16.12.2003 · In der Medizin wird häufig nur das veröffentlicht, was den Sponsoren einer Studie gefällt. Negative und damit meist unerwünschte Forschungsresultate fallen viel zu oft unter den Tisch.
Von Nicola von LutterottiOb wissenschaftliche Erkenntnisse veröffentlicht werden oder in Vergessenheit geraten, hängt oft nicht von der Qualität der Untersuchung ab. Eine weitaus größere Rolle spielt es mitunter, ob die Studie positiv oder negativ ausgegangen ist. Als ein positives Ergebnis wertet man etwa den Nachweis, daß ein neues Medikament besser wirkt als ein altes oder ein Zusammenhang zwischen einer bestimmten Genkonstellation und einer häufigen Krankheit besteht.
Erweisen sich die beiden Arzneien indes als gleichwertig und besitzen die untersuchten Erbanlagen keinen erkennbaren Einfluß auf das Erkrankungsrisiko, spricht man von einem negativen Resultat. Die Wahrscheinlichkeit einer Publikation, zumal in einem angesehenen Fachjournal, ist in dem Fall nur äußerst gering. Hinweise auf einen solchen Zusammenhang erhielt unlängst eine amerikanisch-kanadische Arbeitsgruppe um Monica Krzyzanowska vom Dana-Farber Krebsinstitut in Boston/Massachusetts.
Keine "signifikanten" Unterschiede
In einer umfassenden Analyse ergründeten die Wissenschaftler, welche der auf einem großen amerikanischen Krebskongreß präsentierten Forschungsergebnisse später in einem Fachblatt erschienen. Sie berücksichtigten dabei nur Untersuchungen an krebskranken Patienten. Aufgrund der Bedeutung für die Allgemeinheit - so ihre Überlegung - sollten die Resultate solcher klinischen Studien in jedem Fall an die Öffentlichkeit gelangen, und zwar unabhängig vom Ausgang der Untersuchung.
Wie die Autoren unlängst im "Journal" der Amerikanischen Medizingesellschaft ("Jama", Bd. 290, S. 495) berichteten, ließ sich ihre Annahme nicht bestätigen. Einen maßgeblichen Einfluß auf das publizistische Schicksal der wissenschaftlichen Beiträge hatte demnach der Ausgang der vorgestellten Untersuchung. Gab es zwischen den getesteten Behandlungsstrategien keinen "signifikanten" Unterschied, wurden die Ergebnisse viel seltener veröffentlicht als im umgekehrten Fall - wenn eine Therapie der anderen überlegen war.
Nichts negatives
Wie Monica Krzyzanowska und ihre Kollegen zu Recht betonen, entspricht das Verschweigen unerwünschter Studienergebnisse nicht den Verpflichtungen eines Forschers. Eigentlich haben Wissenschaftler die Aufgabe, die Resultate ihrer Untersuchungen der Fachwelt zugänglich zu machen. Bei Therapiestudien birgt das Unterschlagen negativer Ergebnisse zudem die Gefahr, daß die Wirksamkeit einer Behandlung überschätzt wird. Somit gibt es möglicherweise eine ganze Reihe von Therapien, die den Patienten gar nicht oder nur geringfügig nützen.
Daß negative und damit meist unerwünschte Forschungsresultate viel zu oft unter den Tisch fallen, wird in der Fachwelt seit langem bemängelt. Dennoch gibt es auch hier nur wenige Wissenschaftler, die aktiv gegen diesen Mißstand vorzugehen bereit sind. Jedenfalls stößt das Bemühen einzelner Forscher, ihre Kollegen zur Publikation negativer Versuchsergebnisse zu bewegen, auf geringes Interesse. Keinen großen Zulauf erhält etwa ein von amerikanischen Wissenschaftlern der Harvard Medical School in Boston/Massachusetts gegründetes Fachblatt, das auf die Publikation negativer Studienergebnisse spezialisiert ist. Seit November vergangenen Jahres konnten darin erst wenige Beiträge publiziert werden - ein Schicksal, das sich das "Journal of Negative Results in Biomedicine" (http://www.jnrbm.com/home/) mit anderen, vergleichbaren Fachjournalen teilt.
