Kinderärzte, Frauenärzte und Hebammen protestieren gemeinsam gegen die anhaltenden und dreisten Werbekampagnen der Hersteller von industrieller Säuglingsnahrung. Eine Stellungnahme zu diesem Thema ist jetzt auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zu finden (www.dgkj.de). Die Fachleute begründen die Aktion auch im "Deutschen Ärzteblatt" (Bd. 108, S. A2268) - unter Federführung von Berthold Koletzko, einem ausgewiesenen Experten für Säuglingsernährung vom Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universitätsklinik München.
"Wir sind nicht gleich an die Öffentlichkeit gegangen, sondern haben zunächst über Monate das Gespräch mit den Herstellern gesucht", begründet Koletzko das Vorgehen. Das hatte jedoch keine Konsequenzen. Was die Ärzteverbände jetzt außerdem Alarm schlagen lässt, ist die unzureichende Umsetzung internationalen Rechts in Deutschland. Dabei sind die hierfür weltweit gültigen Standards im "Codex Alimentarius" der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar unter deutschem Vorsitz formuliert worden.
Für die Werbung gibt es Schlupflöcher
Hierzulande soll die Diätverordnung die Codex-Vorschriften durchsetzen helfen. Jedoch: "Die Diätverordnung verbietet lediglich, öffentlich für Säuglingsanfangsnahrung zu werben, aber nicht für die Folgemilchprodukte", benennt Koletzko das Schlupfloch. "Des weiteren appellieren wir an die Überwachungsbehörden der Länder, klare Verstöße endlich zu ahnden", fordert er weiter. So darf Ersatzmilch weder mit Hilfe von Slogans noch über Bildmaterial idealisiert werden. Nicht nur Worte wie "humanisiert" oder "maternisiert" sind tabu. Auch die Aussage "nach dem Vorbild der Muttermilch" auf industriellen Milchpulvern schreibt ihnen Eigenschaften zu, die sie schlicht nicht haben. Die Darstellung von stillenden Frauen mit Begleittexten, die künstliche Säuglingsnahrung nahe an dieses "Wunder der Natur" rückt, ist laut Ärzteblatt eine Irreführung.
Dass die industriell hergestellte Babynahrung gerade nicht an das natürliche Vorbild heranreicht, darin sind sich Mediziner so einig wie kaum sonst in einem Punkt. Immer öfter bestätigen neuere Studien die Überlegenheit der Muttermilch. Dass sie den Nährstoffbedarf des Säuglings am besten deckt oder die Risiken für infektiöse Durchfallerkrankungen und für Mittelohrentzündungen senkt, sind nicht die einzigen Vorteile. Langfristig sind gestillte Kinder besser ernährt, ihr Risiko, bereits als Kind übergewichtig oder adipös zu werden, ist um zwanzig Prozent geringer. Unlängst wurde sogar gezeigt, dass selbst übergewichtige Neugeborene von diabeteskranken Müttern durch Stillen häufig wieder im ersten Jahr zum Normgewicht finden. Bei gestillten Kindern lässt sich ein besonders günstiges Antikörpermuster im Blut nachweisen, das offenbar mit weniger Allergien einhergeht und das sich auch mit Hilfe von "hypoallergerner" Kunstmilch nicht kopieren lässt. Stillen erweist sich zunehmend als Schutzfaktor für die Nerven und verbessert die kognitive Leistungsfähigkeit, wovon vor allem die gefährdeten Frühgeborenen zu profitieren scheinen. Eine jüngste Veröffentlichung deutet darauf hin, dass Stillen auch die Schmerzen mildert, die etwa auf der Neugeborenen-Intensivstation beim Blutabnehmen entstehen. Muttermilch wird als so wertvoll erachtet, dass oft selbst HIV-infizierte Mütter besser stillen sollten, weil das Risiko einer Ansteckung über die Muttermilch weit geringer wiegt als der Verzicht auf die Vorteile für das Immunsystem. Gleiches gilt für drogenabhängige Mütter unter Substitutionstherapie mit Methadon oder Buprenorphin - selbst die Gefahr einer Abhängigkeit von Opiaten rechtfertigt nicht automatisch den Verzicht auf das Stillen, lautet das Fazit einer Arbeitsgruppe an der Uniklinik Göttingen.
Zu wenige Mütter stillen so lange wie empfohlen
In Deutschland wird empfohlen, einen Säugling möglichst vier Monate ausschließlich zu stillen, die WHO gibt sogar sechs Monate vor. Hierzulande stillt allerdings nur etwa jede siebte Mutter sechs Monate lang, ohne zuzufüttern, wie sich aus einer Erhebung in Bayern ableiten lässt. In den ersten Wochen sind es jedoch noch gut neunzig Prozent. Gerade in der Anfangsphase mit dem Säugling sind viele Mütter verunsichert und überfordert. Die idyllischen Bilder von den darauf stets zufrieden blickenden Flaschenbabys treffen den wunden Punkt genau und können noch den besten Stillvorsatz zum Kippen bringen. Exakt für diese Situation wurden die Idealisierungsverbote im Codex Alimentarius formuliert - nur anwenden müsste man sie. Martina Lenzen-Schulte
