10.03.2004 · Durch die Blockade einer Oberflächenstruktur auf Zellen erreichten Forscher ein gedrosseltes Tumorwachstum und bessere Wirkung der Chemotherapie.
Von Barbara HobomEine weitverbreitete zelluläre Oberflächenstruktur, die in der Krebsforschung bislang kaum Beachtung gefunden hat, gibt unerwarteterweise offenbar ein besonders geeignetes Ziel für die Bekämpfung verschiedenster Formen von Krebs ab. Der Rezeptor für den Insulin-Wachstumsfaktor 1 (IGF-1) kommt sowohl auf gesunden als auch auf entarteten Zellen vor.
Schon länger ist bekannt, daß IGF das Wachstum vieler Tumoren fördert. Es hätte somit nahegelegen, das Krebswachstum mit Hemmstoffen für den Wachstumsfaktor oder dessen Vermittler, den Rezeptor, zu unterbinden. Doch weil die Kommunikation über den IGF-Rezeptor auch bei fast allen normalen Zellen eine Rolle spielt, hatten die Forscher diesen Weg als wenig erfolgversprechend betrachtet und ihn nicht beschritten.
Wachstum von Krebsherden drosseln
Das Versäumte haben nun Wissenschaftler vom Dana Farber Cancer Institute der Harvard Medical School in Boston und des Biomedizinischen Forschungsinstituts der Firma Novartis in Basel nachgeholt. Dabei sind sie zu überraschenden Ergebnissen gelangt. Wie die Forscher um Constantine Mitsiades und Francesco Hofmann nun in der Online-Ausgabe der Zeitschrift "Cancer Cell" berichten, vermag ein niedermolekularer Hemmstoff des IGF-1-Rezeptors im Tierversuch sogar das Wachstum von Krebsherden zu drosseln, die resistent gegenüber der Chemotherapie geworden sind.
Bei dem von Novartis entwickelten Hemmstoff handelt es sich um eine Pyrrolo-Pyrimidinverbindung. Die Forscher haben in zahlreichen Untersuchungen gezeigt, daß der Inhibitor in spezifischer Weise den in das Zellinnere hineinragenden Enzymteil des Rezeptors, eine Kinase, hemmt. Dadurch blockiert er zahlreiche von dem Rezeptor gesteuerte Vorgänge in der Zelle. Manche davon regen die Zellteilung an, andere unterbinden den Zelltod, die Apoptose, und wieder andere leiten zur Versorgung eines Tumors die Bildung neuer Blutgefäße in die Wege. Weil der Inhibitor all diese Aktivitäten drosselt, können Krebszellen in seiner Gegenwart nicht weiterwuchern und auch keine Tochtergeschwülste bilden.
Unerwarteter therapeutischer Effekt
Weil der Rezeptor derart viele Funktionen ausübt, wäre es nicht erstaunlich, wenn seine Blockade schwere Nebenwirkungen hätte. Bei Versuchen mit Mäusen wurden dennoch keine nachteiligen Folgen beobachtet. Die anfängliche Befürchtung, die Blockade des Rezeptors könnte zu Turbulenzen im Insulin-Haushalt und damit zu Störungen im Zuckerstoffwechsel führen, hat sich im Tierversuch als unbegründet erwiesen. Dort zeigte sich vielmehr noch ein weiterer, unerwarteter therapeutischer Effekt.
Hemmte man den Rezeptor bei Mäusen, deren Tumoren nicht mehr auf verschiedene Chemotherapeutika wie Doxorubicin, Melphalan oder Dexamethason ansprachen, so wurde die Resistenz überwunden und die Wirkung der Krebsmittel wiederhergestellt. Die Wissenschaftler vermuten, daß durch die Blockade des IGF-Rezeptors die zur Apoptose führenden Signalwege wieder freigeschaltet werden und die Zytostatika unter diesen Bedingungen den programmierten Zelltod wieder leichter herbeiführen können.
In Versuchen an Zellkulturen hat sich gezeigt, daß der neue Inhibitor gegen eine breite Palette von Krebsarten wirkt. Offensichtlich benötigen praktisch alle entarteten Zellen den Insulin-Wachstumsfaktor für ihre Vermehrung. Zum Überleben gesunder Zellen im ausgewachsenen Organismus scheint dieser Stoff hingegen entbehrlich zu sein. Weil der Insulin-Wachstumsfaktor bei so vielen verschiedenen Krebsarten wachstumsfördernd wirkt, bei Leukämiezellen ebenso wie bei Karzinomzellen der Brust, der Prostata, der Lunge oder des Darms, besteht die Hoffnung, daß man über eine Hemmung des IGF-1-Rezeptors neue Therapien entwickeln kann. Diese wirken womöglich nicht nur gegen therapieresistente Karzinome, sondern auch gegen Formen von Krebs, die wie das Multiple Myelom, das auf unkontrolliert wachsenden Plasmazellen im Knochenmark beruht, bislang besonders schwer zu behandeln sind.