12.02.2007 · Kombinierte Behandlungen werden im Kampf gegen den Krebs immer wichtiger. Um bessere Therapieformen zu entwickeln, ist ein genaueres Verständnis der Entstehung verschiedener Krebsarten notwendig.
Von Stephan SahmBei der Behandlung eines Magentumors ist es mit einer Operation selten getan. Die Mehrzahl der Betroffenen erleidet einen Rückschlag. Selbst bei kleinen Tumoren finden sich schon häufig Tochtergeschwülste in den benachbarten Lymphknoten. Eine Chemotherapie nach einem chirurgischen Eingriff, wie sie sich etwa beim Darmkrebs bewährt hat, verbessert die Prognose der Patienten mit Magenkrebs nicht, wie der österreichische Chirurg Hubert Stein nun auf einer Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Gastroenterologische Onkologie in Salzburg berichtete. Daher haben Wissenschaftler die Behandlung auf den Kopf gestellt.
Wird die Chemotherapie vorangestellt, leben tatsächlich mehr Patienten fünf Jahre nach dem Eingriff. Stein plädierte dafür, die kombinierte Behandlung zum Standard zu erheben. So weit wollte der Krebsspezialist Florian Lordick aus München noch nicht gehen. Doch auch in seiner Klinik an der Technischen Universität werden die meisten Patienten vorbehandelt. Ein schon altbekanntes Zytostatikum, das Cisplatin, hat sich dabei als besonders effektiv erweisen. Die Behandlung wird auch von älteren Patienten gut vertragen, wie Lordick betonte.
Kombination aus Strahlen- und Chemotherapie
Beim Krebs der Speiseröhre verhält es sich nicht anders. Die Behandlung zeitigt besseren Erfolg, wenn die Patienten vor der Operation eine Kombination aus einer Strahlen- und Chemotherapie erhalten. Selbst die Chemotherapie alleine ist schon effektiv. Die Gefahren der Operation erhöhen sich dadurch nicht, während nach einer Strahlenbehandlung häufiger Komplikationen zu erwarten sind. Doch scheint die kombinierte Behandlung erfolgversprechender.
Die Mehrzahl aller Patienten mit Dickdarmkrebs wird heute nach der Operation mit Zytostatika behandelt. Umstritten war bisher, ob auch Patienten, deren Tumoren in einem frühen Stadium entdeckt wurden, von einer solchen Sicherheitschemotherapie profitieren. Auch unter diesen Patienten haben manche ein erhöhtes Risiko, einen Rückschlag zu erleiden. Das gilt vor allem, wenn selbst kleine Tumoren benachbarte Organe infiltrieren oder etwa zu einer Durchdringung des Dickdarms geführt haben. Stefan Kubicka aus Hannover empfiehlt in diesen Fällen, die Patienten nach dem Eingriff sechs Monate lang zu behandeln. Beim Mastdarmkrebs soll die Behandlung mit einer Strahlentherapie kombiniert und selbst in frühen Stadien vor der Operation verabreicht werden.
Behandlungsergebnisse weiter verbessern
Die Aussichten sind günstig, dass die Behandlungsergebnisse noch weiter verbessert werden können. Bei fortgeschrittenem Dickdarmkrebs hat sich die Gabe von Antikörpern bewährt, die gegen Wachstumsfaktoren der Krebszellen gerichtet sind. Jetzt werden diese Substanzen auch im Rahmen der Sicherheitschemotherapie getestet.
Am Rande der Veranstaltung wurde dabei Kritik an der Pharmaindustrie laut. In den derzeit laufenden Studien wird der Effekt einer Therapie über ein Jahr getestet. Die Standardbehandlung dauert aber eigentlich nur halb so lange. Sollte die neue, kostenträchtige Therapie erfolgreicher sein, wären Ärzte verpflichtet, sie ihren Patienten anzubieten. Ein Vergleich mit einer kürzeren und preiswerteren Therapie würde aber Jahre beanspruchen. Auf dem Wege wissenschaftlicher Studien werde so verdeckt Marketing betrieben, klagten die Ärzte.
Verständnis der Krebsentstehung notwendig
Um neue, gezielte Krebstherapien zu entwickeln, ist auch ein genaueres Verständnis der Krebsentstehung notwendig. Dabei rücken gewebetypische, adulte Stammzellen immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses. Bislang nahm man an, dass Krebs der Bauchspeicheldrüse von den Zellen des Drüsenganges den Ausgang nimmt. Im Tierversuch haben Wissenschaftler um Roland Schmid aus München nun gewebetypische Stammzellen als Ursprung ausgemacht. Sie kommen nur in kleiner Zahl in Krebsgeschwülsten der Drüse bei Mäusen vor. Anhand von Oberflächenmarkern lassen sie sich leicht identifizieren. Nur wenn diese Zellen in andere Tiere übertragen werden, entwickeln diese Tiere ebenfalls Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Tania Roskams aus Leuven hat gewebetypische Stammzellen in Tumoren entdeckt, die in der Leber entstehen. Der Leberzellkrebs wird immer häufiger bei Patienten mit chronischen Leberkrankheiten diagnostiziert. Durch den ständigen entzündlichen Reiz, etwa bei Leberzirrhose, werden Leberstammzellen aktiviert. Sie bilden ein Reservoir für die Regeneration des Gewebes. Vieles spricht dafür, dass es bei der Entartung zu einem Stillstand der Entwicklung aus diesen Vorläuferzellen kommt. Dies erklärt auch, warum die Leberzelltumoren oft so verschiedenartig erscheinen. Teils können die entarteten Zellen sich noch differenzieren. Andere aber transformieren und werden bösartig.
Neue Substanz gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs
Die Verschiedenartigkeit von Leberzellkrebs verursacht nicht selten Schwierigkeiten bei der Diagnostik aus den Gewebsproben der Patienten. Tania Roskams schlug daher vor, bei der Diagnostik die neuen Erkenntnisse zu berücksichtigen. Denn die Leberstammzellen können ebenfalls anhand von Strukturen auf der Oberfläche erkannt werden. Sind sie in den Tumoren nachweisbar, zeigt die Krankheit bei den Patienten oft einen sehr ungünstigen Verlauf.
Wie so oft, wurde auch in Salzburg deutlich, dass der Fortschritt der Krebstherapie weiter in kleinen Schritten verläuft. Nicht jeder Patient profitiert von neuen Medikamenten. Erst vor wenigen Wochen wurde eine neue Substanz für die Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebses in Europa zugelassen. Thomas Seufferlein aus Ulm wies jedoch darauf hin, dass es nur bei Patienten mit Streuherden wirksam ist. Bei den vielen Patienten mit Tumoren, die zwar lokal fortgeschritten sind und daher nicht mehr operiert werden können, zeigt es kaum einen nennenswerten Effekt. Die Ärzte konnten zudem beobachten, dass die Behandlung dann erfolgreich ist, wenn die Patienten einen Hautausschlag erleiden. Diese eigentlich unerwünschte Wirkung gilt ihnen daher als ein Maßstab für die Wirksamkeit der Therapie.