25.10.2004 · Ein neuer Gerinnungshemmer kommt im Doppelpack: Wirkstoff und Gegenspieler. Aber die Aptamere besitzen auch noch einige Schönheitsfehler.
Von Nicola von LutterottiGerinnungshemmer zählen weltweit zu den am meisten verschriebenen Medikamenten, beugen sie doch besonders häufig vorkommenden Krankheiten vor, darunter Herzinfarkten, Schlaganfällen und Verschlüssen der Beinvenen. Die Anwendung solcher Mittel birgt allerdings auch Risiken. Gefürchtet sind vor allem unkontrollierte Blutungen, die teilweise lebensbedrohliche Folgen haben können. Eine sachgerechte Handhabung der Thrombosemittel vermag diese Gefahr zwar zu begrenzen, aber nicht vollständig zu bannen. Auch kann es mitunter notwendig sein, die Blutstillung umgehend wieder zu normalisieren. Dies ist etwa der Fall, wenn sich der Betroffene verletzt hat oder sich unvorhergesehen einem Eingriff unterziehen muß.
Mit Ausnahme von Heparin gibt es bislang jedoch kein gerinnungshemmendes Medikament, dessen Wirkung sich rasch aufheben ließe. Heparin und sein Gegenmittel Protamin rufen bei einer ganzen Reihe von Patienten ernste Nebenwirkungen hervor und kommen daher nicht für alle Menschen gleichermaßen in Betracht. Einen Fortschritt stellen deshalb Gerinnungshemmer dar, die gleich mit passendem Gegenspieler geliefert werden. Ein solches Doppelpack haben unlängst amerikanische Wissenschaftler um Christopher Rusconi von der Duke-Universität in Durham (North Carolina) hergestellt.
Neue Wirkstoffe
Bei dem neuartigen Medikament handelt es sich um ein aus wenigen Nukleotiden - den Grundbausteinen der Erbsubstanz - aufgebautes Molekül, das zur Gruppe der sogenannten Aptamere gehört. Der Wirkstoff verringert die Gerinnungsfähigkeit des Bluts, indem er einen wichtigen Gerinnungsfaktor (Faktor IXa) einfängt und außer Gefecht setzt. Diesen Schritt vermag sein Kontrahent, ebenfalls ein kurzkettiges Nukleotidmolekül, zu verhindern - jedenfalls im Reagenzglas. Rusconi und seine Kollegen wollten klären, inwieweit diese Beobachtungen auch praktische Bedeutung haben. Hierzu testeten sie zunächst die therapeutische Wirksamkeit des gerinnungshemmenden Aptamers und prüften anschließend, wie gut sich dessen Einfluß mit dem Gegenmittel neutralisieren läßt.
Wie die Autoren in der aktuellen Online-Ausgabe der Zeitschrift "Nature Biotechnology" berichten, führte die Anwendung des neuartigen Gerinnungshemmers im Tierversuch zu einer merklichen Verzögerung der Blutstillung. Als günstig erwies sich dieser Effekt bei kleineren Schädigungen der Arterienwand. In dem Fall wirkte das Aptamer der Bildung großer Blutpfropfen entgegen und verhinderte damit, daß sich das lädierte Gefäß vollständig verschloß. Bei chirurgischen Eingriffen erwies sich die Behandlung mit dem Aptamer erwartungsgemäß als ungünstig. Die dabei auftretenden Blutungen kamen allerdings sofort zum Stillstand, wenn die Forscher den Tieren das Gegenmittel injizierten. Weitere Untersuchungen müssen nun zeigen, inwieweit sich diese Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen.
Kleine Schönheitsfehler
Die Aptamere gelten in der Medizin als besonders aussichtsreiche neue Klasse von Wirkstoffen. Sie sind nicht nur äußerst stabil, sondern lassen sich außerdem - durch unterschiedliche Kombination ihrer Bausteine - theoretisch in eine Vielzahl von Medikamenten verwandeln. Zu den Vorzügen der eiweißbindenden Moleküle gehört ferner, daß man hieraus offenbar extrem zielgenaue und schlagkräftige Arzneimittel erzeugen kann. So soll sich das von den amerikanischen Forschern beschriebene gerinnungshemmende Aptamer 5.000mal so stark an den Gerinnungsfaktor IXa binden wie an enge Verwandte dieses Proteins.
Die neuen Hoffnungsträger besitzen gleichwohl auch einige Schönheitsfehler. Da sie nicht in das Zellinnere eindringen können, beschränkt sich ihr Wirkungskreis auf den extrazellulären Raum. Auch hält ihr Effekt nur kurzfristig an, da sie von den Nieren rasch ausgeschieden werden. Experten hoffen aber, daß sich diese Hürden in Zukunft überwinden lassen.