Ist es möglich, dass man von Schichtarbeit Krebs bekommt? Das Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Sozialhygiene der Universität Köln wertete mehr als dreißig internationale Studien aus, die mögliche Zusammenhänge zwischen Schichtarbeit oder Flugbegleitungsdienst und Krebs untersuchen. Ergebnis: Stewardessen bekommen demnach etwa siebzig Prozent häufiger Brustkrebs als andere erwerbstätige Frauen, Piloten und Flugbegleiter bekommen vierzig Prozent häufiger Prostatakrebs als männliche Vergleichsgruppen. Zu ganz ähnlichen statistischen Ergebnissen kamen Institutsleiter Thomas Erren und seine Mitarbeiter für den Schichtdienst mit Nachtarbeit.
Basierend auf vergleichbaren Datensätzen deklarierte die Weltgesundheitsorganisation bereits Ende vergangenen Jahres Schichtdienst mit Nachtarbeit als möglicherweise krebsgefährdend. 15 bis 20 Prozent aller in den westlichen Industrienationen beschäftigten Menschen arbeiten ständig in Schichtsystemen, die Nachtarbeit enthalten.
Derhythmisierung des Nacht-Tag-Wechsels
Eine mögliche Ursache für die Häufung von Tumoren bei Schichtdienst scheint die Entkopplung vom Tag-Nacht-Rhythmus zu sein, die sogenannte Derhythmisierung des ansonsten stabilen Wechsels von Licht und Dunkelheit. Licht bei Nacht unterbindet die Produktion des Hormons Melatonin, welches alle Körperzellen auf Dunkelheit einstellt und damit mannigfache Regenerations- und Reparaturvorgänge einleitet. Weiterhin schützt Melatonin unsere Zellen vor Schäden durch freie Sauerstoffradikale - weitaus intensiver sogar als die bekannten Antioxidantien Vitamin C und E.
Der Bauplan unseres Körpers ist viele tausend Jahre alt, aus einer Zeit, als es noch lange kein künstliches Licht und erst recht keine Schichtarbeit gab. Licht bei Nacht war nicht vorgesehen. Etliche Stoffwechselprozesse und hormonelle Regulationen folgen inneren Rhythmen und sind an den mit der Erdrotation synchronisierten Wechsel von Helligkeit und Dunkelheit und damit vor allem auch an regelmäßigen, gesunden Nachtschlaf gekoppelt. So schüttet die Hirnanhangdrüse fast nur in den Tiefschlafphasen der ersten Nachthälfte das Wachstumshormon HGH aus. Das männliche Geschlechtshormon Testosteron, das Schilddrüsen-Steuerungshormon TSH sowie Melatonin werden fast nur in den Schlafphasen der Nachtmitte ausreichend gebildet.
Innere biologische Uhren
Das Hormon Leptin unterdrückt im Schlaf normalerweise das Hungergefühl. Bleiben wir nachts wach, wird kaum Leptin produziert, der Appetit steigt an, wir essen mehr und nehmen zu. Alleine Übergewicht für sich lässt wiederum das Risiko für Bluthochdruck, Diabetes und andere Krankheiten ansteigen, hinzu kommen beim Nachtschichtarbeiter das Fehlen der normalen Blutdrucksenkung während des Nachtschlafs und auch eine geringere Empfindlichkeit der Körperzellen für das Blutzuckerhormon Insulin.
Isst man am Morgen nach einer wachen Nacht etwas Zuckerhaltiges, braucht der Körper deutlich mehr Insulin zur Normalisierung des Blutzuckers als nach einem guten Schlaf. Wie der Kölner Genetiker Jens Brüning herausfand, fördert ein erhöhter Insulinspiegel die Zellalterung und die Anfälligkeit für viele degenerative Erkrankungen inklusive Krebs. In unserem Körper sind innere biologische Uhren am Werk, die sich unserer auf maximale Effizienz und Produktivität ausgerichteten Lebens- und Arbeitsweise nicht angepasst haben.
Zu wenig Licht im Büro
Licht und Dunkelheit sind die stärksten Taktgeber der inneren Uhr. Die lichtsensiblen Strukturen unseres Körpers befinden sich auf der Netzhaut des Auges. Zwar scheint dies wenig verwunderlich, und doch wurde der hierfür verantwortliche Photorezeptor erst im Jahr 2001 von Kavita Thapan und George C. Brainard beschrieben. Es handelt sich um große retinale Ganglienzellen, die das Pigment Melanopsin enthalten. Sie reagieren nur auf Licht einer bestimmten Wellenlänge im blauen Bereich. Bei Lichteinfall senden die Ganglienzellen Impulse an ein Nervengeflecht direkt über der Sehnervenkreuzung, den Nucleus Suprachiasmaticus (SCN), der als Master-Zeitgeber des Körpers gilt. Der SCN ist eng mit der Zirbeldrüse verschaltet, einem Knötchen in der Mitte des Gehirns, welches bei manchen Tieren eine Art drittes Auge bildet.
