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Medizin Fragwürdige Zeichen für Krebs

24.08.2005 ·  Tumormarker sind offenbar eine unzuverlässigere Diagnosemethode für Krebserkrankungen als gedacht. Die Meßergebnisse in verschiedenen Labors weichen stark voneinander ab.

Von Hildegard Kaulen
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Aus dem Auf und Ab eines Tumormarkers können nur dann Rückschlüsse auf den Verlauf einer Krebserkrankung gezogen werden, wenn alle Messungen im gleichen Labor und mit dem gleichen Analysesystem erfolgen.

Ist das nicht der Fall, sind die Ergebnisse wegen der erheblichen Schwankungen vermutlich unbrauchbar. Das ist das wesentliche Fazit der vom Institut für Standardisierung und Dokumentation im medizinischen Laboratorium vorgenommenen Ringversuche, mit denen die Messungen verglichen wurden. Das in Düsseldorf ansässige Institut betreibt die Normung medizinischer Verfahren und steht im Rang einer wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaft.

Durch die Richtlinien der Bundesärztekammer werden die Fachlabors zur Teilnahme an diesen Ringversuchen verpflichtet, die der Qualitätskontrolle dienen. Die von Hans Reinauer und William Graham Wood vorgelegten Ergebnisse wurden jetzt in der frei im Internet verfügbaren Zeitschrift „German Medical Science“ veröffentlicht.

Verschiedene Reagenzien erklären die Abweichungen

Als Tumormarker dienen Eiweißstoffe, die man in Körperflüssigkeiten nachweisen kann. Sie sind entweder selbst Bestandteil der Krebszellen oder werden vom gesunden Gewebe als Reaktion auf die Krebszellen gebildet. Allerdings sind die meisten von ihnen nur wenig spezifisch. In den einschlägigen Leitlinien zur Krebsbehandlung spielen die Tumormarker deshalb lediglich eine untergeordnete Rolle. Sie werden hauptsächlich zur Überwachung des Behandlungsverlaufs und weniger zur Diagnose verwendet.

Die Hoffnung, daß sich für jede Art von Tumor ein biochemischer Test finden läßt, der früher als andere Verfahren Hinweise auf eine neue oder eine wiederkehrende Geschwulst liefert, hat sich bislang nicht erfüllt. Die Tumormarker könnten noch weiter an Bedeutung verlieren, wenn die für einen Patienten im Verlauf einer Erkrankung ermittelten Meßergebnisse nicht vergleichbar wären.

Das ist offensichtlich der Fall, wenn die Werte in verschiedenen Labors und mit verschiedenen Reagenzien erhoben werden. Die Abweichungen beruhen auf den unterschiedlichen Antikörpern in den Reagenzien, die den Tumormarker einmal besser und einmal schlechter erkennen.

Gute Vergleichbarkeit bei Hormonen

Besonders groß waren die Unterschiede für den Tumormarker TA 72-4, der beim Magenkarzinom und einer bestimmten Form von Eierstockkrebs, dem muzinösen Ovarialkarzinom, bestimmt wird. Sie beliefen sich zum Teil auf das Vier- bis Sechsfache. Deutliche Unterschiede gab es auch beim prostataspezifischen Antigen und dem carcinoembryonalen Antigen sowie bei anderen Tumormarkern, bei denen es sich um Zuckerstrukturen auf Zellen handelt. Das prostataspezifische Antigen wird als Hinweis für Prostatakrebs, das carcinoembryonale Antigen als Marker für Dickdarmkrebs verwendet.

Weniger ausgeprägt waren die Abweichungen bei den als Tumormarkern eingestuften Hormonen wie dem Choriongonadotropin, das für die Verlaufskontrolle beim Hoden- oder Eierstockkrebs herangezogen wird, oder dem Wachstumshormon.

Der Nachweis der Hormone hat eine längere Tradition als der Nachweis der auf Zuckerstrukturen basierenden Tumorantigene. Bei den Hormonen ist inzwischen eine gute Vergleichbarkeit der Ergebnisse entwickelt worden, bei den modernen Tumorantigenen steht diese Vergleichbarkeit noch aus.

Unverantwortliche Entscheidungen

Die Ringversuche verdeutlichen auch, wie vorsichtig man mit den „Grenzwerten“ für die Tumormarker umgehen muß, die in Lehrbüchern und einschlägigen Veröffentlichungen genannt werden. Es zeigte sich, daß diese Werte für jedes Analysesystem neu bestimmt werden müssen. Denn wegen der Abweichungen könnte es durchaus sein, daß der in einem Labor ermittelte Wert Konsequenzen für den Patienten hat, während der in einem anderen Labor von der gleichen Probe ermittelte Wert unverdächtig erscheint.

Der Patient würde demnach völlig unterschiedlich behandelt. Klinische Entscheidungen, die einzig und allein auf der Messung eines Tumormarkers beruhen, werden von Reinauer und Wood aus diesem Grund als unverantwortlich eingestuft. Eine gewisse Ausnahme stellen allerdings das Calcitonin beim medulären Schilddrüsenkarzinom, das Thyreoglobulin beim papillären Schilddrüsenkarzinom und das Choriongonadotropin beim Hodenkrebs dar.

Diese Eiweißstoffe sind hochspezifisch für die jeweiligen Krebsarten. Sollten die Hersteller der Tests nicht für eine bessere Vergleichbarkeit der Meßergebnisse sorgen, könnte die Ermittlung der Tumormarker jedenfalls bald als überflüssig eingestuft werden.

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