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Samstag, 11. Februar 2012
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Krebstherapie Gezielter Angriff mit Killerzellen

04.06.2010 ·  Der Versuch, mit Impfstoffen gegen Krebs zu kämpfen, glich lange einer Achterbahnfahrt. Mit der ersten Zulassung hat die Tumormedizin nun starken Aufwind bekommen.

Von Hildegard Kaulen
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Die immunologische Krebsbekämpfung steht vor einem Umbruch. Mit dem ersten therapeutischen Impfstoff gegen Prostatakrebs ist ein Produkt zugelassen worden, das dem Immunsystem hilft, Krebszellen aufzuspüren und zu vernichten. Der in den Vereinigten Staaten unter dem Namen "Provenge" vermarktete Impfstoff löst die Fahndung durch speziell aufbereitete Immunzellen des Patienten aus.

Die Idee, Krebs durch das Immunsystem beseitigen zu lassen, ist mehr als hundert Jahre alt. Damals war dem in New York ansässigen Arzt William Coley aufgefallen, dass ein Bindegewebstumor kleiner geworden war, nachdem sich die Patientin von einer schweren Wundinfektion erholt hatte. Offensichtlich war das durch die Infektion angestachelte Immunsystem auch gegen den Tumor aktiv geworden.

Kick für das Immunsystem

Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Konzepte für die Immuntherapie bei Krebs entwickelt. Bei der aktiven Immunisierung werden Killerzellen gegen den Tumor in Stellung gebracht, indem man den Krebs wie bei einer normalen Impfung zur Fahndung ausschreibt. Dazu werden dem Körper entweder Tumor-Antigene gespritzt, die dann eine mehrstufige Immunantwort in Gang setzen, oder mit Antigenen beladene Zellen auf den Weg geschickt, die den Immunzellen das Antigen präsentieren und passende Killerzellen auf den Tumor hetzen.

Im ersten Fall spricht man von einer Peptid- oder Proteinvakzine, im zweiten Fall von einer zellulären Vakzine. Beide verhindern keinen Krebs, sondern geben dem Immunsystem einen entscheidenden Kick für die Tumorabwehr. Bei einer passiven Immunisierung wird der Krebspatient mit vorgefertigten Antikörpern behandelt. Ihre Wirkung ist geborgt und verblasst, sobald die verabreichten Antikörper aus dem Blut verschwunden sind.

Während die Therapie mit Antikörpern wie dem Herceptin gegen Brustkrebs zu eindrucksvollen Behandlungserfolgen führt, hat sich die Entwicklung der Tumorimpfstoffe als Achterbahnfahrt erwiesen. Die klinische Entwicklung ist mit Fehlschlägen gepflastert. Viele Tumorimpfstoffe zeigten in der Frühphase der Entwicklung eine vielversprechende Wirkung und konnten sogar einzelne Patienten heilen, versagten aber in den großen klinischen Studien.

Wall aus T-Zellen

Dennoch wurde nach Ansicht von Elke Jäger und Julia Karbach vom Krankenhaus Nordwest in Frankfurt bei der Entwicklung der Tumorimpfstoffe keine unnütze Zeit vertan. Jeder Fehlschlag war eine wichtige Lektion. Jäger beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit der aktiven Immunisierung gegen Krebs und hat in verschiedenen Studien mehr als 250 Patienten behandelt. Bei einigen hält die regelmäßige Impfung den Tumor seit Jahren in Schach. Jäger arbeitet mit dem amerikanischen "Cancer Research Institute" zusammen, das von Helen Coley Nauts, der Tochter von William Coley, gegründet wurde.

"Wir haben in den vergangenen Jahren viel gelernt, warum das Immunsystem vor dem Tumor in die Knie geht. Krebszellen erzeugen in ihrem unmittelbaren Umfeld eine Form der Toleranz. Sie umgeben sich mit Botenstoffen und spezialisierten weißen Blutzellen, den regulatorischen T-Zellen, die sie vor den Killerzellen schützen. Es genügt also nicht, dem Immunsystem lediglich ein Fahndungsfoto der Krebszellen zu zeigen, man muss es auch stärker aktivieren und etwas gegen die Toleranz tun. Allerdings darf die Immunisierung nicht in einen Großangriff auf das gesunde Gewebe ausarten."

