09.07.2006 · Die Chance eines Erwachens von langjährigen Komapatienten ist nach Ansicht aller Neurologen unwahrscheinlicher als ein Lotto-Hauptgewinn. Dennoch hat ein solcher Fall in Amerika die Forscher zu neuen erstaunlichen Befunden geführt.
Von Volker StollorzEigentlich hatte sich der Mechaniker Terry Wallis aus Harriett im amerikanischen Bundesstaat Arkansas damals nur kurz für eine Spritztour mit Freunden abgemeldet. Dann aber erlitt er bei einem Autounfall schwerste Hirnverletzungen und verfiel 1984 scheinbar unwiderruflich in eine Art Wachkoma. Er atmete zwar selbständig, öffnete tagsüber die Augen, und die Familie bemerkte bei Besuchen im Pflegeheim, daß er manchmal nickte oder grunzte - etwa, wenn im Zimmer des früheren Ford-Fans ein Werbespot für einen Chevrolet über den Bildschirm flimmerte.
Diesen Dämmerzustand, bei dem zumindest vorübergehend minimale Reaktionen auf die Umwelt feststellbar sind, nennen Mediziner neuerdings „Minimal Conscious State“(MCS). Die Kranken unterschieden sich damit von echten Wachkomapatienten im „vegetativen Zustand“, die über Jahre zwar ihre Augen tagsüber öffnen, aber neben Reflexen keinerlei willentliche Regungen erkennen lassen.
Ein Einzelfall in der Medizin
Doch auch den MCS-Patienten fehlt jener Bewußtseinsstrom, der neben Gesunden auch Menschen mit dem Locked-in-Syndrom eigen ist. Diese erleben zwar sich selbst und ihre Umwelt in aller Deutlichkeit. Ihre Gedanken und Gefühle aber sind hermetisch in ihrem Körper eingeschlossen. Aufgrund motorischer Lähmungen können sie sich ohne technische Kommunikationshilfen allein über eine Art Augenrollen verständigen. Ein solches Bewußtsein war bei Terry Wallis über fast zwei Jahrzehnte hinweg komplett erloschen, sagen Eltern, Pfleger und Ärzte übereinstimmend. Bis zu jenem Tag im Juni 2003 eben, als Terry Wallis wie aus heiterem Himmel erwachte.
Als der amerikanische Mediziner Nicholas Schiff vom Weill-Cornell Medical College in Manhattan darüber in der Zeitung liest, packt ihn der Forschereifer. Sein Team nimmt Kontakt mit den Eltern auf. Wie ist eine so späte Erholung möglich? Was ging über all die Jahre in Wallis' Kopf vor? Weil der Automechaniker ein absoluter Einzelfall in der Geschichte der Medizin ist, kann niemand die Antwort geben. Zwar machen immer wieder mal Berichte über das sensationelle Erwachen angeblicher Wachkomapatienten die Runde, die nach langer Zeit plötzlich wieder zu Bewußtsein kommen. Aber häufig sind die Fälle kaum dokumentiert, die Krankengeschichten fraglich. Die Chance eines Erwachens nach mehreren Jahren ist nach Ansicht aller Neurologen unwahrscheinlicher als ein Lotto-Hauptgewinn.
„Diffusion Tender Imaging“
Doch der inzwischen zweiundvierzigjährige Wallis kann inzwischen sogar wieder ganze Sätze artikulieren. Der zuvor komplett Gelähmte zeigt mit seiner linken Hand auf Gegenstände und kann beide Beine willentlich bewegen, auch wenn er weiterhin nicht läuft. Er zählt von 1 bis 25 ohne Unterbrechung, erinnert sich jedoch nur mühsam an neu Erlerntes.
Acht Monate nach seinem Erwachen reist Wallis mit seiner Mutter nach New York. Dort wird sein Gehirn mit den modernsten Methoden durchleuchtet. Der deutsche Physiker Henning Voss fertigt die komplexen Bilder an und erlebt einen „kooperativen Patienten, der kommunizieren kann, wenn auch schleppend“. Voss durchmißt die Nervenbahnen in Wallis' Gehirn Schicht für Schicht mit einer speziellen Anwendung der funktionellen Kernspintomographie, dem sogenannten „Diffusion Tender Imaging“. Das Verfahren erlaubt es,die räumliche Diffusion von Wassermolekülen an jedem beliebigen Ort im Hirn präzise zu vermessen.
Dort, wo besonders viele dicke Kabelstränge von Nervenfasern in gleicher Richtung verlaufen, ist auch die Diffusion von Wasser räumlich eingeschränkt - so wie Wasser in einer Röhre nur in einer Richtung fließen kann. Im Prinzip können die Forscher anhand solcher indirekten Signale die Integrität jener Hirnbereiche erkunden, in denen Nervenfaserbündel verschiedene Regionen des Gehirns verbinden.
