17.05.2009 · Alternativmediziner finden in Deutschland immer größeren Zulauf. Sind ihre Methoden so wirksam? Oder nehmen sie sich einfach mehr Zeit für die Patienten? Wenn Patienten spüren, dass etwas hilft, fragen sie nicht nach Forschungsergebnissen.
Von Julia GrossMarkus Huber ist das, was man in Bayern einen „gestandenen Mann“ nennt. Doch wenn der IT-Fachmann von seiner Osteopathie-Behandlung spricht, klingt das fast entschuldigend. Nach einem Jahr voller Schulterschmerzen, die sein Orthopäde mit Tabletten und Massagen nicht beseitigen konnte, hatte er sich von Frau und Freunden dazu überreden lassen.
Dass die Osteopathin statt an der Schulter seelenruhig auf seiner Leber herumdrückte, stimmte ihn nicht weniger skeptisch. Er wisse, wie seltsam sich das alles anhöre, sagt Huber, aber die Beschwerden seien danach verschwunden.
Mehrheit für alternative Verfahren
Die Wirksamkeit von Osteopathie ist nicht belegt. Trotzdem ist Hubers Misstrauen schon fast ungewöhnlich. In der Schweiz stimmen die Bürger heute sogar über die Verankerung der sogenannten Komplementärmedizin in der Verfassung und damit auch im Erstattungskatalog der Kassen ab. Würde man die Bundesbürger vor diese Wahl stellen, wäre eine überwältigende Mehrheit für Pflanzenheilkunde, Akupunktur, Homöopathie und andere alternative Verfahren wohl sicher.
Denn in kaum einem anderen Land nehmen so viele Patienten alternative Methoden in Anspruch wie in Deutschland. Über 60 Prozent haben sich schon auf diese Weise behandeln lassen, in den Vereinigten Staaten sind es knapp über 40, in Großbritannien nur 20 Prozent. Und mehr als 90 Prozent der Anwender sind einer Erhebung der Techniker Krankenkasse zufolge mit dem Behandlungserfolg zufrieden.
Große Lücke zwischen Beliebtheit und Evidenz
„Kollegen aus dem Ausland sind häufig verwundert, wie stark die Komplementärmedizin in Deutschland verankert ist“, sagt Claudia Witt, Professorin für Komplementärmedizin an der Berliner Charité. Hierzulande besitzen rund 30.000 Ärzte eine Zusatzausbildung in Akupunktur, 10.000 in Naturheilkunde und 6000 in Homöopathie. Bestimmte Diagnosen erlauben bei uns Akupunktur auf Krankenschein, einige gesetzliche Kassen ersetzen auch Kosten für Naturheilverfahren oder homöopathische Behandlungen bei Ärzten mit entsprechender Qualifikation.
Mit der Wirksamkeit komplementärmedizinischer Methoden hat diese Realität allerdings wenig zu tun. „Es klafft eine riesige Lücke zwischen der Beliebtheit und der Evidenz der Methoden“, sagt Witt, deren Professur in Berlin vor einem Jahr eingerichtet wurde, um eben genau diese Evidenz zu erforschen. Am besten belegt ist noch die Effektivität verschiedener pflanzlicher Arzneimittel wie Johanniskraut bei milder Depression oder Ingwer bei Übelkeit.
Dagegen sieht es mit Beweisen in anderen Sparten der Komplementärmedizin eher düster aus. Die Cochrane-Datenbank, die systematische Übersichtsarbeiten zur Wirksamkeit medizinischer Behandlungsmethoden bietet, enthält mehr als 200 Arbeiten zu komplementärmedizinischen Methoden. Und viele kommen zum gleichen Ergebnis: „Konnte kein Beleg zur Wirksamkeit gefunden werden“ oder „Besteht weiterer Forschungsbedarf“ heißt es etwa unter dem Stichwort Homöopathie.
Zahnstocher statt Nadeln
Geradezu rätselhaft wird es bei der Akupunktur, der wohl am besten untersuchten Methode. Bei verschiedenen Schmerzerkrankungen geht es Patienten, die zusätzlich zur Standardbehandlung akupunktiert wurden, zwar häufig besser als denen, die nur die Standardtherapie erhielten. Allerdings leiden auch jene Patienten weniger, die irgendwo anders als an den speziellen Akupunkturpunkten gepiekst wurden.
Und ebenso gut zu funktionieren scheint es nach einer aktuell veröffentlichten Studie, wenn Therapeuten mit Zahnstochern nur so taten, als ob sie in die Haut stechen würden. „Das macht die Erklärung jetzt doch etwas schwierig“, meint Claudia Witt. „Man dachte vorher, der Impuls durch die Nadel, egal, wo sie eingestochen wird, trägt relevant zur Wirkung bei. Aber das scheint nun bei dieser Studie gerade nicht der Fall zu sein.“ Witt selbst konnte zeigen, dass die Erwartung von Akupunktur-Patienten erheblich mit dem Therapieergebnis korreliert: Je mehr sie glaubten, dass das Pieksen helfen würde, desto häufiger tat es das auch.
Der berühmte Placebo-Effekt
Vermutlich ist hier der berühmte Placebo-Effekt im Spiel. Insgesamt fällt es Wissenschaftlern schwer, abzugrenzen, was den größeren Beitrag zur Heilung leistet. Wirklich der Eingriff, also das Stechen der Nadeln? Oder eher die Gesamtsituation, das Gespräch mit dem Therapeuten?