Wenn der SCN „still“ ist, in nächtlicher Dunkelheit, produziert die Zirbeldrüse das Schlafhormon Melatonin nach einem festen Zeitplan. Fällt helles Licht auf die Netzhaut, „feuert“ der SCN und stoppt die Melatoninproduktion der Zirbeldrüse. Um diesen Effekt zu bekommen, braucht es eine Beleuchtungsstärke von etwa 2000 Lux. Selbst an einem grauen und regnerischen Herbsttag unter freiem Himmel werden gut 8000 Lux erreicht. Hingegen herrschen in fast allen unseren Büros, Praxen und Werkshallen um 600 Lux. Was bei Nacht schon zu viel ist, um schlafen zu können, ist frühmorgens viel zu wenig, um hellwach und fit zu werden. Setzt man Schülern morgens während des Unterrichts spezielle helle Tageslichtlampen auf die Tische, verbessern sich ihre Schulnoten deutlich, wohingegen frühmorgendliche Hirnstromuntersuchungen bei normaler Klassenraumbeleuchtung zeigten, dass nicht wenige Schüler bei geöffneten Augen tatsächlich noch in mitteltiefen Schlafstadien verweilten.
Die deutsche Lichtkatastrophe
Der Schlafforscher und Melatoninexperte Dieter Kunz vom Berliner St.-Hedwigs-Krankenhaus und der Charité bezeichnet dies als Teil einer deutschen „Lichtkatastrophe“. Denn während die Lichtindustrie gerade erste Schritte unternimmt, ihre Leuchtmittelforschung auf unsere biologischen und medizinischen Bedürfnisse auszurichten, agiere der Gesetzgeber weiterhin „nachtblind“. Demnächst werden bestimmte Energiesparlampen verpflichtend, die einen deutlich erhöhten Blauanteil haben und damit im abendlich illuminierten Schlaf- oder Badezimmer anstelle der durch Melatonin ausgelösten Bettschwere - in diesem Fall kontraproduktive - Wachheit erzeugen.
Melatonin galt in den Vereinigten Staaten in den neunziger Jahren als Zaubermittel gegen alles und jedes und wurde dementsprechend unkritisch vermarktet und eingenommen. Melatonin gehört nach Überzeugung der Experten aber definitiv in die Hand eines Arztes. Schlafmediziner setzen es gezielt bei manchen Ein- und Durchschlafstörungen ein, besonders bei jenen Patienten, die durch Schichtdienst oder Langstreckenflüge leiden. Denn Melatonin kann - zum richtigen Zeitpunkt gegeben - die aus dem Takt geratene innere Uhr wieder zum richtigen Schwingen bringen und damit die wichtige Taktung hormoneller Rhythmen übernehmen. Diese Wirkung und das Potential des Melatonins als Radikalfänger könnte den schützenden Effekt eines gesunden Nachtschlafs erklären sowie die erhöhten Krebsraten erklären, die man bei den an Melatoninmangel leidenden Schichtarbeitern und beim Flugpersonal beobachtet. Endgültig geklärt ist das allerdings nicht.
Schon nach sechs Jahren Schichtarbeit steigt nach Überzeugung Jürgen Zulleys, einen der führenden Schichtdienstforscher im Land, das allgemeine Erkrankungsrisiko merklich an. Das berichtete er kürzlich auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) in Kassel. Neben der Krebsabwehr seien insbesondere der Magen-Darm-Trakt, das Herz-Kreislauf-System und die Psyche betroffen. Wenn auch Nachtarbeit in manchen Branchen notgedrungen nicht wegfallen kann, so bedürfen doch nach Ansicht der Schlafmediziner Flugpersonal und Schichtarbeiter sehr engmaschiger medizinischer Kontrollen, damit Krankheiten früh erkannt werden.
Sehr interessanter Beitrag, aber...
Thomas Fahrig (tf14)
- 10.12.2008, 12:55 Uhr
Überraschung?
Günter Weber (GWeberBV)
- 10.12.2008, 13:35 Uhr
Unklarer Bezug
Christopher Lüning (cluening)
- 10.12.2008, 13:41 Uhr