Selbstheilung versehrter Nerven
Schon beim ersten Blick zeigt sich ein erstaunlicher Befund, der die Fachleute nun weltweit aufhorchen läßt. Denn offenbar hat sich das versehrte Gehirn über lange Jahre selbst zu heilen versucht, indem verletzte Nervenfasern neue Verbindungen zwischen beschädigten Hirnregionen herzustellen suchten. So jedenfalls lautet das Fazit der in der vergangenen Woche im Journal of Clinical Investigation publizierten Arbeit.
Daß Nervenbündel über Jahre langsam nachgewachsen sind, sei „die plausibelste Erklärung“ der Daten, interpretiert Erstautor Henning Voss die Bilder aus dem Tomographen. Weil insbesondere die Verbindungen entlang der Mittellinie zwischen den beiden Hemisphären des Kleinhirns hervortraten, habe sich das Faserwachstum dort wohl parallel zu den Fortschritten der Bewegungsfähigkeit der linken Hand und der Beine von Wallis verändert, spekuliert Voss.
Faszinierend sei auch ein zweiter Befund gewesen: Bei Stoffwechselmessungen in Wallis' Gehirn zeigte sich acht Monate nach dem Aufwachen eine Hirnregion besonders aktiv, die derzeit im Zentrum der Fahndung nach den bisher unbekannten „neuronalen Korrelaten“ menschlichen Bewußtseins steht.
Das „Disconnection-Syndrom“
Dieser sogenannte Precuneus könnte ein wichtiger Teil jenes fundamentalen Neuronennetzes sein, das unsere Aufmerksamkeit und unsere Selbstbewußtheit hervorbringt - jene rätselhafte Empfindung also, die uns das subjektive Gefühl vermittelt, die Hand zu bewegen, Schmerzen zu empfinden oder Pläne zu schmieden. Wenn wir schlafen, schläft der Precuneus mit, liegen wir in Narkose, regt sich dort kaum etwas. Und auch bei Patienten im Wachkoma ist der Precuneus deutlich weniger aktiv.
„Immer wenn sich unser Bewußtseinszustand verwandelt, ändert sich auch die Aktivität in dieser Region“, erklärt Steven Laureys von der Universität Lüttich das Phänomen. Seit zehn Jahren erforscht der Mediziner die Hirnaktivitäten bei Wachkomapatienten und solchen im „Minimal Conscious State“, an einem von weltweit nur drei Forschungszentren, die dieser Frage nachgehen. Daß Wallis nach Jahrzehnten erstmals wieder Gedanken und Gefühle ausdrücken kann und realisiert, in welcher Situation er sich befindet, deutet darauf hin, daß sein Gehirn zuvor möglicherweise an einem „Disconnection-Syndrom“ gelitten hat. Einzelne Inseln in seinem Kortex zeigten Aktivität, sagt Laureys. Weil aber die Kabelverbindungen zwischen ihnen verletzt gewesen seien, habe der Patient lange Zeit kein Bewußtsein seiner selbst erlangen können.
„Bessere Chancen als Wachkomapatienten“
Was die praktischen Folgen solcher Erkenntnisse angeht, warnt Laureys allerdings vor übertriebenem Optimismus: „Wir lernen von diesem Fall erst einmal nur, daß er die absolute Ausnahme ist.“ Zugleich wirbt Laureys aber dafür, alte Dogmen zu überdenken. Erste Einblicke in das Gehirn von Menschen mit chronischen Hirntraumata hätten klar erwiesen, daß sich die Mediziner mit der Diagnose „Wachkoma“ in rund einem Drittel aller Fälle irrten. „Wir denken häufig, die Patienten sind vegetativ, aber in Wahrheit zeigen sie Zeichen minimaler Reaktionsfähigkeit.“
Auch Eberhard König, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation, kennt MCS-Patienten, die auf einfachste Anforderungen reagieren und etwa Objekte mit den Augen verfolgen können. „Die haben meist bessere Chancen als Wachkomapatienten“, sagt König. Aber wenn bei solchen Patienten nach Monaten intensiver Diagnostik, Therapie und allen Versuchen der Kontaktaufnahme keinerlei Besserung erkennbar sei, dann bleibe ein späteres Erwachen extrem unwahrscheinlich.
Auch Terry Wallis aus Harriett in Arkansas bleibt weiterhin auf Intensivpflege angewiesen. Aber kürzlich, so berichten die Eltern, habe Terry zum ersten Mal geäußert, er sei „stolz“, noch am Leben zu sein.
Komapatient wiedererwacht - nach ca. 3 Jahren
Henrik Assfalg (4hassf)
- 12.07.2006, 21:03 Uhr