen Studienanfänger nicht mehr nur nach Abiturnote zulassen. Multiple Mini-Interviews machen Schule.

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© dpa Der gute Arzt unterscheidet sich mitunter nicht vom guten Handwerker: Operation am Deutschen Herzzentrum in Berlin

Die medizinischen Fakultäten in Deutschland stehen schon seit einigen Jahren unter strenger Beobachtung. Welche Bewerber sie zum Medizinstudium zulassen, ist ein gesellschaftlich debattiertes Thema geworden. Zum einen schalten sich die Bewerber selbst ein, etwa, indem sie trotz zu schlechter Abiturnote einen Platz einklagen oder - wie im vergangenen Jahr - vor Gericht ziehen, weil ihnen eine Wartezeit von mehr als sechs Jahren unzumutbar erscheint. Zum anderen geht auch von manch einer Landesärztekammer Druck aus. Die Bewerber seien in Auswahlgesprächen zu prüfen, forderte etwa unlängst die Ärztekammer Westfalen-Lippe. Das bedeute zwar zunächst mehr Aufwand, zahle sich aber aus, weil man so Medizinstudenten identifizieren könne, die später tatsächlich in der Patientenversorgung arbeiten wollen.

Befeuert wird die Debatte von dem stark gestiegenen Numerus clausus im Fach Medizin. In diesem Wintersemester benötigten Schulabgänger ein Abitur von 1,0 und 1,2, je nach Bundesland, um es in die Abiturbestenquote zu schaffen: jene Quote der zwanzig Prozent, die auf jeden Fall einen Platz erhalten. Mehr als 42.000 Bewerbungen für das Fach Medizin gingen bei der Stiftung für Hochschulzulassung ein. Sechzig Prozent der Studienanfänger dürfen Medizinerfakultäten sich zwar selbst aussuchen, nach eigenen Kriterien, sofern die Abiturnote dabei am stärksten gewichtet wird. An sechs Fakultäten in Deutschland nutzte man dieses „Auswahlverfahren der Hochschulen“ (AdH) bisher aber nicht, sondern ließ sich einfach die „Nächstbesten“ nach den Abiturbesten von der Stiftung für Hochschulzulassung Hochschulstart.de schicken.

„Eine soziale Selektion, die wir auf keinen Fall fördern wollen“

In Nordamerika wird die Debatte über Auswahlkriterien unter anderen Vorzeichen geführt. Auswahlgespräche werden dabei zunehmend kritisch gesehen. Der kanadische Psychologe Kevin Eva von der University of British Columbia schrieb schon 2004 im Fachmagazin „Medical Education“, es gebe „leichte“ und „schwere“ Interviewer in Auswahlgesprächen. Eva hat in jahrelanger Forschungsarbeit ein neues Testverfahren für Medizinstudenten entwickelt, das „Multiple Mini-Interview“ (MMI). Sein Ziel war es, die typischen Auswahlgespräche - zwei Professoren als Juroren, vor ihnen sitzt der junge Bewerber und berichtet über seinen Werdegang - durch ein gerechteres, weniger subjektives Verfahren abzulösen. Das sei eine ethische Frage, argumentiert Eva. Als er das MMI 2004 erstmals vorstellte, war schon belegt, dass die Unterschiede zwischen den Interviewern für 56 Prozent der Varianz in der Bewertung von Bewerbern verantwortlich sind. Evas neues Konzept schickt die Bewerber durch einen Parcours unterschiedlicher Stationen, an jeder sind sie mit neuen Juroren konfrontiert, und es geht immer darum, nichtkognitive Fähigkeiten zu erfassen, etwa die kommunikative Begabung.

In Deutschland verwendet seit wenigen Wochen schon die dritte medizinische Fakultät Evas Konzept, um Bewerber zu beurteilen: Die Universität Münster lud Ende August 160 Abiturienten auf einen MMI-Parcours ein. Es ging dabei nur um jene sechzig Prozent, die im AdH selbst auszuwählen sind. Die Fakultät gehörte bislang zu den sechs Hochschulen, die kein AdH anwandten, sondern nur auf die Abiturnote setzten. Faktisch kamen an der begehrten westfälischen Universität dadurch nur Kandidaten mit den Noten 1,0 und 1,1 unter - und jene verbleibenden zwanzig Prozent, die genug Wartesemester gesammelt hatten.

Als es jetzt darum ging, eigene Kriterien einzubringen, habe man einige in Deutschland gängige Konzepte gleich verworfen, sagt Bernhard Marschall, Studiendekan der Mediziner in Münster. Etwa den Test für medizinische Studiengänge (TMS): „Man kann sich inzwischen für diesen Test schulen lassen“, sagt Marschall. „Im Internet habe ich ein Angebot für ein solches Coaching gefunden, das 8000 Euro kostete und den Teilnehmern garantierte, zu den zehn Prozent Testbesten zu gehören. Das ist eine soziale Selektion, die wir auf keinen Fall fördern wollen.“

Nicht mehr ganz so hochexklusiv

Wenn man schon einen Test mache, dann solle der auch nichtkognitive Fähigkeiten erfassen, sagt Marschall: „Soziale Kompetenz, Empathie, kommunikative Fähigkeiten, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.“ Vor dem Parcours lieferten die zum MMI nach Münster eingeladenen Bewerber einen Text ab, in dem sie sich selbst und ihre Motivation vorstellten, und schrieben eine Klausur über sechzig Fragen, mit denen ihr medizinisches Verständnis geprüft wurde.

