13.07.2005 · Eine neue Studie über die Therapie von Lungenkrebs zeigt: Patienten mit einer aggressiven Form leben länger durch eine Chemotherapie. Auch die starken Nebenwirkungen können immer besser behandelt werden.
Von Hildegard KaulenDas nichtkleinzellige Lungenkarzinom zählt zu den aggressivsten Krebserkrankungen. Lange Zeit stand man diesem Krebs, der unbehandelt schnell zum Tode führt, nahezu machtlos gegenüber.
Eine Veröffentlichung in der Zeitschrift „New England Journal of Medicine“ markiert nun einen Wendepunkt (Bd.352, S.2589). Sie steht am Ende einer langen Suche nach neuen Therapien und beschreibt die letzte von vier klinischen Studien, die allesamt den Wert einer nach der operativen Entfernung des Tumors verabreichten Chemotherapie belegen.
Überlebensvorteil nicht für alle Stadien
Die zehnjährige Studie wurde in Kanada und den Vereinigten Staaten vorgenommen. Sie schloß annähernd fünfhundert Patienten. Sie zeigt, daß Patienten, die nach der vollständigen Entfernung des Lungenkarzinoms die Zellgifte Cisplatin und Vinorelbin erhalten, ihre durchschnittliche Überlebensdauer um zwanzig Monate verlängern. Das ist bei einer Erkrankung, bei der sich Überlebensvorteile bisher nur in Tagen oder wenigen Wochen bemessen ließen, ein großer Erfolg.
Mit Operation und anschließender Chemotherapie aus Cisplatin und Vinorelbin sind fünf Jahre nach der Diagnose noch 69 Prozent der Patienten mit einem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom am Leben, ohne Chemotherapie sind es nur 54 Prozent. Das entspricht einer Steigerung von fünfzehn Prozent. Der in der Studie dokumentierte Überlebensvorteil gilt allerdings nicht für alle Stadien der Erkrankung gleichermaßen. Die besten Ergebnisse wurden mit dem Stadium II erzielt. In diesem Stadium ist der Tumor bereits in die neben dem Bronchialast liegenden Lymphknoten eingedrungen. Im Stadium IB, in einer früheren Phase der Erkrankung ohne Lymphknotenbefall, waren die Ergebnisse weniger beeindruckend. Ein Überlebensvorteil zeigte sich allerdings auch da. Die Chemotherapie kann zudem für nichtkleinzellige Lungenkarzinome empfohlen werden, bei denen sich erst während der Operation herausstellt, daß sie bereits bis in die Lymphknoten des Mittelfells reichen.
Bessere Behandlung der Nebenwirkungen
Der Überlebensvorteil ist allerdings nicht ohne Nebenwirkungen zu haben. Wie der Studienleiter Timothy Winton vom National Cancer Institute in Kingston, Kanada, betonte, waren die Nebenwirkungen der Chemotherapie zum Teil so groß, daß die Hälfte der Patienten nicht die volle Dosis der Zellgifte erhalten konnten. Zu den schwerwiegendsten Folgen zählte eine Neutropenie, das heißt eine Verringerung spezieller, an der Immunabwehr beteiligter Blutzellen. Bei jedem vierzehnten Patienten führte dies zu einer fiebrigen Entzündung. Wenn sich daraus eine Lungenentzündung entwickelt, kann es zu lebensbedrohlichen Komplikationen kommen. Beim Stadium IB, wo der Wert der Chemotherapie weniger ausgeprägt ist, sollten nach Ansicht Wintons Nutzen und Risiken deshalb sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. Der Brechreiz, der ebenfalls eine schwere Nebenwirkung der Chemotherapie ist, wurde bei allen Patienten mit einem speziellen Wirkstoff unterdrückt.
Die Nebenwirkungen waren bei manchen Patienten Anlaß für den Abbruch der Behandlung. Vermutlich werden viele Patienten nach dem Bekanntwerden des beträchtlichen Überlebensvorteils aber eher bereit sein, diese Nebenwirkungen zu tolerieren. Wie Michael Thomas von der Thoraxklinik am Universitätsklinikum Heidelberg betont, können die meisten Nebenwirkungen heute besser durch eine Begleittherapie behandelt werden, als dies zum Zeitpunkt der Studie möglich war. Eine breite Anwendung sollte deshalb grundsätzlich möglich sein. Thomas erwartet zudem, daß die Studienergebnisse zu neuen Empfehlungen führen werden. Eine nach der Operation verabreichte Chemotherapie mit einer platinhaltigen Verbindung und einem Kombinationspartner könnte darin einen festen Platz haben.