Jeden Tag dreitausend Todesopfer, die meisten davon Kinder. Der Blutzoll, den die Malaria fordert, ist beispiellos. Keine Krankheit kostet mehr Leben. Und wenn auch die Staatengemeinschaft in ihren „Milleniumszielen“ und die Weltbank mit ihrem vor sechs Jahren abgegebenen Versprechen, die Zahl der Opfer zu halbieren, in die Offensive gegangen sind, so bleibt die Parasitenkrankheit doch der schlimmste Feind zumal der Armen in den Entwicklungsländern.
Mit knapp 850 Millionen Dollar hatten sich die Beiträge der Staaten und Spender an die Weltgesundheitsorganisation seit 2003 zuletzt verdoppelt. Moskitonetze wurden finanziert, Pillen gekauft und Gelder für Insektenvernichtungskampagnen invesitiert, doch weiter zählt man jährlich ein bis anderthalb Millionen Opfer unter der geschätzten viertel bis halben Milliarde Menschen, denen die Mücken Jahr für Jahr neu die gefürchteten Parasiten übertragen.
Unwirksame Medikamentenfälschungen unterwegs
Vor ein paar Wochen dann eine neue Hiobsbotschaft: Mehr als die Hälfte der in Südostasien kursierenden Artemisin-Tabletten sind unwirksame Fälschungen - Scheinpräparate aus industrieartig betriebenen Fabriken, die in täuschend echt aussehenden Verpackungen unter die Leute gebracht werden. Amerikanische und britische Forscher berichteten über die gefährlichen Machenschaften in der Zeitschrift „Plos Medicine“ (doi: 10.1371/journal.pmed.0030197). Oft enthalten die falschen Pillen geringe Spuren des Pflanzenwirkstoffs. Eine Praxis, die die Ausbreitung von resistenten Parasiten fördert.
Schon ein paar Monate vorher warnte die Weltgesundheitsorganisation, daß Artemisin als neueste Mittel der Wahl schon nach wenigen Jahren ähnlich versagen könnte wie Chloroquin, das wegen der Resistenzen inzwischen in mehr als der Hälfte der Therapieversuche wirkungslos bleibt. Trozdem werden noch immer die meisten, in Afrika bis zuletzt mehr als neunzig Prozent der Kinder, mit Chloroquin behandelt. Und nun, so die Weltgesundheitsorganisation, riskieren Pharmafirmen die Situation zu verschärfen, weil sie die neuen Artemisin-Tabletten als Monotherapie verkaufen. Längst nämlich hat sich gezeigt, daß das Artemisin zusammen mit einem weiteren Antimalariamittel, als „Artemisin Combination Therapy“, kurz ACT, nicht nur wirksamer, sondern auch weniger anfällig für Resistenzentwicklung ist.
Durchmusterung von 2.687 Arzneiwirkstoffen
Wie lange diese Hoffnung der Therapeuten lebt, ist allerdings fraglich. Und deshalb suchen Forscher weiter intensiv nach neuen und vor allem auch preiswerten Präparaten, die das erodierende Antimalaria-Arsenal auffrischen. Auf eine solche vielversprechende Subtanz sind Wissenschafler der Johns Hopkins University School of Medicine bei der Durchmusterung von nicht weniger als 2.687 alten und neuen Arzneiwirkstoffen gestoßen: Astemizol heißt der Überraschungsfund. Das Mittel war 1983 als Heuschnupfenpräparat auf den Markt und bald in 106 Ländern vertrieben worden.
Astemizol, und noch besser dessen Abbauprodukt im Stoffwechsel, Desmethylatsemizol, blockierten auf überraschend effiziente Weise in den Tierexperimenten die Vermehrung von Plasmodium-Erregern, die gegen Chloroquin resistent waren. Wie die Forscher in der Online-Ausgabe der Zeitschrift „Nature Chemical Biology“ berichten, ist das zu den Antihistaminika zählende Mittel zwar nur noch in dreißig Ländern verfügbar, weil es bei längerer Anwendung gewisse Herzrisiken offenbarte. Da es aber in der Malariatherapie nur vorüberhend verwendet würde und wegen des längst ausgelaufenen Patentschutzes günstig herzustellen wäre, sehen die Forscher darin eine Chance insbesondere für die Entwicklungsländer.
