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Medikamente Bluthochdruck unter Druck

18.09.2007 ·  Bluthochdruck muss konsequent therapiert werden, doch unangenehme Nebenwirkungen der Medikamente schrecken Patienten oft vor regelmäßiger Einnahme ab. Der neue Wirkstoff Aliskiren soll verträglicher sein, doch bis auf den Markt ist noch ein weiter Weg.

Von Nicola von Lutterotti
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Zur Behandlung des Bluthochdrucks gibt es genügend wirksame Medikamente. Dennoch wird das Arsenal an einschlägigen Mitteln regelmäßig durch neue Wirkstoffe vergrößert, wie nun durch Aliskiren. Denn trotz der großen Auswahl lässt die Therapie von Patienten mit Bluthochdruck immer noch zu wünschen übrig. Eine unrühmliche Spitzenstellung nimmt in dieser Hinsicht offenbar Deutschland ein.

Wie der Nephrologe Eberhard Ritz von der Universität Heidelberg auf dem kürzlich in Wien stattgefundenen Europäischen Kardiologenkongress erläuterte, sind hierzulande nur sieben Prozent der männlichen und dreizehn Prozent der weiblichen Betroffenen hinreichend behandelt. In den anderen europäischen Ländern sieht es freilich nicht viel besser aus.

Viele Betroffene halten ihr Leiden für heilbar

Dass die Therapie derart unbefriedigend ist, beruht zu einem erheblichen Teil auf dem fehlenden Leidensdruck der Betroffenen. Denn ein erhöhter Blutdruck verursacht in aller Regel keine Beschwerden, und die Folgen - darunter Herzschwäche, Schlaganfall, Nierenversagen, Herzinfarkt und Demenz - treten meist erst nach Jahren zutage. Daher wird das Leiden oft entweder übersehen oder nicht ernst genommen.

Nur etwa die Hälfte aller Betroffenen soll etwas von der Krankheit ahnen, und bei den Übrigen sind - wie die einschlägigen Zahlen aus Deutschland belegen - hinreichend kontrollierte Blutdruckwerte eher die Ausnahme als die Regel. Das lässt sich nicht allein den Ärzten anlasten. Vielmehr tragen auch falsche Vorstellungen der Patienten zu diesem Missstand bei. Offenbar halten einige Betroffene das Leiden für heilbar und setzen die Mittel daher wieder ab, sobald der Blutdruck gefallen ist („Lancet“, Bd. 370, S. 591).

Verträglichkeit der Behandlung ist wichtig

Einer konsequenten Therapie im Wege stehen auch als störend empfundene Nebenwirkungen der Medikamente. Gerade bei so beschwerdearmen Krankheiten wie dem Bluthochdruck hängt die Therapietreue maßgeblich von der Verträglichkeit der Behandlung ab. Erfahrungsgemäß bleiben die Tabletten umso eher in der Schachtel, je stärker sie die Lebensqualität beeinträchtigen. Großes Interesse besteht daher seit jeher an Hochdruckmitteln, die wirksam sind, ohne den Patienten zu belasten.

Für einen aussichtsreichen Kandidaten halten viele Experten das bislang erst in den Vereingten Staaten zugelassene Aliskiren. Es handelt sich hierbei um einen Renin-Inhibitor, einen neuartigen Wirkstoff, der die Bildung des Hormons Angiotensin hemmt. Angiotensin trägt zur Steigerung des Blutdrucks bei. Zwar gibt es schon mehrere Wirkstoffe, die diesen Kreislaufregulator in Schach halten. Hierzu zählen die ACE-Hemmer und Angiotensin-Gegenspieler. Anders als diese greift der Renin-Inhibitor jedoch nicht erst ein, wenn schon Angiotensin entstanden ist. Vielmehr hindert er das Enzym Renin daran, Angiotensin aus dem Vorläuferprotein herzustellen. Er unterdrückt damit den ersten Schritt im Werdegang dieses Hormons.

So wenig Nebenwirkungen wie ein Placebo

Wie die bisherigen Beobachtungen nahelegen, senkt Aliskiren den Blutdruck ebenso nachhaltig wie die ACE-Hemmer und die Angiotensin-Gegenspieler. Außerdem scheint es ebenso wenig Nebenwirkungen zu haben wie ein Scheinpräparat (Placebo). Das letzte Wort ist damit freilich noch nicht gesprochen. Um sich gegen die vielen anderen Blutdruckmittel behaupten zu können, muss ein neues Präparat auch langfristig wenig Nebenwirkungen zeigen.

Zudem sollte es den anderen Medikamenten in mancher Hinsicht überlegen sein, etwa was den Einfluss auf Begleiterkrankungen angeht. Wie Friedrich Luft von der Charité in Berlin auf der Kardiologentagung sagte, unterdrückt Aliskiren die Aktivität des Angiotensin-Systems noch nachhaltiger als die ACE-Hemmer und Angiotensin-Gegenspieler. Denkbar sei daher, dass es die Folgeschäden des Bluthochdrucks, etwa die Herzschwäche, noch besser abzuwenden vermag. Ob das zutrifft, muss sich freilich erst noch weisen.

Sparzwänge im Gesundheitswesen

Ob jemals ein Renin-Inhibitor auf den Markt kommen würde, war noch bis vor wenigen Jahren ungewiss. Seit Dekaden haben sich Wissenschaftler in aller Welt um die Entwicklung eines solchen Medikaments bemüht, jedoch ohne großen Erfolg. Die Herstellung eines wirksamen, in Tablettenform anwendbaren Renin-Inhibitors hat ungeahnte Schwierigkeiten bereitet.

Ob sich der enorme Aufwand gelohnt hat, wird die Erfahrung zeigen. Am seidenen Faden hängt die Zukunft des neuen Hochdruckmittels auch aus finanziellen Gründen. Angesichts der Sparzwänge im Gesundheitswesen haben neue und damit meist kostspieligere Medikamente nämlich in der Regel keine gute Ausgangsposition.

Quelle: F.A.Z., 19.09.2007, Nr. 218 / Seite 34
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