08.06.2006 · Jährlich werden etwa 92 Millionen Frauen weltweit mit sexuell übertragbaren Chlamydien infiziert, die zu folgenschweren Komplikationen führen können. Dennoch werden systematische Untersuchungen nicht immer als nützlich bewertet.
Von Martina Lenzen-SchulteDer Nutzen einer systematischen Suche nach Infektionen mit Chlamydia trachomatis wird zunehmend in Zweifel gezogen, obwohl dieser Erreger mit jährlich etwa 92 Millionen Neuerkrankungen weltweit zu den häufigsten Verursachern sexuell übertragbarer Erkrankungen bei Frauen gehört. Die Infektion mit Chlamydien zieht offenbar weit seltener dauerhafte Beeinträchtigungen nach sich, als bislang angenommen wurde. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler aufgrund der Uppsala Women's Cohort Study gelangt, bei der rückblickend die Infektionsfolgen anhand der Daten von 43.715 Frauen analysiert wurden. Das war möglich, weil Schweden weltweit über die längsten Erfahrungen im Chlamydien-Screening verfügt.
Es sind insbesondere drei für die spätere Familienplanung folgenschwere Komplikationen, für die Chlamydien oft verantwortlich gemacht werden. Dabei handelt es sich um chronische Entzündungen vor allem der inneren Geschlechtsorgane im Becken der Frau, um Eileiterschwangerschaften und um Unfruchtbarkeit. Das internationale Forscherteam hat nun herausgefunden, daß diese Leiden bei rund zwei bis vier Prozent aller in der Studie erfaßten Frauen bis zum Alter von 35 Jahren auftraten („Sexually Transmitted Infections“, Bd.82, S.212). Bei jenen, die sich beim Screeningtest als infiziert erwiesen hatten, war dieser Prozentsatz nicht viel höher, er lag zwischen drei und knapp sieben Prozent.
Screening für junge Frauen
Bislang hatte man angenommen, daß rund 40 Prozent aller nicht behandelten Chlamydien-Infektionen chronische Unterleibsentzündungen und die damit verbundenen Folgen für die Gebärfähigkeit nach sich ziehen. Auf solchen Annahmen gründet die Forderung, ein Screening für junge Frauen einzuführen.
In derselben Fachzeitschrift (S.193) rechnen Gesundheitsökonomen von der Universität in Birmingham vor, daß allenfalls zwei von 59 einschlägigen Analysen zum Nutzen des Chlamydien-Screenings überhaupt den Anforderungen genügen. In Deutschland werden derzeit nur Schwangere routinemäßig auf Infektionen mit Chlamydien untersucht.
Angesichts der Ergebnisse aus Schweden mag es verwundern, daß andere Experten vor einer Chlamydien-Epidemie unter Jugendlichen warnen. Aber ob es sich gesundheitsökonomisch lohnt, mit einem Screening nur wenige bleibende Spätfolgen zu verhindern, ist eben eine andere Frage als die, ob man junge Menschen besser und nachhaltiger über die in Zunahme begriffenen sexuell übertragbaren Krankheiten informieren sollte. Selbst wenn das Screening auf lange Sicht Kosten für ein Gesundheitssystem einspart, sollte das nicht die Bemühungen um bessere Aufklärung untergraben, wie sie unlängst von der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau im „Deutschen Ärzteblatt“ (Bd. 102, S. A 2021) dokumentiert wurden.