13.06.2006 · Daß in absehbarer Zeit der Krebs besiegt sein wird, haben schon einige behauptet. Sie hatten stets unrecht. Jetzt hoffen manche Forscher auf neue, molekulare Therapien.
Von Volker StollorzFünf Jahre ist die Premiere schon her. Doch Imatinib taugte auch auf dem diesjährigen Weltkongreß der Krebsmediziner als Glanzlicht. Der Wirkstoff gegen eine seltene Form von Blutkrebs bleibt eine der ganz wenigen Tumortherapien, mit denen es gelingt, gezielt eine molekulare Achillesferse entarteter Zellen zu attackieren. Solche "Targeted Therapies", also gezielte Blockaden des unkontrollierten Wachstums der Zellen, gelten seit Imatinib als die Hoffung der Krebsmedizin.
Glaubt man den Hochglanzbroschüren der Pharmafirmen, wird es bald viele zielgenau in die Biologie des Tumors eingreifende Krebsmittel geben. Doch nach sechs Tagen Vorträgen und Lektüre des 1000seitigen Tagungsbandes verdichtet sich auch nach der diesjährigen Versammlung der American Society of Clinical Oncology, zu der 25 000 Ärzte und Forscher aus aller Welt nach Atlanta reisten, ein Eindruck: Der Fortschritt im Kampf gegen den Krebs läuft im Schneckentempo. Gegen fast alle raffinierten Attacken, die Forscher austüfteln, scheinen die Tumorzellen rasch tödliche Antworten zu finden. Ein längeres Überleben der Patienten bemißt sich bisher trotz Therapieinnovation oft allenfalls in Wochen, selten Monaten.
Chronisch statt tödlich
Einzig der Pionier Brian Druker aus Portland konnte sensationelle neue Ergebnisse einer Studie an über 1000 Blutkrebspatienten präsentieren. Danach leben selbst nach fünf Jahren Dauertherapie noch immerhin 89 Prozent der nur mit täglichen Imatinib-Pillen Behandelten. Es gebe, so Druker, erstmals die berechtigte Hoffnung, daß die "meisten Patienten mit chronisch lymphatischer Leukämie (CML) eine Imatinib-Therapie dauerhaft vertragen". Die Zahl der Rückfälle durch Therapieversagen sinke mit jedem weiteren Jahr der Anwendung. Nur wenn die Kranken ihre täglichen Rationen aufgrund schwerer Nebenwirkungen absetzen mußten - was bei fünf Prozent der Fall war -, kehrte der Krebs auch nach Jahren zurück.
Ein weiterer Wermutstropfen: Bei immerhin 18 Prozent der ursprünglich erfolgreich Behandelten verloren verbliebene Tumorzellen ihre Empfindlichkeit gegen den Wirkstoff. Zwar sollen hier ähnlich wirkende, inzwischen als Ersatz entwickelte Substanzen weiterhelfen, wenn Imatinib versagt. Von Heilung mag aber selbst Druker bisher nicht sprechen, denn sobald die Wirkstoffe abgesetzt würden, kehre der Krebs zurück. Wie HIV bedeute CML damit zwar kein Todesurteil mehr, bleibe aber eine chronische Krankheit, die nur mit dauerhaft wirksamen Therapien kontrolliert werden könne.
Keine weiteren Erfolge
Die Mediziner in Atlanta hatten sich eigentlich weitere Erfolgsgeschichten erhofft. Doch obwohl neben Imatinib (Novartis) inzwischen eine erkleckliche Anzahl neuer Wirkstoffe in ersten großen klinischen Studien an weiteren Krebsarten erprobt wurde, bleiben dramatische Erfolge bisher aus. Zwar hat die Welle neuer gezielter Therapien nun auch häufige Tumoren von Lunge, Brust und Darm erreicht. Doch anhaltende Erfolge gibt es bislang nicht zu vermelden. "Wir suchen intensiv nach neuen Kombinationen, die endlich den Durchbruch für häufigere Krebserkrankungen bringen", erklärt Robert Motzer vom renommierten Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York vorsichtig.
Einen jener in Monaten bemessenen Fortschritte gibt es bei Nierenzellkrebs. Um durchschnittlich 17 Wochen konnte das kürzlich in Amerika zugelassene Sutinib, das Blutgefäßneubildung für Tumoren hemmt,das Weiterwachsen bisher unheilbarer Nierenzelltumore aufhalten. Das Realziel bleibt derzeit, Tumore länger zu stabilisieren, bevor sie danndoch wieder weiterwachsen. Motzer weiß, wie schwierig allein dies zu erreichen ist. Seit 20 Jahren hat er "Dutzende" vielversprechende Ansätze erprobt. Erst als Forscher vor einigen Jahren bei einer Erbkrankheit, die zu Nierenkrebs führt, eine molekulare Zielscheibe fanden, keimte bei ihm Hoffnung auf. Denn um diese Zielscheibe zu treffen, hatte die Pharmaindustrie schon bald passende Pfeile im Köcher.