Auf dem Parcours absolvierte jeder Teilnehmer zehn Stationen, an den Türen davor hingen kurze Erläuterungen, auf einen Trillerpfiff hin durfte man eintreten und sich der Situation stellen. Die einzelnen Aufgaben hält Marschall streng geheim. Schließlich will man den Parcours im kommenden Jahr wiederverwenden. Nur ein Raum wurde für die Presse geöffnet. Eine Schauspielerin saß da auf einem Krankenhausbett, beide Ellbogen geschient, daneben auf einem Tablett ein Joghurt, auf dem Schoß eine blutbefleckte Decke. „Die Aufgabe war, die Patientin zu versorgen“, sagt Marschall. „Das kann man sehr unterschiedlich machen: Füttert man sie von oben herab und im Stehen, oder setzt man sich daneben und stellt Augenkontakt her? Fragt der Bewerber: ,Möchten Sie auch etwas trinken?’“ Auch die blutverschmierte Decke bemerkten nicht alle Bewerber. Eine deutliche Spreizung sei zu beobachten gewesen, sagt Marschall.

Bei der Abiturnote fiel die allerdings nicht allzu weit aus: Selbst unter den 160 Teilnehmern hatten noch 97 ein 1,0-Abitur und es damit trotzdem nicht in die Abiturbestenquote in Münster geschafft. „Durch das MMI sind wir immerhin bis zur 1,2 hinuntergekommen“, ist Marschalls Fazit. Die Gruppe der Medizinstudenten ist also trotz MMI noch immer exklusiv - nur nicht mehr ganz so hochexklusiv. Es sei aber auch um ein Statement gegangen, sagt Marschall, darum, darzustellen, dass Arzt nicht nur ein Beruf ist, sondern eine Berufung. Zudem hätten die Teilnehmer - dreißig geladene traten nicht an und mussten ersetzt werden - unter Beweis gestellt, dass sie motiviert und selbstbewusst genug sind, um sich den teilweise demaskierenden Tests zu stellen.

Auch der „Globaleindruck“ fließt in die Bewertung ein

Viermal will man dieses aufwendige Verfahren, das achtzig Hochschullehrer und Kliniker als Juroren aus dem Tagesbetrieb herauszieht, in Münster noch durchführen; dann soll eine Studie erscheinen, die auch den Studienerfolg der so Ausgewählten dokumentiert.

In Hamburg und Dresden hat man schon länger Erfahrung mit Kevin Evas MMI. Die dortigen medizinischen Fakultäten wenden das Verfahren seit 2009 an. Auch in Hamburg gehe es um die Außenwirkung, sagt Wolfgang Hampe, Professur für Biochemie und Leiter der Arbeitsgruppe Auswahlverfahren am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf: „Wir wollen den Studienbewerbern zeigen, dass wir nicht nur auf kognitive Fähigkeiten, sondern auch auf psychosoziale Kompetenz Wert legen.“

In Dresden hat man vor 2009 das klassische Auswahlgespräch durchgeführt. „Die einhellige Meinung aller Beteiligten ist: Das neue Verfahren ist objektiver“, sagt der Diplom-Psychologe Mike Hänsel, Projektleiter des Auswahlverfahrens an der medizinischen Fakultät in Dresden. Es gehe im Parcours vor allem um alltägliche Situationen mit Menschen, in denen man kein Arzt sein müsse, sagt Hänsel, zum Beispiel darum, jemanden aufzubauen, der stark deprimiert ist. Auch der „Globaleindruck“ des Bewerbers fließt in die Bewertung ein, dazu gehört auch, ob er angemessen gekleidet ist.

Die Wartezeit als Kriterium wird kritisch gesehen

Für die Dresdner ist klar, dass man, wenn es nur um den Studienerfolg gehen sollte, allein auf das Abitur setzen müsste: „Die Abiturbesten machen das beste Staatsexamen“, so formuliert es Hänsel, und viele Studien bestätigen ihn. An den medizinischen Ausbildungsstätten ist aber dennoch eine Diskussion über die Abiturnote entstanden. „Die Abiturnote ist sicherlich ein guter Prädiktor, aber auch mit einer Problematik behaftet“, sagt Hampe. „Sie wird beeinflusst von Schulen, Lehrern, Bundesländern und den belegten Fächern. Abiturnoten sind deshalb nicht gut vergleichbar.“ In Hamburg gelingt es immerhin, Bewerbern bis zur Note 1,9 auf dem MMI-Parcours eine Chance zu geben.

Auch die Wartezeit als Kriterium wird inzwischen kritisch gesehen. Hampe veröffentlichte im Juni in der Zeitschrift „Forschung und Lehre“ gemeinsam mit drei Kollegen den Artikel „Losen statt warten“. Darin plädiert er dafür, unter den Bewerbern mit zu schlechter Abiturnote zu losen. Lange Wartezeiten führten nämlich zu einer sozialen Selektion, denn nur einkommensstarke Familien können es sich leisten, den Studienabschluss ihrer Kinder um Jahre hinauszuschieben.

Auf ganz andere Art umgeht man in Sachsen künftig die rigiden Vorgaben von Hochschulstart.de und den Trend zum Mediziner mit Einser-Abitur: Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen will ab 2013 zwanzig ausgewählten Bewerbern ein Medizinstudium in Ungarn finanzieren, meldete jetzt das „Deutsche Ärzteblatt“. Unter anderem in Budapest kann man Medizin in deutscher Sprache studieren, ohne dass der deutsche Numerus clausus gilt. Voraussetzung für die Stipendiaten ist eine „enge Bindung zu Sachsen“. Sie müssen sich verpflichten, nach dem Studium in Sachsen als Hausärzte tätig zu werden. Ein Studium an den deutschsprachigen Fakultäten in Ungarn kostet 80.000 Euro.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

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