„Randomisierte, kontrollierte Studien sind nicht immer für alle Fragestellungen geeignet“, erklärt Dieter Melchart, Leiter des Zentrums für naturheilkundliche Forschung der TU München, das sich seit mehr als zwanzig Jahren mit Komplementärmedizin beschäftigt. Zum Beispiel weiß ein Akupunkteur immer, ob er „richtige“ oder Placebo-Akupunktur an einem Patienten durchführt - das übliche Prinzip von „doppelt-blind“, wo weder Arzt noch Patient eingeweiht sind, funktioniert also nicht. Abgesehen davon fehlt oft das Geld, um methodisch saubere Studien zu finanzieren.
Individuelle Erfahrung und Mundpropaganda
„Dennoch haben die Patienten natürlich ein Recht darauf, dass der Nutzen solcher Therapien belegt wird“, meint Melchart. Doch viele sehen das offenbar nicht so eng. „Da zählt mehr die individuelle Erfahrung oder auch Mundpropaganda. Wenn Patienten gespürt haben, dass etwas hilft, ist ihnen das häufig näher als abstrakte Forschungsergebnisse“, berichtet Claudia Witt aus der Praxis. Aber soll ein solidarisches Gesundheitssystem deshalb für Therapien bezahlen, deren Wirksamkeit nicht bewiesen ist? Und warum ziehen überhaupt so viele die Komplementär- der hochentwickelten und überprüften Schulmedizin vor?
Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ein Besuch beim Hausarzt im Durchschnitt keine acht Minuten dauert. Oder dass über 60 Prozent der Patienten mit einem Rezept die Praxis verlassen, obwohl sie sich das gar nicht so sehr wünschen. Vielleicht liegt es daran, dass Arztkonsultationen in Deutschland im europäischen Vergleich die kürzesten sind, sich dabei am meisten auf den Arzt zentrieren und von den Patienten als stark belastend empfunden werden.
„Niederschwelliges Psychotherapieangebot“
Das sind Vermutungen. Ziemlich sicher lässt sich aber sagen: Die Patienten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. „Das paternalistische Verhältnis zwischen Arzt und Patient von einst wollen die Patienten heute nicht mehr“, sagt Hermann Faller vom Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Universität Würzburg. „Sie möchten besser informiert werden, sie möchten ihre subjektive Sicht der Dinge einbringen und vor allem in Entscheidungen miteinbezogen werden.“ Letzteres wünschen sich 80 Prozent der Patienten. Doch es passiert nur in knapp der Hälfte aller Konsultationen. Dass sich die Mitwirkung der Patienten positiv auswirkt, ist messbar. Daran, dass sie ihre Lebensqualität höher einschätzen, an der geringeren Zahl von Überweisungen und sogar an körperlichen Parametern wie dem Blutzuckerspiegel.
Patienten wünschen sich außerdem emotionale Unterstützung. Kein Trösten, betont Faller, sondern Zuhören. Doch Zeit ist heute in der Schulmedizin offenbar ein unbezahlbarer Faktor. Kein Wunder, dass Patienten ausführlichere Konsultationen bei Heilpraktikern, Akupunkteuren, Chiropraktikern oder Therapeuten, die nach Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin arbeiten, vorziehen. „Pointiert ausgedrückt, halte ich komplementärmedizinische Therapien für ein niederschwelliges Psychotherapieangebot“, sagt Hermann Faller. Dabei zeigen Studien, dass patientenzentrierte Gespräche keineswegs länger dauern müssen als Arztmonologe. Wenn doch, verbessert das oft die Mitarbeit der Patienten. Kann das deutsche Gesundheitssystem sich das wirklich nicht leisten?
Ein Plus für die Lebensqualität
Die anthroposophische Abteilung im Asklepios-Klinikum in Hamburg-Rissen riecht schon ganz anders. Nicht nach Krankenhaus, sondern nach Melisse, nach Kümmelöl oder Sauerklee. Das liegt an den Einreibungen, die Patienten hier zwei- bis dreimal am Tag erhalten. Sie sind Teil der anthroposophischen Behandlungs-Philosophie. Ebenso wie Heileurythmie, therapeutisches Malen, Bäder oder Sprachtherapie zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung der akuten Symptome. „Natürlich gibt es Kollegen, die das für Quatsch halten“, sagt Chefarzt Jörn Klasen.
Doch es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass die bis zu 37 meist schwer erkrankten Patienten jede Berührung, Förderung und Pflege über die schulmedizinische Behandlung hinaus als angenehm und als Plus für ihre Lebensqualität empfinden. Mehr bezahlen muss dafür keiner. Die Klinik erhält für die palliative Versorgung und das anthroposophische Konzept einen Zusatzbetrag von den Kassen. „Das ist ein bisschen knapp, aber wir kommen damit zurecht“, sagt Klasen. Er wünscht sich den Arzt als Berater, der Patienten sagt, was sie für sich selbst tun können, und Spezialisten hinzuzieht. Kein Entweder-oder von Alternativ- und Schulmedizin, sondern eine Ergänzung.
Die Vorteile der Komplementärmedizin lägen nicht in einzelnen Methoden, sagt Dieter Melchart, sondern in der größeren Verantwortung, die sie Patienten für ihre Gesundheit überlasse. „Das ist Medizin, die wir in Zukunft benötigen.“