In Deutschland erforscht seit zwei Jahren auch eine Helmholtz-Allianz das Potential. Zu dem Verbund gehören 21 Arbeitsgruppen aus vier Helmholtz-Zentren und fünf Universitätskliniken. Die Koordination liegt beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Die auf vier Jahre angelegte Zusammenarbeit wird mit 37,5 Millionen Euro gefördert. Die Allianz arbeite daran, so Christof von Kalle vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, die Ergebnisse der Forschung schnell in Strategien für die klinische Immuntherapie umzusetzen. Dabei würden sowohl aktive als auch passive Immunisierungs-Konzepte verfolgt. Gleichzeitig würden auch Methoden entwickelt, mit denen der Therapieerfolg gemessen und bewertet werden könne. Es gehe auch um eine internationale Harmonisierung der Verfahren.

Eingeschränkte Anwendung

Reine Proteinvakzine werden heute nur noch selten gegen Krebs verwendet. Entweder werden die Proteinimpfstoffe zusammen mit einem starken Hilfsstoff, einem sogenannten Adjuvans, gespritzt, oder es werden zelluläre Impfstoffe mit und ohne Adjuvantien verabreicht. Man versucht inzwischen auch, gegen die Toleranz im unmittelbaren Umfeld des Tumors vorzugehen, indem man ein zusätzliches Produkt verabreicht, das den Schutzwall aus regulatorischen T-Zellen ins Wanken bringt. Solche Kombinationstherapien werden auch nach Ansicht von Kalle zunehmend wichtiger werden.

Während sich die Behandlung mit Antikörpern zur vierten Säule der Krebsmedizin entwickelt hat, wird die Behandlung mit Tumorimpfstoffen vermutlich noch einige Zeit lang ein Nischendasein führen. Die Erfahrung habe gezeigt, so Elke Jäger, dass nicht jeder Krebspatient für eine aktive Immunisierung in Frage komme. Ungeeignet sei sie für Patienten, deren Tumor gar nicht mit dem entsprechenden Impf-Antigen ausgestattet sei. Auch ausgedehnte Metastasen in der Leber sprechen kaum auf eine aktive Immuntherapie an.

Wenig hilfreich seien die therapeutischen Impfstoffe zudem bei rasch wachsenden Tumoren. Es dauere eine Weile, bis das Immunsystem nach der Impfung eine spezifische Reaktion gegen den Krebs in Gang gesetzt habe. Ein recht dynamisch wachsender Tumor könnte dem Immunsystem deshalb immer einen Schritt voraus sein. Deshalb komme das Verfahren vor allem bei langsam wachsenden Krebserkrankungen in Frage. Dazu gehören unter anderen Prostata- und Nierenkrebs, schwarzer Hautkrebs sowie Brust- und Lungenkrebs.

Schwierige klinische Studien

Außerdem haben die klinischen Studien mit einem Dilemma zu kämpfen. Die Studienteilnehmer sind Patienten mit fortgeschrittenem Krebs. Auch Provenge ist nicht für die Erstbehandlung des Prostatakrebses zugelassen worden. Die aktive Immunisierung ist allerdings am aussichtsreichsten, wenn sich der Krebs noch nicht allzu stark ausgebreitet hat. In diesem Stadium könnte die Impfung am ehesten zu einer Heilung oder einer lang anhaltenden Lebensverlängerung führen.

Allerdings ist die klinische Wirkung bei diesen Patienten schwerer nachzuweisen, weil sie nicht unmittelbar am Schrumpfen des Tumors abzulesen ist. Heilung oder ein längeres Überleben kann bei diesen Patienten erst nach Jahren nachgewiesen werden. Für die meistens nur auf Wochen oder Monate angelegten klinischen Studien ist dieser Zeitraum zu lang. In Deutschland werden Tumorimpfstoffe bisher nur im Rahmen von klinischen Studien verwendet.

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