Hersteller wollen verkaufen
Weshalb negative Versuchsergebnisse so oft unterschlagen werden, hat unterschiedliche Gründe. Zum Teil mag sich dahinter die Absicht verbergen, der Konkurrenz die Arbeit nicht zu leicht zu machen. Auch die verbreitete Tendenz, spektakulären Resultaten mehr Bedeutung beizumessen als weniger eindrucksvollen, dürfte zur Bevorzugung von Studien mit positivem Ausgang beitragen. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Beweggrund ist schließlich wirtschaftlicher Natur.
So sind die Hersteller von Medikamenten und medizinischen Geräten verständlicherweise darum bemüht, ihre Erzeugnisse zu verkaufen. Zeigt ein neues Produkt daher nicht die erhoffte Wirkung oder schneidet es schlechter ab als jenes eines Konkurrenten, hält sich der Wunsch auf eine Verbreitung der Daten in Grenzen. Manche Firmen schrecken nicht einmal davor zurück, die an der Studie beteiligten Wissenschaftler unter Druck zu setzen. Diese Erfahrung hat zumindest Marteen Simoons vom Thoraxcenter der Universität Rotterdam gemacht. Wie der niederländische Kardiologe vor einiger Zeit auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in Stockholm sagte, wurde er von einem Sponsor aufgefordert, nicht unnötigerweise Daten zu veröffentlichen, die dem Unternehmen wirtschaftlich schaden könnten.
Gesponserte Studien
Auch auf die Interpretation der Daten übt die Industrie teilweise erheblichen Einfluß aus. Das legen unter anderem die jüngsten Erkenntnisse einer Arbeitsgruppe um Bodil Als-Nielsen vom Zentrum für klinische Forschung der Universität in Kopenhagen nahe. In einer umfassenden Literaturrecherche haben die dänischen Wissenschaftler nach klinischen Studien gefahndet, in denen die Wirkung von Arzneimitteln getestet wurde. Sie konzentrierten ihre Suche dabei auf Untersuchungen mit hohem Qualitätsstandard.
Wie sich zeigte, hing die Bewertung der Studienresultate maßgeblich von der Art des Sponsors ab. Handelte es sich bei diesem um ein Pharmaunternehmen, gelangten die Studienleiter viel eher zu einer positiven, das untersuchte Medikament begünstigenden Schlußfolgerung, als wenn das Geld von einer nicht auf Gewinn ausgerichteten Institution stammte ("Jama", Bd. 290, S. 921). Bei von Firmen gesponserten Studien wurde die geprüfte Arznei zudem weitaus häufiger als Therapie der Wahl empfohlen.
Enorm ausgetüftelte Tricks
Vergleichbare Beobachtungen machten unlängst auch deutsche Forscher um Michael Hartmann von der medizinischen Fakultät der Universität in Jena ("British Journal of Cancer, Bd. 89, S. 1405). In einer umfassenden Literaturanalyse gingen die Wissenschaftler der Frage nach, inwieweit das Resultat von Kostenberechnungen in der Krebsmedizin von der Art des Sponsors abhängt. Wie sich ergab, kamen von der Industrie geförderte Studien auffallend oft zu dem Ergebnis, das verwendete Verfahren sei kostengünstig. Solche euphemistischen Interpretationen waren bei Untersuchungen, die von nichtprofitorientierten Sponsoren finanziert wurden, viel seltener.
Wie aber läßt sich das Schönen von Daten vermeiden? Für Als-Nielsen und seine Kollegen sollten Mediziner beim Lesen der Fachliteratur stärker darauf achten, ob die Schlußfolgerungen gerechtfertigt sind. Das Erkennen solcher Diskrepanzen fällt freilich nicht allen leicht, zumal die Statistik inzwischen über enorm ausgetüftelte Tricks verfügt. Schon die Auswertung der Daten ist daher für viele kaum noch nachvollziehbar - geschweige deren Interpretation. Einen Ausweg könnte es darstellen, wenn die Fachjournale noch nachhaltiger auf eine unvoreingenommne Bewertung der Daten drängten.