21.12.2005 · Die erste Geburt eines deutschen Babys nach einer sogenannten In-vitro-Maturation läßt viele Fragen offen. Zwar könnte die neue Methode der künstlichen Befruchtung die Risiken für Mutter und Kind senken. Aber man weiß es nicht genau.
Von Martina Lenzen-SchulteZum ersten Mal ist in Deutschland ein Kind geboren worden, das nicht nur künstlich durch eine Reagenzglasbefruchtung gezeugt wurde, sondern das selbst aus künstlich im Labor gereiften Eizellen hervorgegangen ist. Vor wenigen Tagen ist der Junge - gesund, wie seine 31 Jahre alte Mutter - an der Universitätsfrauenklinik Lübeck zur Welt gekommen.
Das neue Verfahren, die „In-vitro-Maturation“, kurz IVM, ermöglicht es, noch unreife Eizellen aus dem Eierstock einer Frau zu entnehmen, im Reagenzglas über Stunden bis Tage heranreifen zu lassen und sie dann - wie bei der herkömmlichen In-vitro-Fertilisation - mit Samenzellen zu befruchten. Die Embryonen werden dann wie üblich in die Gebärmutter eingesetzt. Klaus Diedrich, der Direktor der Lübecker Universitätsfrauenklinik, sieht darin langfristig eine Ergänzung zu den bisherigen Behandlungen für ungewollt Kinderlose. Insbesondere die gesundheitlichen Gefahren, die bei herkömmlicher, wochenlanger Hormonbehandlung vor einer künstlichen Befruchtung der Frau drohen, sollen auf diese Weise umgangen werden.
Eine einzige Eizelle reicht nicht aus
Normalerweise reift bei Frauen im gebärfähigen Alter jeden Monat nur eine einzige Eizelle heran. Diese verläßt den Eierstock, wandert über den Eileiter in die Gebärmutter und kann auf der Wanderung von einer Samenzelle befruchtet werden, um sich dann einzunisten. Für eine künstliche Befruchtung im Labor reicht indes eine einzige Eizelle nicht aus, weil man dann fast überhaupt keine Erfolgschancen für eine Schwangerschaft hätte. Daher stimuliert man die Eierstöcke mit Hormonen und treibt so oft mehr als zehn Eizellen zur Reifung. Diese werden mittels eines Baucheingriffs entnommen und im Labor befruchtet.
Bis zu acht Prozent der Frauen, die sich einem derartig belastenden Hormonstress unterziehen, müssen mit einer „Überstimulation“ rechnen. Die hohen Hormondosen bewirken, daß vermehrt Wasser aus den Blutgefäßen ins Gewebe und in die Körperhöhlen austritt. Die Eindickung des Blutes begünstigt das Entstehen von Gerinnseln und Embolien. Über Erbrechen, Unwohlsein, Durchfall, Wasseransammlungen im Bauch und Luftnot kann es sich bis zum lebensbedrohlichem Organversagen steigern. Ein Vorteil des neuen Verfahrens wird auch darin gesehen, krebskranken jungen Frauen eine Möglichkeit zu bieten, sich vor einer die Eierstöcke schädigenden Chemotherapie unreife Eizellen entnehmen und einfrieren zu lassen, um diese womöglich zu einem späteren Zeitpunkt für die Erfüllung ihres Kinderwunsches zu nutzen.
Vieles noch unverstanden
Obwohl bereits weltweit mehrere Kinder mit der In-vitro-Maturation gezeugt wurden, muß man derartige Versuche immer noch als experimentell bezeichnen. Die Vorgänge um die Eizellreifung sind keineswegs so verstanden, daß man sie tatsächlich im Labor perfekt nachzuahmen in der Lage wäre. Das zeigen insbesondere auch die Ergebnisse, die Tiermediziner gewonnen haben. Peter Farin von der North Carolina State University im amerikanischen Raleigh weist in einem umfassenden Beitrag für die Fachzeitschrift „Theriogenology“ (Bd. 65, S.178) darauf hin, daß sich 50 bis 80 Prozent der in einem Organismus heranreifenden Eizellen nach einer Befruchtung teilen, aber unter den künstlichen Bedingungen im Reagenzglas schaffen das nur 15 bis 40 Prozent. Die Folgen für die Wachstumsvorgänge im Embryo und Fetus seien derzeit nicht abschätzbar. Vergleichsbeobachtungen an Kälbern haben ergeben, daß nach der künstlichen Eizellreifung schwerere Tiere heranreifen.
Überdies haben Untersuchungen an menschlichen Embryonen ergeben, daß diejenigen, die aus einer im Labor gereiften Eizelle entstanden sind, nahezu in achtzig Prozent der Fälle Chromosomenschäden aufwiesen, während die zum Vergleich herangezogenen Biopsien an einer Kontrollgruppe von Embryonen, die ebenfalls künstlich befruchtet worden waren, rund sechzig Prozent fehlverteilter Chromosomen erkennen ließen. Die Wissenschaftler machen darauf aufmerksam, daß man die potentiellen Eltern über dieses höhere Risiko aufklären müsse. Die Lübecker Forscher verweisen darauf, daß das neue Verfahren kostengünstiger sei als die hochdosierte und teure Hormongabe zur Eierstocksstimulation. In Internetforen für betroffene Paare (etwa http://www.wunschkinder.net/forum/) wird die künstliche Eizellreifung indes durchaus zwiespältig diskutiert.