Tumor von der Versorgung abschneiden
Auf dem Kongreß präsentierten Mediziner wie Motzer nun erste Früchte dieser Arbeit. Die Hoffnungen richten sich neben Sutinib (Pfizer) auf Medikamente wie Bevacizumab (Roche), Sorafenib (Bayer) oder das bisher selbst in Amerika noch gar nicht zugelassene Temsorilismus (Wyeth). Alle diese Wirkstoffe sind Variationen eines Themas. Sie sollen rasch wachsende Tumore von ihrer Blutversorgung abschneiden und so das Fortschreiten der Wucherungen verzögern.
Ein weiterer Trend entspringt ebenfalls den Genlabors: Während früher ein Tumor je nach erstem Befallsorgan etwa zu Nieren- oder Brustkrebs erklärt wurde, besteht die Palette heute aus einer Vielzahl verschiedener molekularer Stoffwechselentgleisungen. Es scheint, als führten viele Wege in der Zelle zum Tumor. Deshalb gelte es nun, für jede Variante die jeweils aktuell entscheidende Achillesferse aufzuspüren, fordert Druker.
Vorsicht Wechselwirkungen!
Der gelegentlichen Euphorie stehen viele vorsichtigere Stimmen gegenüber. In Atlanta warnte etwa Michael B. Atkins vom Beth Israel Deacaness Medical Center in Boston die Kollegen. Trotz aller Erfolgsmeldungen etwa beim Nierenzellkarzinom gebe es bisher selbst dort keinen einzigen Patienten, der mit einem kompletten Rückgang seiner Erkrankung auf die Therapie reagiert hätte. Bei "nahezu allen" Kranken werde der Tumor gegenüber der neuen Therapie innerhalb von 6 bis 13 Monaten unempfindlich und streue seine Tochterzellen dann im Körper weiter wie zuvor. Die Hoffnung hier ist, wie bei der CML, daß künftig womöglich eine Abfolge verschiedener Wirkstoffe oder Kombinationen weitere Zeit für den Kranken herauszuschinden hilft.
Atkins kritisierte auch den Trend, immer mehr Zielscheiben in die Therapie aufzunehmen, ohne zu wissen, ob das bei dem individuellen Tumor überhaupt sinnvoll ist. Es könnten so "vermehrt bedrohliche Wechselwirkungen auftreten". Tatsächlich zeigte sich in Atlanta, daß die Kombination mehrerer Targeted Therapies häufig zu schweren Nebenwirkungen führte, die denen der giftigen Chemotherapie vergleichbar waren, die sie eigentlich ersetzen sollen.
Nur wenige Optimisten
Einer, der dennoch an den Erfolg der Kombinationstherapien glaubt, ist der Brustkrebsexperte Eric Winer vom Dana Farber Institute in Boston: "In fünf bis zehn Jahren sollten wir endlich Werkzeuge in Händen halten, mit denen wir die Sterblichkeit durch Krebs deutlich senken können." Er war der einzige in Atlanta, der sich öffentlich so optimistisch äußerte.
Die Pharmafirmen jedenfalls erhöhen ihre Anstrengungen. Innerhalb der nächsten vier Jahre allein soll sich der Weltmarkt für Krebsmedikamente von derzeit rund 25 Milliarden verdoppeln, 400 neue Wirkstoffe werden derzeit am Menschen erprobt. Damit dürfte es künftig einen härteren Wettbewerb um weniger Nebenwirkungen von Krebstherapien geben.
Kosten sind ein Problem
Das sollte die Patienten freuen. Bleibt das Problem der Kosten. In Amerika ist vielen Menschen ohne ausreichende Versicherung schon heute der Zugang zu vielen innovativen Krebstherapien versperrt, die zum Teil pro Jahr 100 000 Euro kosten. Selbst gut verdienende Familien geraten schnell an Grenzen. Mit Blick auf die derzeitige Diskussion um die steigenden Arzneimittelausgaben in Deutschland darf man gespannt sein, wie die Politik das Problem der wachsenden Kosten echter Innovationen in der Krebstherapie entschärfen will. In Frankreich hat man sich dazu entschieden, nachweislich wirksamen und innovativen Arzneimitteln gegen Krebs ein "unlimitiertes Budget" zuzugestehen.
Seit 2003 seien die Ausgaben in dieser Arzneimittelklasse um 66 Prozent gestiegen, betonte David Khayat von Institut National du Cancer. Damit die Kosten insgesamt nicht weiter explodierten, investiere Frankreich verstärkt in eine bessere Qualität der Krankenversorgung. Eine ganze Reihe untauglicher Leistungen oder solche mangelnder Qualität soll ab 2007 aus dem Behandlungskatalog der Onkologen gestrichen werden. Um so Platz für wirklich Neues zu schaffen.