Home
http://www.faz.net/-gx3-74hf9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Mammographie-Studie Werden Brusttumoren zu häufig übersehen?

Erstmals lässt sich die Qualität des deutschen Screening-Programms einschätzen. Die neuen Mammographie-Daten sollen Orientierung bieten für Patientinnen und Ärzte.

© dpa Vergrößern MRT-Bild eines Brust-Tumors

In Deutschland werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre zum Mammographie-Screening eingeladen. Durch diese Früherkennungsmaßnahme sollen mit der Zeit immer weniger Frauen an Brustkrebs sterben. Ob dies tatsächlich gelingen wird, lässt sich frühestens zehn Jahre nach dem Beginn eines bevölkerungsweiten Programms feststellen. Weil das bundesdeutsche Mammographie-Screening erst zwischen 2005 und 2009 eingerichtet worden ist, wird man sich bei der Beurteilung seiner Effektivität noch eine Zeitlang auf Behelfsgrößen stützen müssen. Eine der Wichtigsten ist die Zahl der Intervallkarzinome. Das sind die Brustkrebserkrankungen, die nicht beim Screening entdeckt werden, sondern zwischen zwei Reihenuntersuchungen.

Diese Zahl kann nur durch einen aufwendigen Datenabgleich mit den Landeskrebsregistern ermittelt werden. Das setzt voraus, dass die Bundesländer entsprechende Gesetze erlassen haben, was längst nicht überall der Fall ist. Deshalb wird diese Zahl auch nicht von der Kooperationsgemeinschaft Mammographie erhoben, die das Programm regelmäßig evaluiert und für die Qualitätssicherung zuständig ist. Oliver Heidinger vom Epidemiologischen Krebsregister Nordrhein-Westfalen und seine Kollegen haben jetzt erstmals einen Datenabgleich für das bevölkerungsreichste deutsche Bundesland gemacht und damit einen der wichtigsten Qualitätsparameter für das deutsche Mammographie-Screening vorgelegt (“Deutsches Ärzteblatt“, Bd. 109, S. 781). Ausgewertet wurde die Zeit zwischen 2005 und 2008, was der ersten Screening-Runde und dem anschließenden Zwei-Jahres-Intervall in Nordrhein-Westfalen entspricht. In diesem Zeitraum nahmen 885 940 Frauen an dem Programm teil. 7176 Frauen erhielten beim Screening die Diagnose Brustkrebs. Das sind 81 Erkrankungen pro zehntausend Teilnehmerinnen.

Jeder fünfte Tumor ist ein Intervallkarzinom

2036 von 878764 Frauen, deren Brustgewebe beim Screening als unauffällig eingestuft worden war, wurden vor der nächsten anstehenden Reihenuntersuchung mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert. Damit hatten 23 von zehntausend Frauen ohne Auffälligkeiten im Mammographie-Screening wenig später ein Intervallkarzinom. 78 Prozent der Brustkrebserkrankungen wurden beim Screening entdeckt, 22 Prozent zwischen zwei Reihenuntersuchungen. Damit war jeder fünfte in Nordrhein-Westfalen entdeckte Brusttumor ein Intervallkarzinom. „Die beobachteten Intervallkarzinomraten sind mit den Resultaten langjährig etablierter Mammographie-Screening-Programme in anderen europäischen Ländern vergleichbar“, schreiben Heidinger und seine Kollegen im „Deutschen Ärzteblatt“.

Was bedeutet dies nun für die Qualität des deutschen Programms? Zunächst einmal heißt es, dass die an der Behelfsgröße „Intervallkarzinome in Nordrhein-Westfalen“ festgemachte Güte der Güte anderer europäischer Programme entspricht. Für eine weiter reichende Qualitätsdebatte müsste aber die Frage nach den Ursachen für die Intervallkarzinome beantwortet werden. „Wie kann es passieren?“, fragen auch Maria Blettner vom Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik an der Universität Mainz und Sylke Ruth Zeissig vom Krebsregister Rheinland-Pfalz in einem begleitenden Kommentar, „dass innerhalb von weniger als zwei Jahren nach einer Mammographie mit unauffälligem Befund ein Tumor mehr oder weniger zufällig, zum Beispiel durch eine Selbstuntersuchung, entdeckt wird?“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
NSU-Morde Jetzt untersucht auch Nordrhein-Westfalen

Viele Fragen zur Mordserie des rechtsextremen NSU sind noch offen. Nun will auch der Landtag in NRW Verbrechen untersuchen, die bislang nicht eindeutig der Terrorzelle zugeordnet werden konnten. Mehr Von Reiner Burger, Düsseldorf

28.10.2014, 16:09 Uhr | Politik
Kim Jong-un Neue Fotos von Nordkoreas Machthaber

Das nordkoreanische Fernsehen hat neue Bilder von Machthaber Kim Jong-un veröffentlicht. In Begleitung seiner Frau und hochrangiger Militärvertreter soll er hier zu sehen sein bei der Inspektion eines neuen Restaurants für Soldaten. Wann und wo diese Aufnahmen entstanden, wurde nicht gesagt. Mehr

29.10.2014, 14:23 Uhr | Politik
Partikeltherapie in Marburg Hoffnung für bis zu 750 Patienten im Jahr

Die 120 Millionen Euro teure Marburger Partikeltherapieanlage galt schon als gescheitert. Jetzt soll sie im nächsten Herbst doch in Betrieb gehen. Offen ist, ob die Anlage zumindest kostendeckend betrieben werden kann. Mehr Von Wolfram Ahlers, Marburg

24.10.2014, 14:21 Uhr | Rhein-Main
Blackbox eventuell geborgen

Aufnahmen aus der Ostukraine zeigen offenbar die Bergung eines Flugschreibers von Flug MH17. Unterdessen werden die Leichen Dutzender Insassen des mutmaßlich über der Ukraine abgeschossenen Passagierflugzeugs nun anscheinend in Eisenbahn-Kühlwaggons aufbewahrt. Mehr

20.07.2014, 17:02 Uhr | Politik
Verkauf der Warhol-Bilder Vermögensbegründung à la Hannelore Kraft

Die Warhol-Werke der landeseigenen Westspiel einem landeseigenen Museum zu schenken oder dauerhaft zu leihen, kommt für die Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens nicht in Frage. Was Hannelore Kraft zum Verkauf der Warhol-Bilder so alles verschweigt. Mehr Von Andreas Rossmann

22.10.2014, 12:22 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.11.2012, 12:54 Uhr

Antibiotika-Notstand in der Medizin

Von Joachim Müller-Jung

Immer mehr Antibiotika werden unwirksam, die Opferzahlen steigen seit Jahren. Und der Bundesminister? Der tut bestürzt und pflegt die politische Tradition: im Hintergrund bleiben. Mehr 2 83